Captain Phillips

„No tricks, no tricks!“, rufen die somalischen Piraten ihren Geiseln auf dem US-Frachtschiff immer wieder mahnend zu. Paul Greengrass’ Film zeigt Kräfteverhältnisse, die diese Forderung zur Makulatur machen.

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Der Film heißt nicht Captain Phillips vs. Captain Muse. Er ist nach nur einer der beiden Hauptfiguren benannt, und der von Tom Hanks gespielte Kapitän eines US-Containerfrachters bleibt noch auf die Weise Protagonist, wie wir das aus unzähligen Filmen kennen, also ein heldenhafter (klar: Tom-Hanks-ottonormalheldenhafter) Mittelpunkt, und sein Widerpart auf dem angreifenden somalischen Piratenboot (Barkhad Abdi) bleibt noch immer eine auf ihn ausgerichtete, über ihn bewertete Figur. Doch dem Ziel, beide Opponenten in ein dramaturgisches, visuelles und ethisches Gleichgewicht zu bringen und damit unseren nach spannender Unterhaltung gierenden Blick in gleiche Nähe zu beiden Seiten zu versetzen, nähert sich Paul Greengrass in Captain Phillips ein beachtliches Stück – und wird dabei sowohl den Erfordernissen des Spannungskinos wie der Verantwortung gegenüber seinem Thema gerecht.

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Natürlich kann Greengrass ein komplexes Phänomen wie die Piraterie vorm Horn von Afrika in einem zweistündigen Thriller nicht erschöpfend erklären. Aber er kann die Dimensionen des Problems erfahrbar machen. Wenn Phillips und Muse aus ihren jeweiligen Wohnorten – dem US-Vorstadtidyll, dem bitterarmen somalischen Fischerdorf – in Greengrass’ pulsierender Montage aufeinander zu und, mitsamt ihren Crews, in eine Konfrontation auf Leben und Tod hineingetrieben werden, dann sind sie weder autonom Handelnde noch Schicksalsgetriebene, sondern Subjekte, die unentwegt Entscheidungen treffen müssen, deren Anlässe und Folgen weit über ihren individuellen Spielraum hinausgehen. Ob das Gebiet, das die „Maersk Alabama“ mit ihrer Fracht durchkreuzt, nun den Somaliern gehört – so sieht es Muse – oder ob es „internationales Gewässer“ ist – so sieht es Phillips: Das offene Meer des klassischen Piratenfilms, wo in sturmumtoster Einsamkeit die Gegner aufeinanderprallten, ist einem rund um die Uhr überwachten und verwalteten Gewässer gewichen, auf dem alle Akteure stets auf dem Radar, oder vielmehr: den gegnerischen Radaren sind. So zerren an beiden Seiten unablässig große Kräfte – höchst ungleiche ökonomische Kräfte, deren Interessen sich durchkreuzen.

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Schon wenn die beiden winzigen Piratenjollen ihren ersten, noch scheiternden Angriff auf das riesige Frachtschiff starten, entsteht für uns der Thrill aus der unbequemen Lage, weder den vermeintlich Guten die Daumen drücken noch die vermeintlich Bösen romantisieren zu können, vielmehr Zeugen einer unheilvollen Verstrickung zu werden, bei der niemand ganz unschuldig bleiben kann und jeder versehrbar ist. Die dabei waltenden Größen- und Kräfteverhältnisse macht der Film geradezu physisch erfahrbar. Die „Maersk Alabama“ mag in der Totalen des weiten Meeres klein und verletzlich aussehen, im Kontrast zu dem Piratenboot (beim zweiten Angriff ist es nur noch eins) wirkt sie wie eine Festung, und den Eindringlingen zeigt sie sich als unüberschaubares Labyrinth, in dem Glassplitter die Fußsohlen zerfetzen. Andererseits haben die nur vier Piraten die Waffen und den unbedingten Willen. Doch ebenso erwacht in der anfangs verzagten Besatzung der Wille zu Gegenwehr – was auch den Willen zu verletzen und zu töten mit einschließt.

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Im Verlauf dieser Konfrontation wechseln die punktuellen Vorteile sehr rasch – wer ist stärker, entschlusskräftiger, skrupelloser, trickreicher, mutiger, verhandlungssicherer, gewalttätiger? – , und die so gegensätzlichen Anführer, der bedächtige Phillips und der wie unter Strom stehende Muse, begegnen sich durchaus auf hyper-aufmerksamer Augenhöhe. Ohne dass aber nur einen Moment Zweifel daran besteht, wer am Ende am längeren Hebel sitzen wird, wer die Warlords an der Küste und wer die Kampfhubschrauber und Zerstörer der Navy im Rücken hat. Im Hauptteil des Films mag Captain Phillips mit den Piraten auf einem Rettungsboot alleine sein, ihrer gefährlich zwischen Aggression, Angst und Hysterie pendelnden Stimmung ausgeliefert, immer wieder mit dem Tode bedroht. Doch dass die im Hintergrund längst angeworfene Maschinerie die Entführer ihr Ziel je erreichen ließe, ist ausgeschlossen. Bald schon fährt die Kamera an einem Tau entlang, das das Rettungsboot mit einem Navy-Schiff verbindet, und für die neuen Mitspieler erschöpft sich das Problem in der Frage, wann drei rote Punkte im Zielfernrohr zu grünen Punkten werden.

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Anders als in früheren Arbeiten setzt Paul Greengrass nicht auf direkt dokumentarische Elemente oder auf Improvisation. Auch wenn er auf einer wahren Begebenheit beruht, ist Captain Phillips inszenierter Thriller durch und durch, und wenn sein Blick dabei doch stets dokumentarisch ist, dann weil er von glühendem Interesse für die Welt, aus der er seine Spannung zieht, durchdrungen ist. Für die Lebens- und Arbeitsräume seiner Figuren, für den mit endlosen bunten Containerstapeln beladenen Hafen des Oman, für schmuddelige Kombüsen, in denen mürrische Lohnabhängige ihr gewerkschaftliches Recht einfordern, für rostige Segelboote, deren überlebenshungrige Insassen um die Hackordnung kämpfen. Ein Interesse für Körper und Gesichter, an denen die Kamera oft ganz nah dran ist. Wie Phillips und seine Geiselnehmer auf dem Rettungsboot über Blicke kommunizieren, Machtverhältnisse austarieren, Handlungsräume ausloten, wie sich auf Mund- und Augenpartien Panik, Wut, Hoffnung auf Mitgefühl und selbsterzwungene Härte abwechseln, das erreicht im Ensemblespiel eine heftige Intensität.

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Nach einem Blockbuster-Sommer voll comichaftem Eskapismus, der die realen Konflikte der globalen Gegenwart, wenn überhaupt, dann nur auf halbherzige (Elysium) oder kindlich-naive Weise (White House Down) in die filmische Welt aufnahm, sticht Captain Phillips als ein Film hervor, der ganz und gar in this world ist. Dabei kokettiert er in keinem Moment damit, Relevanzkino zu sein – er will uns in Atem halten und an die Sitze fesseln. Aber indem er dabei seine Figuren und ihre Konflikte, unseren Verstand und unser Einfühlungsvermögen ernst nimmt, wird er genau das: relevantes Kino.

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