Candy

Nach Brokeback Mountain spielt Heath Ledger einen Heroinsüchtigen. Er und die ebenfalls aus Australien stammende Abbie Cornish, die zum ersten Mal mit Somersault (2004) Aufsehen erregte, bilden in diesem Liebesfilm ein Paar, das zu seinem eigenen Unglück nicht voneinander lassen kann.

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Das Glück währt nicht lang in diesem Film. Schon nach dem ersten Drittel, das mit einem Zwischentitel als „Himmel“ eingeführt wird, geht es abwärts mit Candice, genannt Candy (Abbie Cornish) und Dan (Heath Ledger), zunächst in den zweiten Akt namens „Erde“ und schließlich, als die Drogen ihr zerstörerisches Werk vollendet haben, in die „Hölle“.

Im ersten Akt jedoch fühlen sich die angehende Malerin und der hoffnungsvolle Schriftsteller glücklich und frei, und während dieser ganzen Exposition ist das Heroin nichts weiter als ein täglicher Begleiter, wie die Tasse Kaffee, mit der die Spritzen in einer Einstellung ein Stilleben auf dem Frühstückstisch bilden. Einmal stirbt Candy fast an einer Überdosis und Dan schafft es mit verzweifelter Mühe, sie wieder ins Bewusstsein zu holen, aber alles was sie danach sagt, ist: „Das war wundervoll. Lass uns mehr nehmen!“.

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Warme Farben dominieren, und ein paar Mal ist nichts zu sehen als die frei schwebenden, schönen Körper der beiden Liebenden unter Wasser. Als Zuschauer weiß man es noch nicht, aber das Blau des Wassers ist bereits ein Hinweis auf das kalte Blau, das die Bilder beherrscht, am Schluss, wenn Candy stumm in der Psychiatrie sitzt. Es gibt noch eine andere, deutliche Warnung. „Wenn du aufhören kannst, willst du es nicht. Und wenn du willst, kannst du es nicht“, sagt Casper (Geoffrey Rush), der väterliche Freund des Paares, ein seit Jahrzehnten süchtiger schwuler Chemieprofessor. Von Warnungen wollen Candy und Dan aber zunächst nichts hören, und so suchen und finden Regisseur Neil Armfield und Kameramann Garry Phillips Bilder für das drogenselige Glück, die auf den zweiten Blick auf das Unheil verweisen. Das am besten gelungene gleich zu Beginn, während des Vorspanns, als das Paar auf dem Rummelplatz ein Teufelsrad besteigt, eines jener Fahrgeschäfte, in denen man in einer äußerst schnell rotierenden Trommel steht und an die Wand gedrückt wird. Farben und Formen vermischen sich zu einem rauschhaften Ansturm von Bildern, während die Fliehkraft Candy und Dan erbarmungslos an den Rand befördert.

Im ersten Bild des zweiten Aktes, „Erde“ betitelt, sitzt Dan dann im Wartezimmer eines Bordells, um Candy von der Arbeit abzuholen. Von da an geht es den zu erwartenden Weg, also vom Bordell auf den Straßenstrich, von der zärtlichen Liebe zum Aschenbecher, den Candy Dan eines Tages an den Kopf wirft, und schließlich zur Grausamkeit des kalten Entzugs, des cold turkey. Auch eine Fehlgeburt und der Anblick Dans mit dem toten Fötus in den Händen werden nicht ausgespart.

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Das Problem von Geschichten rund um den Drogenmissbrauch ist, dass sie bis in einzelne immer wiederkehrende Motive vorhersehbar sind. Spätestens seit Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1981), eigentlich aber schon seit Der Mann mit dem goldenen Arm (The Man with the Golden Arm, 1955) verlaufen sie immer gleich. Candy fügt dem Genre inhaltlich nichts hinzu, sondern konzentriert sich - trotz mancher drastischer Szene - ganz bewusst mehr auf die Liebesgeschichte als auf eine realistische Abbildung von Sucht. Candy ist im fortgeschrittenen Stadium ihrer Abhängigkeit immer noch viel zu schön, und Dans Charisma können selbst fettige, ins Gesicht hängende Haare nichts anhaben. Die Perspektive der Erzählung ist eine melancholisch rückblickende.

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Candy ist die Verfilmung eines autobiographischen Romans, das Drehbuch von Luke Davies und Neil Armfield versucht, daraus etwas eigenständig Kinematographisches zu machen und baut nach Drogen- und Liebesgeschichte sogar noch ein drittes Filmgenre ein, einen kleinen Trickbetrüger-Krimi. In einer längeren, völlig eigenständigen Sequenz wird plötzlich ein ganz anderer Rhythmus angeschlagen und Dans erfolgreicher Versuch eines Kreditkartenbetruges gezeigt. Das wirkt nicht als Fremdkörper, sondern ist dramaturgisch geschickt eingebettet, weil es kontrastreich einen neuen Wendepunkt einleitet und den Film an Fahrt gewinnen lässt. Die heitere Stimmung dieser Nebenhandlung setzt die Fallhöhe herauf: Als Dan am Ende der Sequenz voller Euphorie über seinen Coup mit einem Haufen Geld nach Hause kommt, eröffnet ihm eine verzweifelte Candy, dass sie schwanger ist.

Zusammengehalten wird dieses Spiel mit drei verschiedenen Genres durch die beiden Hauptdarsteller. Abbie Cornish (Somersault - Wie Parfum in der Luft, 2004) und Heath Ledger (Brokeback Mountain, 2005) geben der so engen wie selbstzerstörerischen Beziehung eine selten gesehene Intensität: Cornish als blondes, schönes, abenteuerlustiges Mädchen und Ledger als introvertierter, verunsicherter Mann mit Angst vor Verantwortung, an dem es innerlich immer mehr nagt, je tiefer sein Leben in die Ausweglosigkeit gerät. Seine durch die Zähne gepressten Dialogzeilen und ihre traumwandlerische, engelsgleiche Präsenz sind der Mittelpunkt des Films.

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