Cadillac Records

Der Film über die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der einflussreichen Chicagoer Plattenfirma Chess Records mixt schale Seifenoperzutaten mit hochprozentiger Bluesmusik.

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Zuviel Ehrfurcht vor den Biografien ihrer Protagonisten kann man der US-Autorin und -Regisseurin Darnell Martin wirklich nicht vorwerfen. Eher wundert man sich, warum sie zahlreiche Fakten über Bord geworfen, ausgeschmückt oder verdreht hat, wenn die tatsächlichen Lebensläufe von Musiklegenden wie Muddy Waters oder Chuck Berry den spannenderen und originelleren Filmstoff geboten hätten als der Großteil ihrer Drehbucherfindungen. Während sich aktuelle Biopics wie Hilde (2009) oder Public Enemy Nr. 1 (Mesrine: L'Instinct de mort / Mesrine: L'Ennemi public n°1, 2008) in ein genreverbreitetes Chronikkorsett zwängen und dabei eine freie Interpretation der Hauptfiguren und eine individuelle Sicht auf historische Ereignisse vermissen lassen, liefert Cadillac Records den radikalen Gegenentwurf: Hier stimmt fast gar nichts. Nur Musik und Darsteller treffen meistens die richtigen Töne. 

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In Martins Version begegnen sich Nachtclubbesitzer Leonard Chess (Adrien Brody) und Gitarrist Muddy Waters (Jeffrey Wright) zum ersten Mal Anfang der 50er Jahre in den Straßen Chicagos. Leonard gründet die Plattenfirma Chess Records, in der Realität mit seinem Bruder Phil, im Film im Alleingang. Er nimmt Waters unter Vertrag und muss im Süden der USA zunächst die Radio-DJs bestechen, damit sie die Musik eines Schwarzen überhaupt spielen, bevor der „Hoochie Coochie Man“ bei seinen späteren Auftritten die weiblichen Fans zum Hyperventilieren bringt. Künstler wie Little Walter, Howlin’ Wolf und Etta James unterzeichnen bei Leonard Chess, der als Charakter vage bleibt und stark vereinfacht als weißer Wegbereiter der Bluesmusik definiert wird. Der mindestens so bedeutsame Willie Dixon wurde zum Voice-Over-Kommentator degradiert, der Zusammenhänge und Hintergründe erklärt, Zeit- und Handlungslöcher überbrücken soll und durch die sprunghafte Erzählung führt.

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Martin hat bis auf zwei frühe Kinofilme (I Like it Like That, 1994, Prison Song, 2001) in den letzten Jahren ausschließlich für US-amerikanische TV-Serien wie Law & Order (seit 1990) oder ER (seit 1994) gearbeitet. Vielleicht ist das der Grund, warum ihre konzeptlose Umsetzung in Episoden zerfällt und keinen runden dramaturgischen Bogen spannt. Die Chance, den kulturellen und gesellschaftlichen Stellenwert der Black Music in den USA der 50er und 60er Jahre aufzuzeigen oder ihren weltweiten Einfluss auf die Popmusik zu veranschaulichen, nutzt die Regisseurin nur oberflächlich; zum Beispiel wenn „The Rolling Stones“ kurz vorbeischauen, um mitzuteilen, dass sie sich nach einer Textzeile im Muddy-Waters-Lied „Mannish Boy“ benannt haben. Das Thema Rassendiskriminierung wird zwar unter anderem in einer Szene demonstriert, in der Chuck Berry der Eintritt in einen Club verwehrt wird, in dem er auftreten soll, jedoch kaum in einen größeren politischen Kontext gestellt.

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Stattdessen konzentriert sich Martin auf die persönlichen, überwiegend fiktiven Melodramen der Musiker: auf Muddy Waters Frauengeschichten, Little Walters Gewaltausbrüche und Etta James Drogenabhängigkeit. Walter (Columbus Short) versucht sein Glück bei Waters betrogener Ehefrau (Gabrielle Union) und erschießt scheinbar aus reiner mieser Laune einen Menschen, während der von ihrem weißen Vater missachteten James (Beyoncé Knowles) eine hanebüchene Liebesaffäre mit dem verheirateten Leonard Chess angedichtet wird, die die zweite Hälfte des Filmes dominiert und in einem tränenreichen Abschiedslied endet. Viel mehr als das erfundene, klischeelastige Privatleben der Künstler hätte einen als Zuschauer allerdings interessiert, was genau das Besondere und Revolutionäre an ihrer Musik ist.

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Das lassen lediglich der mitreißende Soundtrack und die gelungenen Musikszenen erahnen, eine Kombination aus Originalaufnahmen und Neuaufnahmen der Darsteller. Hauptsächlich in Nachtclubs oder im Aufnahmestudio vorgetragen, überzeugen die freien Interpretationen der Schauspieler von Song-Klassikern. Im Gegensatz zu Martins ähnlich freier Figurenzeichnung sind sie sogar von Vor- und nicht von Nachteil. Statt wie die Hauptdarsteller von Ray (2004) oder Hilde eine vorgeblich authentische und dabei oftmals steife Kopie der Originale abzugeben, haben Jeffrey Wright als Waters und Beyoncé Knowles als James eigenständige Cover-Versionen kreiert – was schon allein deshalb sinnvoll ist, weil Knowles’ Stimme (und Statur) mit Etta James’ sowieso nicht vergleichbar ist. Anders als ihr Diana-Ross-Roboter in Dreamgirls (2006) ist Knowles’ Spiel in Cadillac Records sogar überraschend animiert.

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Die eingängigen Musiknummern lassen Martins übrige Inszenierung umso missgestimmter wirken. Ihrer Geschichte einer legendären Plattenfirma fehlt es ausgerechnet am Entscheidenden: Rhythmus.

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