Byzantium

Vampire sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

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Vampir-Puritanern mag das schmerzen wie ein Pflock im Herzen: Neil Jordan, der mit Interview mit einem Vampir (Interview with the Vampire, 1994) einen modernen Klassiker dieses Subgenres geschaffen hat, lässt in seinem neuen Werk, Byzantium, die tradierte Mythologie gnadenlos ausbluten. Kruzifix und Knoblauch? Tauchen in 118 Minuten Laufzeit nicht einmal auf. Ja, sogar lange Eckzähne fehlen den Blutsaugern. Die Adern der Opfer werden mit spitzen Fingernägeln geöffnet – Eleanor (Saoirse Ronan) bedient sich zudem ausschließlich bei dem Tode nahen oder sterbewilligen Menschen. Diese verwandeln sich daraufhin auch nicht etwa selbst in Untote. Nein, Vampir-werden ist eine bewusste Entscheidung, für die es einer Reise auf eine felsige Insel bedarf, die keinesfalls in Transsilvanien liegt, sondern in Irland.

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Mit fliegen ist auch nichts – der Vampir von heute beschränkt sich auf das Laufen, gerne auch am helllichten Tage. Die Betonung liegt übrigens auf „der“ Vampir, denn es handelt sich bei den Wiedergängern um einen reinen Männerbund. Nur zwei Ausnahmen gibt es: Eleanor und ihre Mutter Clara (Gemma Arterton). Die zwei verschlägt es auf der Flucht vor ihren Verfolgern, deren Identität lange ungeklärt bleibt, in eine irische Hafenstadt und das dortige Hotel Byzantium. Diese Herberge ist ebenso verfallen wie das Ansehen des Vampirfilms, seit die Twilight-Reihe das seit jeher stark erotisch konnotierte Subgenre ins Asexuelle, ja Antisexuelle pervertiert hat. Davon kann in Byzantium keine Rede sein, denn Clara verkauft ihren offensichtlich nicht erkalteten Körper und macht aus dem heruntergekommenen Hotel ein Bordell. Das geht übrigens erst, nachdem der Besitzer sie explizit hereingebeten hat. Dass Neil Jordan so ziemlich alle althergebrachten Vorstellungen vom Vampir über den Haufen wirft, dieses – in So finster die Nacht (Låt den rätte komma in, 2008) wunderbar in Szene gesetzte – Element jedoch beibehält, wirkt ein wenig inkonsequent.

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Jordan interessiert sich deutlich mehr für das tragische Potenzial des Vampirs als für dessen Blutdurst. Byzantium ist also eher Drama als Horror, der Film beleuchtet vor allem die Konflikte im 200-jährigen Zusammenleben von Clara und Eleanor. Die verschlossene Eleanor verurteilt ihre Mutter dafür, dass sie sich prostituiert. Und Clara versucht das Coming of Age ihrer für immer 16-jährigen Tochter mit allen Mitteln zu unterdrücken, als sich zwischen Eleanor und dem Sterblichen Frank (Caleb Landry Jones) eine – nicht immer ganz nachvollziehbare, aber mit betonter Unbedarftheit schön gespielte – Lovestory entspinnt. Diese Erzählstränge aus der Jetztzeit sind von Szenen aus der Vergangenheit durchzogen, die nicht nur biografische Hintergründe liefern, sondern als begehbare Welten fungieren, in denen die Protagonistinnen ihrem Selbst aus früheren Zeiten begegnen können.

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Der Film profitiert von einer sorgfältigen Besetzung: Gemma Arterton spielt die Femme fatale Clara so lasziv, dass die Bezeichnung „Vamp“ auch in jedem anderen Genre angemessen wäre. Der kreidebleiche, zerbrechlich wirkende Caleb Landry Jones verkörpert zwar keinen Blutsauger, passt aber physiognomisch ideal in einen Vampirfilm. Und Saoirse Ronan trifft mit ihren bedrückt dreinschauenden Augen und ihrem zwischen Passivität und Rebellion schwankendem Auftreten sowohl die Melancholie einer einsamen Seele als auch die innere Zerrissenheit eines für immer in den Wirren der Pubertät gefangenen Mädchens.

Kameramann Sean Bobbitt greift diese Melancholie in blaugrün-entsättigten Landschaftsbildern auf, setzt diesen aber auch immer wieder kräftige Rottöne entgegen – sei es in Eleanors Rotkäppchen-artigem Umhang oder einem Wasserfall aus Blut. Besonders stark sind die düsteren Bilder aus einer Höhle, in der aus Menschen Vampire werden – auch wenn Jordan dabei auf die billige Kombination aus schnellen Umschnitten und begleitenden Schockeffekten auf der Tonspur setzt. Ebenfalls gelungen ist die späte Enthüllung, um wen es sich bei den Verfolgern Eleanors und Claras handelt. Wenn in dieser Sequenz eine panische Frau das Zeitliche segnet und der Mörder das mit „Ich hasse solche Heulsusen!“ kommentiert, findet Byzantium ausnahmsweise mal zu einem humorvollen Moment.

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Dass der Film sich am Voice-over-Kommentar Eleanors entlanghangelt, ist mitunter überflüssig, lässt sich aber insofern rechtfertigen, als der Text auf ihrer in altmodischem Englisch verfassten Niederschrift der eigenen Geschichte beruht, mit der Eleanor aus ihrer kommunikativen Isolation auszubrechen versucht. Weitaus bedauerlicher ist, dass Jordan nicht näher auf den feministischen Subtext des Plots eingeht – immerhin sind die beiden Protagonistinnen unerlaubt in diese Männerdomäne eingedrungen, bleiben aber (im recht vorhersehbaren Finale) auf männliche Hilfe angewiesen, um sich aus der patriarchalischen Bevormundung zu befreien. Hier wäre Raum gewesen, unter dem Mantel des fantastischen Vampir-Subgenres reale gesellschaftliche Bedingungen zu analysieren. Stattdessen nutzt Jordan die Geschlechterdifferenzen lediglich, um den ideologischen Kampf verschiedener Vampirfraktionen zu illustrieren.

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Für Byzantium hat sich Jordan, wie schon bei Interview mit einem Vampir, einer literarischen Vorlage bedient: Anstelle eines Romans der Bestseller-Autorin Anne Rice nutzte er diesmal ein Theaterstück der deutlich weniger bekannten Moira Buffini als Inspiration. Auch sonst unterscheiden sich die beiden Filme deutlich: Das Budget fiel bei Byzantium wesentlich kleiner aus – und zwar sowohl jenes des Filmteams als auch das der Vampire. Befanden sich die Blutsauger vor 20 Jahren in einem aristokratischen Milieu, so entstammen sie nun dem Prekariat. Jordan geht es folgerichtig mehr um ihr Innenleben als um ihre übernatürlichen Fähigkeiten. