Café Olympique - Ein Geburtstag in Marseille

Ariane im Wunderland: Zum Geburtstag schickt Robert Guédiguian seine Muse in märchenhaftes Gefilde.

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Auch der 19. Langspielfilm von Guédiguian strotzt vor Guédiguian. Da sind zunächst „seine“ Gesichter, Schauspieler, die der französische Regisseur Film für Film um sich schart und als langjährige Weggefährten und Freunde bezeichnet: Jacques Boudet, Jean-Pierre Daroussin, Gérard Meylan und allen voran seine Frau Ariane Ascaride, die gar das 17. Mal vor seiner Kamera steht. Dann, natürlich, Marseille: Einmal mehr verschlägt es den selbsternannten cinéaste de quartier, den Filmemacher von nebenan, in die eigene, brodelnde Heimatstadt und dort in die kleinsten Einheiten der Gesellschaft, die als Keimzellen der Menschlichkeit gefeiert werden. In der hitzigen Gemeinschaft des südfranzösischen Viertels, des Stammcafés oder der Familienbande zelebriert Guédiguian die große Würde der kleinen Leute. In Café Olympique gibt sich der Regisseur aber unpolitischer als sonst, nur selten wird Prekarität sichtbar. Keine Hungerlöhne, keine Massenentlassungen, kein Klassenkampf; das große Übel in Café Olympique, das ist die Einsamkeit.

Fantasiereise für Regisseur und Protagonistin

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Mit genau dieser Einsamkeit lässt Guédiguian seinen Film beginnen. Der Zuschauer gleitet durch ein steriles, frostig weißes Modellbauviertel, nicht unähnlich den Animationsfilmen, mit denen große Immobilienprojekte beworben werden, und findet sich wieder in der Küche von Ariane (Ariane Ascaride), die hingebungsvoll ihren eigenen Geburtstagskuchen bäckt und in ihrem rosa Prinzessinnenkleid selbst in einem Zuckerhäuschen zu wohnen scheint. Unterdessen klingelt ein Blumenkurier nach dem anderen, auf dem Anrufbeantworter häufen sich in einem deprimierenden Stakkato die Absagen. In die bonbonbunte Wohnung platzt die Einsamkeit herein; die Einsamkeit einer 50-Jährigen, die umgeben von Gleichgültigkeit ihren Geburtstag begeht. Mit feuchten Augen lässt Ariane den Kuchen auf dem Tisch stehen und macht sich in ihrem grünen Mini davon.

Sie schenkt sich eine ungezwungene Flucht, und ebenso scheint es mit diesem Film der Regisseur zu tun. Café Olympique – laut Vorspann „une fantaisie de Robert Guédiguian“ – begnügt sich offensichtlich mit dem Platz eines Nebenwerks, kommt selbst wie ein Geburtstagsgeschenk daher, drückt ein Auge zu, lässt sich selbst gewähren, frei mäandern; ein Film, getrieben alleine von der Lust, Freude zu bereiten. Vielleicht hat Guédiguian deshalb auf den dezidiert politischen Subtext verzichtet, den er seinen Filmen sonst so gern einschreibt. Unverbindlicher Spaß ist Café Olympique aber beileibe nicht: War Ariane Ascaride anfangs das Gesicht der Einsamkeit, so verwandelt sie sich zusehends in eine Amélie Poulain des Südens, bemüht, Gutes zu tun und die gestrandeten Existenzen, auf die sie trifft, um ihre größten Sorgen leichter zu machen.

Guédiguian, der Zauberer

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Gestrandet sind sie allesamt, wie Ariane selbst, im titelgebenden Café Olympique (das im Laufe des Films drei Buchstaben verliert und zum Café Olymp mutiert), ein sympathisches Sammelbecken für Rentnerhorden, die busweise in das urfranzösische Lokal gekarrt werden; und für Denis, Jack, Martial und die anderen – Gestalten, so disparat wie die Versatzstücke, aus denen Guédiguian seine „Fantasie“ zusammenklaubt. Denn Café Olympique ist in erster Linie ein nicht abreißender Strom von Assoziationen, von Zitaten und Augenzwinkern: an die Literatur, an die Musik, an das Kino und an ein verloren geglaubtes Frankreich, das der Sänger Jean Ferrat im kitschigen Lokal wieder aufleben lässt. Der Film kokettiert mit dem zuckersüßen Märchen wie mit der nostalgischen Rückbesinnung; den Ariadnefaden durch diese Überfrachtung findet er in Gestalt seiner Protagonistin Ariane, offenkundig Gesicht und Herz des gesamten Unterfangens. Guédiguian feiert seine Frau und Weggefährtin, dieser Film ist ein Geschenk an sie. Aber er feiert auch die unendlichen Möglichkeiten des Films. Manchmal, kurz bevor Café Olympique wieder ins Abstruse umkippt, wirkt es so, als nehme Guédiguian den Zuschauer geschwind beiseite und flüstere ihm lüstern zu: Wäre das nicht verrückt? Lass uns das machen! Und Guédiguian, großzügiger Zauberer, macht: Die Schildkröte spricht, der Taxifahrer entspannt seine 40 Katzen mit Schubert, und die Bande bricht eines Nachts in das Naturkundemuseum ein, um präparierte Reptilien zu stehlen.

In einer der genüsslichsten Szenen des Films gönnt sich Guédiguian den Spaß, ein anderes dieser doppelten Paare, Partner im Beruf wie im Privaten, zu inszenieren. Regisseur und Schauspielerin streiten sich lauthals auf der Bühne, der dramatische Ehestreit wird zunächst für Theater gehalten. „Das ist kein Theater, das ist das Leben“, entgegnet der ernüchterte Regisseur dem ungehaltenen Applaus. Wenn das Theatralische kein Theater ist und das Fantastische keine Fantasie: Guédiguians Café Olympique verwischt alle Grenzen mit einem verschmitzten Lächeln.

Trailer zu „Café Olympique - Ein Geburtstag in Marseille“


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Kommentare


Elke Duda

Sie schreiben, er verzichte auf das Sozialkritische jedoch kann ich trotzdem eine Gesellschaftskritik in dieser Inszenierung entdecken.
Vielleicht ist es selbst dem Regisseur nicht bewusst aber ich denke es geht darum, das die Menschen den Wert der Träume in ihrem Leben nicht mehr als wichtig beurteilen.
Fakten und sichtbare Welt sind in den Vordergrund gerückt. Das unbewusste und Träumerische ist wertlos geworden. Diese Traumwelt ist jedoch genauso real wie die sogenannte reale Welt und sollte wieder mehr beachtet werden.
Warum sonst sind immer mehr Menschen psychisch krank?






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