Capote

Die andere Seite der Kunst: Bennett Millers Filmbiographie konzentriert sich auf eine entscheidende Phase im Leben Truman Capotes, auf die Frage der Verantwortung des Schriftstellers gegenüber seinem Sujet und auf einen großartigen Philip Seymour Hoffman.

Capote

1959 auf einer Farm in Kansas: zwei junge Männer dringen mit Messer und Gewehr bewaffnet in das Haus ein, ermorden die vierköpfige Familie, erbeuten einige wenige Dollar und ein altes Kofferradio. Der gefeierte Schriftsteller Truman Capote (Frühstück bei Tiffany, Breakfast at Tiffany’s, 1958) fährt mit seiner guten Freundin und Kollegin Nelle Harper Lee (Wer die Nachtigall stört, To Kill a Mockingbird, 1960) an den Ort des Verbrechens, um für einen Artikel zu recherchieren. Als die Täter Perry Smith und Dick Hickock gefaßt werden, gelingt es Capote, vor allem zu Smith ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, und er beschließt, einen Tatsachenroman über die Morde zu verfassen. Der Autor führt Interviews mit allen Beteiligten, studiert Akten, Briefe und Tagebücher, nichts kann sich seinem exploitativen Zugriff auf die Wirklichkeit entziehen. Kaltblütig (In Cold Blood, 1965) wird ein gewaltiger Erfolg werden, der detailversessene Reportagestil des Buches wird die Verbindung von Journalismus und Literatur populär machen. Doch die Arbeit an seinem Literaturgeschichte schreibenden Werk kostet Capote ganze sechs Jahre, denn zu einem dramaturgisch runden Abschluß gehört die Hinrichtung der Täter – und ausgerechnet die läßt auf sich warten. Etwaige Empathie für die zum Tode Verurteilten tritt hinter dem Wunsch nach dem perfekten Roman und dem eigenen Ruhm zurück. Kaltblütig waren nicht nur die Morde, kaltblütig ist auch das Kalkül des Schriftstellers, mit dem aus Realität Kunst werden soll.

Capote

Aus dieser hochinteressanten Konstellation bezieht Bennett Millers Drama Capote seine Spannung. Das Spielfilmdebüt liefert keine umfassende Biographie Truman Capotes, sondern beschränkt sich auf die Zeit der Arbeit an Kaltblütig. Diesen Focus hatte schon Gerald Clarke mit seiner umfangreichen Capote-Biographie vorgegeben, auf die sich das Drehbuch stützen konnte. Denn der über alles ersehnte Erfolg war auch der erste Schritt zum Niedergang des Schreib-Genies. Während seiner Recherchen des Mordgeschehens begann Capote zu trinken und Tabletten zu nehmen, an den Folgen seiner Alkoholsucht sollte er 59-jährig sterben. Nach Kaltblütig vollendete er nie wieder einen Roman, er überwarf sich mit Harper Lee und mit großen Teilen der New Yorker High Society, die in seinem geplanten Folgewerk bloß gestellt werden sollte.

Die innere Einsamkeit und die teilweise bis zur Amoralität gesteigerte Egozentrik verbindet den Schriftsteller mit dem Objekt seiner Betrachtung: dem Mörder Perry Smith. Das Abhängigkeitsverhältnis der beiden ist der Haupthandlungsstrang von Capote. Während Capote (Philip Seymour Hoffman) die Erzählungen des sensiblen wie selbstverliebten Perry (Clifton Collins Jr.) für seine Arbeit braucht, klammert sich dieser an die Hoffnung, einen verständnisvollen Freund gefunden zu haben, der ihm sogar einen guten Anwalt organisiert, damit Perry in Berufung gehen kann. In Wahrheit versucht der Autor nur, mehr Zeit für seine Befragung zu gewinnen. Als sich die Vollstreckung der Todesstrafe tatsächlich bis ins Unerträgliche hinauszögert, wird Capote krank vor Zerrüttung und Selbstmitleid: Man quält ihn, man lässt ihn sein Werk nicht beenden. Am Schluß gelingt es ihm unter großer Kraftanstrengung, gegenüber den Verurteilten noch einmal Anteilnahme aufzubringen. „Das war ein schreckliches Erlebnis“, wird er nach erfolgter Hinrichtung äußern. „Ich werde nie darüber hinwegkommen.“

Capote

Philip Seymour Hoffman hat in seiner zu Recht für den Oscar gehandelten Darstellung versucht, mit Fistelstimme, vorgestrecktem Kinn und nervösem Zucken unterhalb der Nasenspitze so genau wie möglich den originalen Capote wiederzugeben. Seine Verwandlung und sein vielschichtiges Spiel machen die kleine Sensation des Films aus. Nie weiß der Zuschauer, ob Capotes Motive rein egoistischer Natur sind, ob er auch Sympathie oder gar homoerotische Anziehung verspürt, ob er in Perry tatsächlich ein mörderisches Alter Ego erblickt, einen künstlerisch begabten Außenseiter mit einem großen Potential antisozialer Neigungen. Die Ambivalenzen machen die Figur faszinierend und enorm glaubwürdig.

Das Gegenbild des manipulativen, nach Anerkennung süchtigen Protagonisten ist die sanfte Harper Lee (Catherine Keener). Selbst als moralische Instanz bleibt sie zurückhaltend. Sie klagt Trumans vampiristisches Verhalten nie offensiv an, sondern verströmt eine stille Trauer über den Verlust seiner Integrität zugunsten der Gier nach Ruhm. Die gleiche Trauer hinterläßt Capote. Ruhiger Schnitt und entsättigte Farben verstärken die Grundstimmung und die Konzentration auf die Hauptfigur. Extravagante Partyszenen, für die Truman Capotes Leben reichlich Anlass gegeben hätte und explizitere Thematisierung seiner Homosexualität bleiben ausgespart. In der Wahl seiner Mittel übt der Film Zurückhaltung, umso präziser fällt der Blick auf die Beweggründe menschlichen Verhaltens aus. Plakative Verurteilung umgeht Capote. Der langsam wachsende Schmerz wirkt viel nachhaltiger.

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