Can Go Through Skin
Der Debütfilm der Niederländerin Esther Rots erzählt mit sehr eigenen und sehr eindrücklichen Mitteln von einer Frau, die nach einer Gewalterfahrung versucht, wieder auf die Beine zu kommen.
Als der Film beginnt, ist die erste Katastrophe im Leben Mariekes (Rifka Lodeizen) bereits geschehen, ihr Lebensgefährte hat sie verlassen, und die zweite folgt wenige Minuten später. An deren Ende steht sie splitternackt auf der nächtlichen Straße, von einer Freundin in Panik aus der Wohnung gezerrt und nun notdürftig mit einem Mantel bedeckt. Die Polizei kommt irgendwie, der Mann, der die beiden Frauen brutal überfallen hat, wird festgenommen. Die traumatisierte Marieke zieht aufs Land und will dort ein heruntergekommenes Haus wieder auf Vordermann bringen, ihren Verlust überwinden und ihr Leben wieder in den Griff bekommen.
Mit der bloßen Nacherzählung der äußeren Handlung wird man meist einem Film nicht gerecht, diesem aber ganz besonders nicht. Das Debüt der niederländischen Regisseurin Esther Rots steht in der Tradition des europäischen sozialen Realismus’, ihr Einsatz von Handkamera und natürlichem Licht, die scheinbar dem Alltag abgeschaute Form des Erzählens ist eine ähnliche wie zum Beispiel bei Rots Landsmännin Dorothée Van Den Berghe (Meisje – Frauen am Scheideweg, 2002) oder bei den belgischen Dardenne-Brüdern (Rosetta, 1999; Das Kind, 2005; Lornas Schweigen, 2008).
Und doch geht sie einen ganz eigenen Weg, einen gewagten. Der Titel – Can Go Through Skin (Kan door huid heen) – deutet es bereits an: Näher als in diesem Film kann eine Kamera ohne technische Tricks einem Menschen kaum kommen. Wenn Marieke desorientiert ist, und das ist sie ziemlich häufig, dann verlieren auch wir Zuschauer den Überblick, einige geschickt elliptisch eingesetzte Schnitte führen diesen Zustand schnell herbei. Rots beißt ihren Blick an den Wassertropfen auf der Schulter ihrer bemerkenswert präsenten Hauptdarstellerin fest, und sie folgt ihrer Hand unter die Bettdecke ins Dunkel, als sie versucht, sich selbst zu befriedigen. Statt eifrig realistisch von außen zu beobachten, sticht hier der unscharfe Blick von innen heraus. Es gibt keinen sicheren Boden. Man sieht die Welt aus der wackeligen Perspektive dieser gemarterten Frau unter Einfluss, die dringend professionelle Hilfe bräuchte.
Wo die Dardennes jeden Soundtrack verabscheuen, wird hier mit Musik und Geräuschen experimentiert, um eine sinnliche Vorstellung vom Hinabtauchen ins Unbewusste zu geben. Wenn Mariekes Inneres sich verkriecht, hören auch wir die Geräusche der Umwelt nur gedämpft, bis sie in einem Mix aus elektronischer Musik, einer Art Körperrauschen und einem dumpfen Rhythmus gar nicht mehr wahrzunehmen sind und schließlich eine ganz simple, beeindruckende Stille eintritt. Von einer Tonspur mag man da gar nicht mehr sprechen, das ist schon ein enorm ausgearbeitetes Sounddesign, das konstitutiv für den gesamten Film wird. Vom „realistischen“ Ton entfernt Can Go Through Skin sich auch, wenn er das Kommentar-Gewirr eines Internet-Forums für Opfer sexueller Gewalt zu einem akustischen Stimmengewirr montiert, das der Protagonistin, die sich zunehmend in eine Fantasiewelt voller Paranoia und Rachegelüste verliert, zu Kopf steigt.
Das Ergebnis ist eine formal nicht nur mutige, sondern auch einfallsreich umgesetzte Erzählung, ein enervierend intensives Filmerlebnis mit wenigen geerdeten Phasen. Für die sorgt vor allem der lebenspraktische Nachbar John (Wim Opbrouck). Dessen Hilfsbereitschaft weiß Marieke zunächst nur als Aufdringlichkeit zu interpretieren. Später beginnt die moderne junge urbane Frau dennoch eine ziemlich unwahrscheinlich anmutende Beziehung mit dem einfachen Handwerker vom Land.
In einer famos geschnittenen Szene wird dann noch einmal sehr deutlich, wie es um Marieke bestellt ist. Bei einem hysterischen Anfall stellt John sie unter die Dusche (in einer Badewanne ist sie damals überfallen worden); er hält sie mit aller Kraft fest. Ihr nasses Gesicht wechselt von Angst und Hysterie zu einer langsamen, fragilen Entspannung – und mit ein paar Jumpcuts wieder zurück und hin und her, so dass im einen Moment Johns Umarmung zärtlich-beschützend wirkt, im nächsten wieder latent aggressiv. Es ist wie in einer Endlosschleife, aus der es keinen Ausweg gibt.
Filmkritik von Thorsten Funke
Veröffentlicht am 25.01.2010
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Film-Angaben
Titel: Can Go Through Skin
Originaltitel: Kan door huid heen
Niederlande 2009
Laufzeit: 97 Minuten
Regie: Esther Rots
Drehbuch: Esther Rots
Produktion: Esther Rots, Hugo Rots
Bildgestaltung: Lennert Hillege
Montage: Esther Rots
Musik: Dan Geesin
Darsteller: Rifka Lodeizen, Wim Opbrouck, Chris Borowski, Elisabeth van Nimwegen, Tina de Bruin, Mattijn Hartemink, Roel Goudsmit
Kinostart: 28.01.2010
Copyright Can Go Through Skin
Fotos : © Arsenal
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