Caprice

Platinblond oder rothaarig? In seinem Film gibt der französische Regisseur und Schauspieler Emmanuel Mouret den weltfremden Sonderling und lässt zwei Theaterdarstellerinen auf ihn einwirken.

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Caprice ist eines dieser schillernden Wörter, für die es in unserer Sprache kein alltagstaugliches Äquivalent gibt. Seite an Seite vereint es das wütende Kind und den entbrannten Schwärmer in ihrem Eigensinn. Beide von einem wunderlichen Einfall übermannt, sehen sie eigentlich schon dem Ende dieser Laune entgegen, denn ein caprice, so lehren Wörterbuch und Erfahrung, ist selten von Dauer. Caprice dagegen, die junge Frau (Anaïs Demoustier), die den gleichnamigen Film durch ihren unbedingten Willen in Trab hält, setzt sich anfangs darin fest und ist unverrückbar. Vielmehr ist es ihre Anwesenheit, die die anfangs schnell hergestellte Ordnung verrückt und Verwirrung stiftet in allzu klaren Verhältnissen.

Samtrote Sitze gegen Garagentheater

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Dass Caprice ihr (Un-)Wesen treiben kann, liegt an dem Objekt ihrer Begierde, dem denkbar laschen Clément (Emmanuel Mouret), dem nach einigen zufälligen Begegnungen aus irgendeinem Grund ihre überbordende Zärtlichkeit gilt. Der Regisseur, der seine eigene Rolle zur Genüge und irgendwann auch bis zur Erschlaffung ausreizt, gibt den wohlbekannten Sonderling. Tapsig stolpert der geschiedene Vater durchs Leben, unterrichtet eine Horde von Grundschulkindern, die sich nicht merklich von ihm unterscheiden, und verbringt seine Abende im Theater, wo er tränenüberströmt sein Idol, die Kultschauspielerin Alicia Bardery (Virginie Efira), bestaunt. Der Film hat sehr viel Zärtlichkeit übrig für den entschieden unentschiedenen Clément und macht sich einen Spaß daraus, seinen Traum zu erfüllen: Ehe er’s merken kann, ist Clément mit dem angehimmelten Star zusammen. Haarsträubend unglaubwürdig, aber Caprice pfeift zu recht auf Glaubwürdigkeit. Je abgefahrener, desto besser. Dazwischen immer wieder Slapstick, manchmal lustig, manchmal weniger.

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Wie sollte es sich auch anders verhalten in einem Film, in dem das Theater in der Person von Alicia Bardery von der Bühne hinab in das Leben seines Zuschauers steigt. Tatsächlich aber, und das macht Caprice sehr spannend, kommt Alicia in dieser Wirklichkeit nicht an. Sie bleibt ein Bild, von marmorner Schönheit und konstantem Gemüt, so unzugänglich wie auf dem Plakat. Die Kamera fängt sie immer so ein, als stünde sie auf einem Podest, erstarrt zu einer Statue. Ein majestätischer Hintergrund, vor dem sich die zweite Theaterdarstellerin dieses Films, Caprice, in ihrem quirligen Post-Teenager-Dasein deutlich abzeichnet. Caprice kommt von einem anderen Theater, eines, das in einer mickrigen Spielhalle 70 Kilometer von Paris gespielt wird und es als Erfolg verbucht, wenn unter der Handvoll Zuschauer einige tatsächlich für den Eintritt gezahlt haben. Dabei ist sie nicht unbegabt, sie ist lediglich unbekannt. Von Anfang an spielt der Film mit dem Kontrast zwischen Alicia und Caprice, spitzt ihn genüsslich zu: da die platinblonde Diva, hier das rothaarige College-Girl. Nun sei dahingestellt, ob die beiden Frauen jeweils ihr Theater vertreten, das Theater mit den samtroten Sitzen gegen das Garagentheater; das Theater, das den bequemen Alltag finanziert, gegen das Theater, das man mühsam dem Alltag abringen muss, wenn alle Pizzen einmal geliefert wurden. Wichtig ist hier nicht der Ausgang, sondern das Duell.

Die Verlängerung der Bühne

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Denn Clément ist natürlich das Schlachtfeld, der Ort, an dem Alicia und Caprice aufeinanderprallen. Die Frauen buhlen um die Gunst des Liebhabers, die Schauspielerinnen um die Gunst des erfahrenen Theatergängers. Wie eine Puppe wird Clément durch den Film getrieben. Unentwegt wirken alle möglichen Kräfte auf ihn, ohne dass er dem Durcheinander etwas aus eigener Kraft entgegenzusetzen wüsste. In diesem Film sind die Männer ohnehin fest in den Händen der Frauen, bis in die Nebenrollen zeigen diese, wo’s langgeht. Dass Clément, liebevolle Karikatur der Antivirilität, beiden Frauen nichts entgegensetzen kann, ist natürlich nicht so schlimm. Denn in Caprice ist alles halb so wild und Cléments Leben eher vergnügte Qual. Immer wieder enthebt sich der Film von der Wirklichkeit, schwebt mit dem jazzigen Soundtrack. Keine Tränen, kein Drama: Als die dämonisch-verschmitzte Caprice Clément auffordert, sie zu seiner Mätresse zu machen, sagt sie mit großem Ernst, es sei egoistisch, nur eine Frau glücklich machen zu wollen.

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Gerade die Dialoge sind theatralisch, deutlich ragt die Theaterbühne in das, was man das „echte Leben“ nennen möchte und was hier eher ihre Verlängerung denn ihr Gegenüber ist. In Caprice wird nicht gesprochen, sondern deklamiert, das Gesagte ist herrlich gestelzt und nicht selten staubtrocken. „Im Theater spielt man, im Kino hat man gespielt“, gibt irgendjemand irgendwann zum Besten. In Caprice hat man gespielt, dass man spielt.

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