Caótica Ana

Die chaotische Ana verlässt das heimische Ibiza und macht sich auf gen Madrid und Amerika. Zwischendrin unternimmt sie Abstecher ins eigene Unterbewußtsein.

Caótica Ana

Eigentlich müsste man mit dem Ende des Films beginnen, mit den letzten zehn Minuten. Da findet Chaotic Ana ganz zu sich selbst, in einer grandios-sonderbaren Schlusspointe, deren Reiz darin begründet liegt, dass sie gerade nicht die organische Fortsetzung oder folgerichtige Zuspitzung des Vorhergehenden ist, sondern in einem weitaus komplexeren Verhältnis zum restlichen Film steht. Kein episches Finale, auch nicht die Moral von der Geschicht, sondern eine Seitwärtsbewegung, eine Verlagerung der filmischen Dynamik in ein anderes semantisches System.

Nun ist das Filmende für die Kritik tabu, es gehört jedem Zuschauer ganz allein. Fangen wir also mit der anderen Seite von Caótica Ana an, mit dem Anfang: Ganz zu Beginn jagt ein Falke (männlich) eine Taube (weiblich). Dann tanzt eine junge Frau (weiblich; Manuela Vellés) ekstatisch in einer Diskothek und ein dunkles Etwas (männlich) nähert sich ihrem Unterleib. In der nächsten Einstellung sieht man das Mädchen nackt am Strand. Sie legt sich in das Meer und lässt sich treiben.

Caótica Ana

Die junge Frau heißt Ana. Sie lebt in einer Höhle am Strand gemeinsam mit einem Mann, ihrem deutschen Vater Klaus (Matthias Halbich) auf Ibiza. Vor der Höhle (weiblich) ragt im Meer ein phallischer Felsen (männlich) in die Höhe. Bald darauf wird Ana von der Kunstmäzenin Justine (Charlotte Rampling), die ihr kreatives Talent fördern will, nach Madrid eingeladen. Das Erste, was der Film von Madrid zeigt, ist ein gläsernes Hochhaus (männlich). Ana wohnt auch hier in einer Art weiblichen Höhle, in einer Künstler-WG voller wandelnder Jungkünstlerklischees nämlich, in der an jeder Ecke schrecklich kreative bildende oder auch Videokunst berieben wird. In dieser neuen Höhle trifft sie einen neuen Mann: Said (Nicolas Cazalé), der nicht nur Künstler ist, sondern auch Biologe, außerdem Kriegswaise und eventuell schon in einem vorherigen Leben mit Ana bekannt gewesen.

Man benötigt mehr als nur ein wenig Toleranz für esoterischen Unsinn und Arthauskinoklischees, um einen solchen Filmanfang durchzustehen. Und glücklich kann man mit dem Film ohnehin nur werden, wenn man voraussetzt, dass Medem eigentlich auf etwas ganz anderes hinaus will. Und erstmal wird alles noch viel schlimmer. Zur aufdringlichen Sexualsymbolik und zum Hippiekünstlerkitsch gesellen sich alsbald Hypnose und Seelenwanderung. Nachdem der geliebte Said verschwunden ist, begibt sich Ana mit Hilfe des Amerikaners Anglo (Asier Newman) auf eine Reise zuerst ins eigene Unbewußte und anschließend in die Vergangenheit, zwecks Erforschung früherer Inkarnationen.

Caótica Ana

Eine ähnliche Reise ist das wie die von Alexandra Maria Laras Ursprachenerforscherin Veronica in Francis Ford Coppolas [filmid: 1301]Jugend ohne Jugend (Youth Without Youth, 2007). Wie Veronica wird Ana nicht am Ziel ankommen. Und wie Jugend ohne Jugend könnte auch Caótica Ana ein richtig guter Film sein, wenn er sich ein wenig genauer artikulieren würde.

In gewisser Weise kehrt Caótica Ana das Konstruktionsprinzip früherer Filme Julio Medems um. Die Vorgänger, vom Debütfilm Vacas – Kühe (Vacas, 1992) bis zum bisherigen Meisterwerk Lucia und der Sex (Lucía y el sexo, 2001), verwehrten sich einem linearen Handlungsaufbau zugunsten einer multiperspektivischen Erzählweise. Dank einer stringenten Motivik und der konsequenten Filmsprache funktionierten sie jedoch stets als kohärente, in sich geschlossene Werke. Caótica Ana macht es genau umgekehrt und bleibt auf der manifesten Handlungsebene anfangs geradlinig. Ana ist Dreh- und Angelpunkt des Films. Die Zeitsprünge und Schicksalsverkettungen, die Medems bisheriges Werk prägten, verschiebt Caótica Ana fast vollständig ins Unterbewusste seiner Protagonistin.

Doch trotz dieser Linearität, die unterstützt wird durch eine Kapiteleinteilung, die im Stil eines Raketencountdowns oder einer Hypnoseeinleitung rückwärts von 10 bis 0 zählt, ist Caótica Ana weniger kohärent als seine Vorgänger. Zwar passiert stets eines nach dem anderen und der Film zeigt das auch genau so, die Verbindungen zwischen dem einen und dem anderen werden aber, vor allem in der zweiten, deutlich besseren Hälfte des Films, fast nie durch Kausallogik oder kohärente Motivketten hergestellt. Und auch nicht, trotz der Konzentration auf die Hauptfigur, durch Charakterpsychologie. Medems Ana entwickelt sich nicht im Verlauf des Films, stattdessen verwandelt sie sich, immer und immer wieder, schon alleine optisch: Die anfänglichen Rastalocken und Hippiekleider verschwinden bald, später orientiert sie sich gar in Richtung Gothic. Ihre Wandlungen bestimmen Tempo und Atmosphäre des Films.

