Call Me Kuchu

Out & Proud in Afrika – ein Porträt von Ugandas mutiger Aktivistenszene.

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„Hang them“ – das steht neben der Schlagzeile „100 pictures of Uganda’s top homos“. Im Innenteil dieser Ausgabe der ugandischen Wochenzeitung „Rolling Stone“ vom Oktober 2010 werden 100 Namen, Bilder und Adressen von vermeintlichen Homosexuellen veröffentlicht. Die Aufforderung ist unmissverständlich. David Kato bespricht das Hetzblatt mit seinem Anwalt. Kato ist Ugandas erster offen schwul lebender Mann und ein wichtiger Vertreter der dortigen LGBT-Bewegung. Auch sein Name erscheint im „Rolling Stone“. Es erfordert viel Kraft und Mut, sich in einem Land für die Rechte von Schwulen, Lesben, Transmenschen und anderen Minderheiten einzusetzen, dessen Bevölkerung von derartigen medialen Hasskampagnen beeinflusst wird. Ein Land, in dem christliche Fundamentalisten Homosexualität mit Päderastie gleichsetzen und für deren Ausrottung zum Gebet rufen. In dem das ugandische Parlament ein „Anti-Homosexuellen-Gesetz“ zu verabschieden versucht, das Gefängnisstrafen und Ermordung vorsieht. David Kato, seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter kämpfen dennoch für die Gleichberechtigung der kuchus – wie sie sich nennen. Ein Jahr lang wurden sie von den Filmemacherinnen Malika Zouhali-Worrall und Katherine Fairfax Wright begleitet. Call Me Kuchu ist ein Porträt ihrer Stärke, Ängste, ihrer Lebensfreude und Trauer. Und, ungewollt, ein Denkmal für David Kato, der im Januar 2011 in seinem Haus erschlagen wurde.

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Call Me Kuchu ist ein politischer und ein persönlicher Film. Rund eine Handvoll Protagonistinnen und Protagonisten haben den Regisseurinnen teils sehr tiefe Einblicke in ihr Leben gewährt. Vor der Kamera erzählen sie von Gewalterfahrungen aus der Vergangenheit und werden mit den Diskriminierungen der Gegenwart konfrontiert. Doch sie feiern auch rauschende Feste, wehren sich erfolgreich vor Gericht gegen die mediale Hexenjagd und vernetzen sich weltweit, um die Menschenrechtsverletzungen öffentlich zu machen. Dabei bilden sie eine Gemeinschaft, deren Solidarität und Warmherzigkeit nicht nur die einzelnen Aktivistinnen und Aktivisten mit durchs Leben trägt, sondern letztlich auch das Land verändern hilft. Nach David Katos Tod waren die internationalen Proteste so stark, dass Ugandas geplantes „Anti-Homosexuellen-Gesetz“, auch bekannt als „kill the gays bill“, zunächst vor dem Parlament zurückgezogen wurde. Seit Februar 2012 steht es wieder zur Debatte. Doch Ugandas Queer Community bleibt aktiv. „Wenn ich wegrenne, wer verteidigt dann die anderen?“, hat David Kato gesagt. Jetzt sind es viele andere, die weitermachen.

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Katherine Fairfax Wright führt die Digitalkamera mit einem geübten fotografischen Blick und oft sehr nah an den Menschen. Bei vielen emotionalen und konfrontativen Situationen fragt man sich, wie die Filmemacherinnen es geschafft haben, so ruhig und beobachtend zu bleiben – etwa wenn sie immer wieder den selbstgewiss dauerlachenden Chefredakteur des „Rolling Stone“ interviewen, der noch nach David Katos Tod beteuert, er würde niemals kaltblütigen Mord an Homosexuellen gutheißen, sondern nur die Todesstrafe nach einem ordentlichen Gerichtsprozess. Ganz erstaunlich und abstoßend sind auch die Äußerungen der verschiedenen christlichen Prediger, die im Namen Gottes Hass und Aufruhr unter den Gläubigen säen. Deren Vorstellungswelt ist in Uganda wie in vielen Ländern Afrikas oft kolonialer Import. US-amerikanische Evangelikale setzten sich mit missionarischem Eifer für das „Anti-Homosexuellen-Gesetz“ ein und beeinflussten ugandische Parlamentsmitglieder. Die aktuelle Kriminalisierung homosexueller Handlungen in Uganda geht noch auf die Gesetze unter der britischen Kolonialherrschaft zurück.

Eine der schlimmsten Szenen von Call Me Kuchu zeigt, wie fundamentalistische Überzeugung und Menschenverachtung nicht einmal vor der Trauergemeinde um David Katos Sarg Halt machen. Doch aus der Verzweiflung wächst auch die Selbstermächtigung, und der Film hinterlässt eine klare Botschaft: Die queere Gemeinschaft ist entschlossen und lebensmutig genug, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen – so weit, so schnell oder langsam es eben geht.

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Call Me Kuchu macht wütend und geht nahe, aber er motiviert auch und erzeugt großen Respekt für alle Porträtierten. Die Produktion gewann auf der Berlinale 2012 verdientermaßen den Teddy Award für den besten Dokumentarfilm. Im Sommer dieses Jahres feierten etwa 100 Menschen in Entebbe den ersten Gay Pride Ugandas. Sie sangen: „Wir sind hier.“

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