Cäsar muss sterben

Shakespeare, gespielt von Mördern und Mafiosi: Der italienische Wettbewerbsbeitrag bei der Berlinale ist eine faszinierende Mischung aus Theater und Realität.

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Ein Dokumentarfilm ist Cäsar muss sterben (Cesare deve morire), und auch wieder nicht. Er zeigt die Proben für eine Inszenierung von Shakespeares Julius Caesar in einem italienischen Gefängnis, mit zwölf Insassen – Mördern, Drogenhändlern, Mafiosi – in den Rollen der edlen Römer. Aber es ist auch ein Spielfilm, der mit exakt durchkomponierten Schwarzweißbildern die Abstraktion sucht und der die Gefangenen zum Teil der Erzählung macht.

Nicht, wie es in einem üblichen Dokumentarfilm der Fall wäre, indem er sie über ihre Erfahrungen reden lässt, sondern indem er den Inhalt des Stücks in Beziehung zum Leben der Darsteller setzt. Shakespeares Themen wie Verrat, Mord und Ehre („Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann!“) sind auch zentrale Motive aus dem Leben von Mafiosi und Mördern und werden so in eine neue Umgebung gestellt.

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Die Brüder Taviani haben dazu den Theaterregisseur Fabio Cavalli herangezogen, der seit Jahren mit verurteilten Verbrechern arbeitet. Cavalli taucht im Film selbst auf, gibt den Schauspielern Anweisungen, ermutigt sie, in ihrem eigenen Dialekt zu sprechen – ein Detail, das dem deutschen Zuschauer freilich entgeht. Gemeinsam mit den Taviani-Brüdern sucht Cavalli in einer bemerkenswerten Casting-Szene am Anfang die Schauspieler aus und löst Konflikte zwischen den Gefangenen, die oft anhand des shakespearschen Textes entstehen, weil die Schauspieler sich an Dinge aus ihrem eigenen Leben erinnern.

Dies sind dann aber auch die Momente, in denen Cäsar muss sterben die Ebene des Dokumentarischen ganz deutlich verlässt, denn diese Szenen der Unterbrechung und angeblichen Spontanität fügen sich so nahtlos in den Rest der Erzählung ein, sind so gut fotografiert und ausgeleuchtet, dass sie nur inszeniert sein können. Man hat es also, um es etwas unfreundlich zu formulieren, mit einer Art gehobener Doku-Fiction zu tun, zu deren Sogwirkung neben den bereits erwähnten Schwarzweißbildern auch eine dramatische Filmmusik beiträgt.

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Hat man sich an diesen Zustand der kausalen Unsicherheit aber gewöhnt (noch ein extremes Beispiel: Einmal wird im verträumten Blick eines Schauspielers das an der Zellenwand hängende Bild vom Meer unvermittelt farbig), sieht man einen enorm konzisen, spannenden, auch lustigen Film.

Die verschiedenen Räume der Haftanstalt – Innenhöfe, Zellen, Gänge – dienen während der Proben als Handlungsort, der Text des Stückes gewinnt in dieser Umgebung tatsächlich eine neue Tiefe. Das merkt man besonders im Vergleich zu den einrahmenden Szenen am Anfang und am Ende, wenn einige Momente der tatsächlichen Aufführung vor Publikum in Farbe gezeigt werden.

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Die kunstvolle Filmgestaltung der Taviani-Brüder würde aber nicht allein funktionieren, wenn die Gefängnisinsassen nicht geborene Schauspieler wären. Vor allem Salvatore Striano, der den Brutus spielt, ist ein Naturtalent mit sehr intensiver Ausstrahlung und Mimik. Striano, der zu Beginn des Films als Verurteilter beschrieben wird, wurde in Wahrheit bereits 2006 begnadigt und kehrte für die Mitarbeit an diesem Film als freier Mann in das Gefängnis zurück. Er arbeitet heute als Schauspieler, seine Filmografie listet beispielsweise auch eine Rolle in dem Mafiafilm Gomorrha (Gomorra) von 2008 auf.

Nach der Aufführung werden die Darsteller wieder in ihre Zellen geführt, wortlos. Und einer von ihnen – es ist der, der Cäsar spielte – sagt: „Seit ich die Kunst kennengelernt habe, ist diese Zelle zum Gefängnis geworden.“ Es ist eine arg deutliche Verbalisierung für etwas, was der Film längst mit besseren Mitteln deutlich gemacht hat.

Trailer zu „Cäsar muss sterben“


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