Cachorro

Im Mittelpunkt von Miguel Albaladejos Film steht ein alternatives Familienkonzept: Der schwule Zahnarzt Pedro muss zwei Wochen auf den Sohn seiner Schwester aufpassen. Beide ahnen noch nicht, wie lange ihre Zweckgemeinschaft andauern wird.

Cachorro

Filme mit schwuler Thematik treten hauptsächlich irgendwo zwischen Kunstfilm und reinem Szeneprodukt in Erscheinung. In den letzten Jahren machte sich allerdings die Tendenz zu einem Mainstream-Anspruch innerhalb schwuler Filmkultur bemerkbar. Statt schrillen Paradiesvögeln sind nun auch „normale“ Protagonisten gefragt, ebenso wie sich auch Filme mit rein unterhaltender Intention etablieren. Davon kann man sich im englischen und amerikanischen Fernsehen etwa bei der Serie Queer as Folk überzeugen oder auch im Kino, wo es mittlerweile publikumswirksame schwule Versionen tradierter Filmgenres zu sehen gibt. Als Beispiele hierfür lassen sich etwa Get Real (1998) nennen, der sich im Gewand einer High-School-Komödie über das Erwachsenwerden präsentiert oder die melodramatische Liebesgeschichte Latter Days (2003). In Cachorro widmet sich Miguel Albaladejo nun dem tragikomischen Familienfilm, der sich in diesem Fall vor allem durch die ungewöhnliche Form der Familie auszeichnet.

Zu Beginn des Films bekommen wir einen Einblick in das Leben des schwulen Zahnarztes Pedro. Seinen Wunsch nach Freiheit sieht er in seinem rauschenden Junggesellenleben mit wechselnden sexuellen Bekanntschaften erfüllt. Der Ausnahmezustand tritt ein, als seine durchgeknallte Hippieschwester zwei Wochen nach Indien fährt und währenddessen ihren elfjährigen Sohn Bernardo bei dem Onkel einnistet.

Cachorro

Schon die Charakterisierung der beiden durch eine Hassliebe verbundenen Geschwister weist auf den ambitionierten Ansatz des Films hin. In dieser Familie ist nicht Pedro das schwarze Schaf, sondern seine verantwortungslose und egozentrische Schwester. Cachorro tut jedoch gut daran, Pedro zwar mit mehr Pflichtbewusstsein und Vernunft zu versehen, ihn aber nicht als asexuellen Spießer darzustellen, wie es ihn etwa in der Fernsehserie Will and Grace zu sehen gibt. Schon rein äußerlich widersetzt er sich durch seinen Bart und einem kräftigem Körperbau dem Klischee gängiger Schwulenfiguren. Sein sexuelles Verlangen blendet der Film ebenso wenig aus, wie seine Laster im Bereich der Betäubungsmittel. So wirkt Pedro in seiner Vaterrolle genau deshalb sympathisch und menschlich, weil er eben nicht perfekt ist, sondern streckenweise auch scheitert.

Bernardo, der schon zu Beginn keine Berührungsängste mit dem schwulen Onkel hatte, wird zunehmend in Pedros Freundeskreis integriert und fühlt sich dort wohl, weil er unabhängig von seiner sprunghaften Mutter endlich in ein größeres soziales Umfeld integriert ist. Nun hat der schon zu Beginn als schwul angepriesene Junge eine Konstante in seinem Leben, die aber nicht als determinierender Faktor für seine Entwicklung gezeichnet wird. So lässt der Film glücklicherweise auch seine sexuelle Orientierung im Unklaren, wenn er älter wird. Überraschenderweise verbringt auch der von Bindungsängsten geplagte Pedro eine harmonische Zeit mit Bernardo. Als jedoch dessen Mutter in Indien wegen Drogenschmuggel festgenommen wird und dort eine mehrjährige Haftstrafe absitzen muss, sind die beiden gezwungen, sich auf ein längeres Zusammenleben einzustellen. Das funktioniert zunächst sehr gut, weil Pedro von seinem familiären Freundeskreis entlastet wird, um sich auch mal wieder dem Nachtleben widmen zu können. Während der Film Pedros Wohnung mit ihren farbigen Wänden und der ständigen leichten Unordnung zum idealen Lebensraum stilisiert, in dessen freundlicher und gemütlicher Atmosphäre man gar nicht anders kann, als sich wohl zu fühlen, bleiben die Ausflüge ins Nachtleben von einer nüchternen Kälte, die hauptsächlich bedingt ist durch den auf Anonymität und sexuelle Bedürfnisse reduzierten Handlungsort. Albaladejo gibt bei der Gegenüberstellung der Welt der exzessiven Partys und dem behüteten Familienleben keiner der beiden Lebenweisen den Vorzug, sondern präsentiert sie gleichwertig mit ihren Vor- und Nachteilen.

Cachorro

Die harmonische Wohngemeinschaft von Pedro und Bernardo, die mehr einer intensiven Freundschaft als einem Vater-Sohn-Verhältnis entspricht, wird erschüttert, als Bernardos Großmutter das Sorgerecht des Jungen einfordert und dabei auch nicht vor Erpressung zurückschreckt. Pedros Homosexualität wird von seinem Umfeld zwar als etwas Selbstverständliches hingenommen, ein dunkles Geheimnis findet sich aber trotzdem.

Wenn im Laufe des Films die anfangs streng kontinuierlich erzählte Handlung immer elliptischer wird, macht sich auch eine Veränderung im Erzählton bemerkbar. Denn während der Großteil von Cachorro von einer sehr humorvollen Note geprägt ist, werden zunehmend auch die ernsten Aspekte des Lebens wie Krankheit und Tod angesprochen. Albaladejo betont jedoch nicht die tragische Komponente dieser Themen, sondern stellt sie als notwendigen Teil des Lebens dar, wodurch sie sich in die lebensbejahende Gesamtwirkung des Films einfügen.

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