Caótica Ana

Caótica Ana ist ein grundlegend offener Film, ein Film, der sich jeder Schließung entzieht und assoziative Verbindungen bevorzugt. Die Nebenfiguren gruppieren sich in immer neuen Konstellationen um Ana auf deren mäanderndem Weg von Ibiza über Madrid bis und durch die USA. Diese Offenheit ist an sich kein Problem. Das Problem ist vielmehr ganz im Gegenteil, dass Medem diese Offenheit nicht deutlicher kommuniziert. Allzu oft scheint sie ihm nur zu unterlaufen und verwandelt sich in Willkür. Dabei liegt in ihr die Möglichkeit für einen neugierigen, vorurteilsfreien Blick auf die Welt.

Umso mehr zahlt sich die Strategie dafür in der eingangs erwähnten Schlusspointe aus, wenn Geistwandlermystik und Psychosexualität mit einem Mal und völlig unerwartet ins Politische gewendet werden. Rückwirkend versöhnt dieses Ende mit vielem, und es weckt Neugier auf die weitere Entwicklung Medems. Caótica Ana wirkt wie ein Übergangsfilm, und die neuen Gefilde, auf die der Spanier zusteuert, versprechen fruchtbar zu sein.

Kommentare


Zoey

ich habe diesen film jetzt gerade zue ende geschaut..und er hat mich sehr berührt...jedoch habe ich vieles nicht verstanden!vielleicht liegt es daran,dass ich keine ahnung von hypnosen oder dem unterbewusstsein habe,vielleicht liegt es daran, dass mir die nötige lebenserfahrung fehlt.aber ich möchte ihn gerne verstehen!
wieso vershwindet dieser mann einfach,nachdem ana so glücklich war?und was oder wer genau ist ana?wieso war sie so viele persönlichkeiten,wie kommt der andere darauf, sie zu hypnotisieren?wie ist das gemeint gegen ende des films, als ana sagt sie sei die mutter dieses typs?und weshalb verschwindet er wieder? ich möchte diesen film so gerne richtig verstehen...er ist sehr shön,emotional...


Jess

ch habe diesen film jetzt gerade zue ende geschaut..und er hat mich sehr berührt...jedoch habe ich vieles nicht verstanden!vielleicht liegt es daran,dass ich keine ahnung von hypnosen oder dem unterbewusstsein habe,vielleicht liegt es daran, dass mir die nötige lebenserfahrung fehlt.aber ich möchte ihn gerne verstehen!
wieso vershwindet dieser mann einfach,nachdem ana so glücklich war?und was oder wer genau ist ana?wieso war sie so viele persönlichkeiten,wie kommt der andere darauf, sie zu hypnotisieren?wie ist das gemeint gegen ende des films, als ana sagt sie sei die mutter dieses typs?und weshalb verschwindet er wieder? ich möchte diesen film so gerne richtig verstehen...er ist sehr shön,emotional...

Ich meine, du kannst den Film intepretieren wie du willst. Würdest du gerne mit deiner Mutter schlafen? Er hat ja auch keinen hochbekommen deswegen...Ana ist Ana. Aber aus Überzeugungen der Reinkarnation hat Ana schon früher gelebt. Also wenn du stirbst lebst du in jemandem anderen weiter (das glauben manche). Ich hab mal eine Reportage gesehen, in der eine Frau hypnotisiert wurde und diese auch sagen konnte, was sie in ihrem früheren Leben war...Mystisch. So wie bei Ana. Am Ende als sie den Typ "ankotet" meinst du....Ich erinnere mich nicht genau was sie sagte. Aber es hatte den Sinn, dass alle diese Frauen aus ihrem früheren Leben in ihr vereint sind. Ach diese Frage hab ich jetzt vergessen. Anglo (der sie hypnotisiert) war doch bei Anas "Anfall" im Restaurant dabei. Er hat sie in Hypnose versetzt, damit sie sich beruhigt und schläft. Aber er wurde neugierig, weil sie etwas erzählte, was sie nicht in diesem jetzigem leben erlebt haben kann. Nicht böse gemeint, aber du bist echt bisschen begriffsstutzig ;)


jess

Hab deinen Kommentar gerade nochmal gelesen, du meinst nicht die "Ankotszene". Ana sagt sie sei Saids Mutter weils sies in ihrem früheren Leben war. Sie war mit Saids Vater zusammen. Und da die Mutter in Ana weiterlebt ist also Ana die Mutter.


ana

Mit nichts kann man ein Kunstwerk so wenig BERÜHREN als mit kritischen Worten: es kommt dabei immer auf mehr oder minder glückliche Mißverständnisse heraus. Die Dinge sind alle nicht so faßbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte; die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat, und unsagbarer als alle sind die Kunst-Werke, geheimnisvolle Existenzen, deren Leben neben dem unseren, das vergeht, dauert.


Michael

Der Film ist schlicht eine Ode an das Leben.






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