California City – Kritik

Die Ausläufer des ewigen US-amerikanischen Traums verlieren sich in Bastian Günthers Film nach und nach leise im kalifornischen Wüstensand.

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Ein Mann durchquert die Wüste. In einem weißen Overall sitzt er am Steuer eines ebenso weißen Transporters. Er fährt, ab und zu hält er an, spritzt Gift in kleine Lachen von Wasser, schaut sich um, fährt schließlich weiter. Einen Namen hat er nicht. Ist es vielleicht ein Cowboy, der Letzte seiner Art, ein lone wolf, wie man sagt? Wie viele seiner Vorfahren aus den großen Erzählungen des Western verwaltet er den Verfall; unterwegs in den badlands ordnet er die allgegenwärtige, gesetzlose Degeneration – ein Zyklus der US-amerikanischen Geschichte?

In Bastian Günthers meditativem Filmessay, der mit den Grenzen von Fiktion und Dokumentation spielt, schreiben wir das Jahr 2014: Per Flugzeug werden kleinste Ansammlungen stehenden Wassers in der kalifornischen Wüste geortet, anschließend wird der namenlose Held entsandt. Er tötet das Wasser mit Chemikalien ab, solange bis alle potenziellen Moskito-Larven getilgt sind. Wir sehen seine Arbeitsschritte, immer und immer wieder, gleich einem minutiös geführten filmischen Tagebuch. Die lebensfeindliche Wüste soll eine epidemische Brutstätte sein, allein das ist paradox. Die Arbeit des Schädlingsbekämpfers rhythmisiert im Lauf der Szenen langsam einen Seelenzustand, dem überhaupt keine Western-Romantik innewohnt. Die Mojavewüste wird zum affektiven Tableau der endlosen Monotonie, der sinnlosen Beschäftigung. Spätestens seit der Finanzkrise liegen hier die Träume brach. California City, sie sollte eine perfekte Stadt werden: Billiges Land, überall schierer Raum, jedes Haus nach dem Gusto seines Erbauers verwirklicht – eine Oase der sich immer wieder von neuem ins Werk setzenden US-amerikanischen Gemeinschaft. Dann platzte die Kreditblase mit einer noch nie dagewesenen Wucht. Das erfahren wir aus wortkargen Gesprächen des Namenlosen mit den Wenigen, die hiergeblieben sind, die noch immer daran glauben, dass sich ihr Haus irgendwann mit Leben füllen wird. Nun werden die hunderten Rohbauten langsam wieder vom Sand und von den Tieren einverleibt. Und den Dagebliebenen droht angeblich eine Moskito-Epidemie.

Kammerjäger auf einem Friedhof

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Gewissenhaft, fast geruhsam begleitet der Film die Absonderung dieses namenlosen Mannes, als verkörpere er in seinem sterilen, astronautischen Outfit den objektiven Willen einer Gesellschaft, vor Ansteckung geschützt zu werden. Alles ist reine Kosmetik, das Leben es ist nicht mehr da. Moribundi, das dem Tod Geweihte hingegen ist überall: die skelettierten Rohbauten, das Abgenutzte, Entgrenzte der wenigen Mitmenschen, und natürlich die pestizidgesättigten Wasserstellen – der Namenlose ist letztlich Kammerjäger auf einem Friedhof. Lebendig sind nur die Moskitos. Und so überkreuzen sich Leben und Tod und werden ununterscheidbar. Doch gibt es einen vitalen Fluchtpunkt, eine Hoffnung, die durch die Bilder geistert: Chelsea, die ehemalige Freundin des Helden. Sie hat ihn in dieser Wüste ver- und zurückgelassen. In Super 8-Bildern erscheinen zurückblickende Szenen des Zusammenlebens, Miniaturen einer Gemeinsamkeit, die verloren gegangen ist. Als wäre Chelsea Frau, Mutter und Urphantasie des erstarrten, jeder emotionalen Teilhabe nur in Gedanken fähigen Helden, den wir abends im Motel bei esoterischen Call-Ins am Telefon beobachten: „Ja, ich denke, sie werden da jemanden kennenlernen.“ – „Wann“? – „Ich denke, es wird Anfang November passieren“. Der Ratschlag am Telefon wird zur vollendeten Vereinzelungsphantasie. Gleichwohl empfinden wir kaum Mitleid gegenüber all diesen Aphorismen der Einsamkeit. Und mit der Zeit wird die phlegmatische Ader des Namenlosen auch für uns zu einer Geduldsprobe: Der ausgesprochene Unwille, sein Dasein in dieser Einöde zu fristen, das beharrliche Räsonnement über Einsamkeit und Zerfall lässt uns mit der Zeit fragen, warum er denn nicht endlich gehen möge? Was hält ihn in California City? Das Selbstmitleid jedenfalls hilft uns nicht weiter, wir sind ganz bei ihm und doch verstehen wir seine Handlungen nicht. Was bedeutet diese Entfremdung?

Die allgegenwärtige Bedrohung

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Womöglich spricht aber eine gesellschaftliche Dimension aus den Bildern, ein größerer Zusammenhang, der besser greifbar ist. Unübersehbar an der Konstellation California City ist nämlich auch das latent Gewollte, vielleicht sogar Herbeigewünschte dieser städtebaulichen Katastrophe, das den Film durchzieht. Die Geschichte dieser Stadt gräbt sich von Anfang an tief in die Dialektik eines US-amerikanischen Narrativs, das ohne eine Bedrohung, eine notwendige Apokalypse, nicht zu erzählen ist. Eine in California City gebliebene Frau scheint etwas zu ahnen: „Ich weiß nicht, was sie machen, aber da ist etwas.“ Geschichten von geheimen Militärtests, monströsen Bestien und Außerirdischen wachsen sich zu Verschwörungstheorien aus, die das Scheitern der Stadt, das Scheitern des Protagonisten, vielleicht sogar das Scheitern einer ganzen Gesellschaft nachträglich zu rationalisieren versuchen. Das feste Vertrauen in die kommende Katastrophe, es wird zur direkten Verlängerung jener Kredite, die den Boom von California City erst möglich gemacht haben. Beide sind letztlich Formen der Religion: Nach dem Glauben an das Geld bleibt nur noch der Glaube an den Tod. Das ist vielleicht Bastian Günthers Vision eines US-amerikanischen translatio imperii. California City ist eine kontemplative Annäherung an diesen Tod und der namenlose Held nur einer seiner ersten Fürsprecher. Oder, um es mit einem Satz aus Chris Markers Sans Soleil (1983) zu sagen: „All this makes me think of a past or future war.“

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