Call Me by Your Name

Berlinale 2017 – Panorama: Jede Berührung ein nicht einzuhaltendes Versprechen. Luca Guadagnino lehrt seinen jugendlichen Protagonisten, dass das Leben aus nichts als Teasern besteht. 

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Da muss der Assistent dem Professor dann doch mal widersprechen: Es sei zwar richtig, natürlich habe das Wort „Aprikose“ auch ein arabischstämmiges Element, etymologisch sei die Sache aber noch erheblich komplizierter. Und dann berichtet Oliver (Armie Hammer), wie unterschiedlichste Silben aus unterschiedlichsten Sprachfamilien zueinander gefunden haben, um „Aprikose“ entstehen zu lassen. Elio (Timothée Chalamet), der jugendliche Sohn des Professors, sitzt dabei, könnte sich aber kaum weniger interessieren für die Worte, die aus Olivers Mund kommen, weil er sich kaum mehr interessieren könnte für diesen Mund selbst, und den Körper, zu dem er gehört. Auch das Obst interessiert Elio nicht als Sprache, sondern als Körper, wenn er nämlich später im Film mit dem Finger ein saftiges Loch in einen reifen Pfirsich bohrt, sie in seine Boxershorts verschwinden lässt und in ihm kommt.

Antike Körper

Es geht nicht um Sprache und nicht um Herkunft in Call Me By Your Name, es geht um die Dinge selbst, und vor allem um ihren sexuellen Gebrauchswert. Das gilt auch und gerade für Oliver selbst: Er soll Professor Perlman (Michael Stuhlbarg) für sechs Wochen bei seinen archäologischen und/oder kunsthistorischen Forschungen in Norditalien unterstützen, aber außer dass er an der amerikanischen Ostküste ansässig ist und ebenso wie die Perlmans jüdisch ist, erfahren wir kaum etwas über ihn. Und die Bilder legen ohnehin nahe, dass Oliver ganz woanders herkommt. Dieser große, schlanke Körper mit seinen breiten Schultern ähnelt so sehr den Statuen, die Perlman birgt und untersucht – er muss direkt aus der Antike gekommen sein. Vielleicht wird Professor Perlman deshalb, in einer der ungewöhnlichsten und schönsten väterlichen Ansprachen, die das Kino gesehen hat, über die „besondere Freundschaft“ zwischen seinem Sohn und Oliver nicht argwöhnisch und mahnend, sondern fast eifersüchtig sprechen. Er habe eine solche Beziehung nie gehabt, sagt er, und auf welches Element der Beziehung sich dieses „solche“ nun bezieht, das darf wunderbar offenbleiben.

Later!

Diese Beziehung beginnt als eine zwischen Fremdem und Fremdenführer. Elio soll Oliver das Haus und die Gegend zeigen, die beiden freunden sich an. Man könnte sagen, „irgendwann wird mehr draus“, nur dass Call Me By Your Name von Anfang an so sehr von diesem Mehr durchzogen ist, dass diese Beziehung kaum narrativ als Abfolge von Entwicklungsstufen beschrieben werden kann. Es steckt schon in Olivers Verabschiedungsfloskel „Later“, über die sich die Familie Perlman gern lustig macht. Elio erkennt darin weniger Komik als eine gewisse Arroganz, aber das hat nur damit zu tun, dass für ihn wie für diesen Film Sprache kein Selbstzweck ist, sondern stets auf etwas verweist, das nicht versprachlicht werden kann. Und dieses amerikanisch hingerotzte „Later“ scheint eben immer auch schmerzhafter Ausdruck eines Aufschubs des Begehrens zu sein, des poetischen Modus dieses Films. Oder besser: das Begehren als Aufschub. Denn eigentlich ist Call Me By Your Name ein einziges Vorspiel, ein Film, der Sinnlichkeit nicht als Genuss, sondern als Spannung denkt; in dem die Figuren selbst oft nicht zu wissen scheinen, was sie nun eigentlich wollen; und für den Berührungen nicht das Einlösen von Blicken sind, sondern selbst nur Versprechen, die nicht einzuhalten sind.

Ewiges Zögern

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So sind nicht nur die frühen Berührungen, die auf eine intuitive Zuneigung hinweisen – wie etwa Oliver schon kurz nach dem ersten Kennenlernen seine Hand ein paar Momente zu lang auf Elios Schulter belässt, was dieser noch mit körperlichem Rückzug beantwortet –, sondern selbst die endgültig sexuellen kein glückstrunkener Vollzug, nach dem sich der Film in den Abspann verabschieden könnte. Selbst dann ist nichts endgültig geklärt, müssen sich die Körper weiter zueinander verhalten, wollen mehr, wollen nochmal, aber vielleicht nicht hier, vielleicht woanders, vielleicht nur teasern. Das Zögern bleibt, auch wenn das Verzögerte passiert ist. Das ist nicht tragisch, sondern erotisch. Dass Elio stets zu früh kommt, ob in dem Pfirsich oder in Marzia (Esther Garrel) – einer Verehrerin, die er mag, die ihm aber egal ist, als es mit Oliver klappt –, hat eben damit zu tun, dass Call Me By Your Name das Vorspiel derart zum Prinzip erhebt, dass der Orgasmus nur banal sein kann. Ein Tropfen auf der heißen Aprikose.

Gerät man ins Schwärmen, vergisst man die hard facts. Dabei ist es durchaus wichtig, dass Call Me By Your Name im Jahre 1983 spielt, in dem Olivers Bemerkung, als das Gespräch erstmals intimer wird, nochmal anders klingt: „It means we can’t talk about these things.“ (Aber wer würde der Sprache schon Bedeutung beimessen wollen in diesem Film?) Dass er auf einem Roman von André Aciman beruht. Dass niemand Geringeres als James Ivory am Drehbuch mitgearbeitet hat. Dass in einer vollkommen verzeihlichen Flucht aus dem period piece Sufjan Stevens auf dem Soundtrack zu hören ist. Dass die sonnendurchfluteten Bilder von Sayombhu Mukdeeprom stammen, der schon für Apichatpong Weerasethakul und Miguel Gomes gearbeitet hat. Und es ist durchaus erstaunlich, wie der Film von all diesen Dingen begossen wird und doch wie aus einem Guss erscheint. Ihn selbst wieder in eine Queer-Cinema-Form zu gießen und damit totzuschlagworten, käme einem Verbrechen gleich.

Feuer statt Sonne

In einem ihrer ersten Gespräche fragt Oliver Elio, was er so macht den ganzen Tag lang. Warten, dass der Sommer zu Ende geht, antwortet der. Um dann wieder auf den Sommer zu warten? fragt Oliver spöttisch. Erst in der allerletzten Einstellung ist Winter, gibt es keine Sonne mehr und keine nackten Oberkörper, ist Oliver längst wieder zu Hause, starrt Elio ins Kaminfeuer, während im Hintergrund das Essen zubereitet wird. Es ist das erste Mal, dass der Sommer wirklich zu Ende ist. Nun ja: Later!

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