Calvaire

Jesus Christus wird in diesem belgischen Horrorfilm nicht an Karfreitag gekreuzigt, sondern kurz vor Weihnachten – und trägt den Namen eines Pornodarstellers.

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Das erste, was wir von Marc Stevens (Laurent Lucas) hören, ist ein Summen. Das erste, was wir von ihm sehen, ist sein Gesicht, das in einem unterteilten Spiegel doppelt erscheint. Es ist ein androgynes Gesicht, dessen weibliche Züge durch Schminke noch hervorgehoben sind. Sowohl der geteilte Spiegel als auch die Betonung seiner Weiblichkeit kündigen an, was der Protagonist im Handlungsverlauf erleben wird, der hier noch auf der Weihnachtsfeier eines Altersheims ein Lied von Liebe in einer „verkehrten Welt“ vorträgt und sich für seinen Auftritt vor dem Spiegel zurechtmacht.

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Ist es Zufall, dass sein Namensvetter ein US-amerikanischer bisexueller Pornodarsteller aus den 1970er Jahren war, der an Aids starb? Auch der Marc Stevens in Calvaire (DVD-Titel: Martyrium) zieht Frauen und Männer gleichermaßen an, was sich, nach einer Autopanne in der Einöde auf der Fahrt zur nächsten Weihnachtsfeier, zu einer Tortur entwickelt, die der belgische Autor und Regisseur Fabrice Du Welz als Allegorie auf Jesus Christus’ Leidensweg erzählt und in Anlehnung an Backwood-Klassiker der 1970er Jahre mit reichlich Doppel- und Spiegelungen inszeniert. Die Verfolgung und Vergewaltigung aus Beim Sterben ist jeder der Erste (Deliverance, 1972), die Dinner-Sequenz aus The Texas Chain Saw Massacre (1974) und das Finale von Straw Dogs – Wer Gewalt sät (Straw Dogs, 1971) sind die offensichtlichsten Zitate dieses Debütfilms, der weniger auf explizite Gewaltszenen setzt, als auf eine bedrückende, unbehagliche Atmosphäre in einer grobkörnigen 16-mm-Ästhetik.

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Stevens, der bis zum Schluss eine rätselhafte Projektionsfläche bleibt, wird von liebeshungrigen Rentnerinnen und verlassenen Hinterwäldlern als „Heiland“ betrachtet und als Erlöser aus ihrer Einsamkeit missbraucht. In der Herberge von Bartel (Jackie Berroyer) findet er eine Unterkunft, die sich als ebenso obskur und gefährlich entpuppt wie Norman Bates’ Motel. Statt ausgestopfter Vögel hängen hier merkwürdige Porträts schmunzelnder alter Männer an den Wänden, und der Gastgeber, der den Namen des Eating-Raoul-Regisseurs und -Darstellers Paul Bartel trägt und diesem außerdem ähnlich sieht, ist mindestens so gestört wie Hitchcocks Psychopath. Allerdings streift sich der Herbergsvater in Calvaire nicht selbst die Frauenkleider über, sondern seinem Besucher, da er in ihm seine Frau Gloria zu erkennen glaubt, die ihn einst in der Einöde sitzen ließ. Anschließend schnallt er ihn auf seinen Traktor und fährt mit ihm in den Wald, um einen Baum fürs Weihnachtsfest zu fällen.

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Die rote Daunenjacke, die Stevens über dem Blümchenkleid trägt und eine Szene, in der Bartel Kinder in roten Kapuzenjacken sieht, verweisen auf Wenn die Gondeln Trauer tragen (Don't Look Now, 1973), einen weiteren Klassiker der 1970er Jahre, der wie Calvaire mit religiösen Anspielungen und übernatürlichen Elementen das Thema Verlust thematisiert. Du Welzes Film ist bevölkert von Figuren, die die Abwesenheit eines geliebten Wesens – ob Gott, Mensch, oder Tier – beklagen, und die einzigen Lieder, die Stevens zu kennen scheint, sind sehnsuchtsvolle Lieder über (unerfüllte) Liebe. Du Welz nennt den belgischen Regisseur André Delvaux als wichtiges Vorbild für sein Erstlingswerk, insbesondere dessen mysteriöses Drama Ein Abend, ein Zug (Un soir, un train, 1968), dem er mit einer Barszene, in der die ausschließlich männlichen Anwesenden einen manischen Tanz aufführen, seine Reverenz erweist. Delvauxs Filme sind häufig zwischen Realität und Fantasie angesiedelt, und so wandelt sich auch das zunächst naturalistische Setting von Calvaire in ein zunehmend surreales mit grünlicher und rötlicher Beleuchtung, bevor es in einer apokalyptisch wirkenden Landschaft wieder zur Natur zurückkehrt.

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Die unerwarteten Stimmungswechsel sind die größte Stärke des Films, der – untypisch für das Horrorgenre – auf eine spannungssteigernde Dramaturgie ebenso verzichtet wie auf den  Nerven kitzelnden Einsatz von Musik. Die häufig handgeführte Kamera von Benoît Debie (Spring Breakers, 2012) bewegt sich meist dicht bei den Figuren, geht in den vereinzelten Gewalt- und Missbrauchsszenen aber auf Distanz, was Calvaire deutlich von dem ein Jahr zuvor entstandenen, um einiges brutaleren High Tension (Haute tension, 2003) unterscheidet, mit dem er gerne in einem Atemzug genannt wird. Leider halten sich Regisseur und Kameramann, die auch den Nachfolger Vinyan (2008) zusammen drehten, nicht durchgängig an das Weniger-ist-mehr-Prinzip und lassen sich im exaltierten mittleren Teil zu manchem überflüssigen und bemüht wirkenden Gimmick in Form von 360-Grad-Drehung oder Top-Shot hinreißen.

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Fabrice Du Welzes schwarzhumorige Kreuzigungsgeschichte, die aus unerfindlichen Gründen zur Weihnachtszeit statt am Karfreitag spielt, ist jene „komische, verkehrte Welt“, die der Protagonist in der Exposition besingt – in der ein Mann die entlaufene Ehefrau ersetzen soll und ein Kalb die entlaufene Hündin. Das Zitat „Squeal like a pig“ nimmt der Regisseur dafür ganz wörtlich und lässt ein Schwein an der Leine mindestens so furchterregend kreischen wie seinen gequälten Sänger am Kreuz.

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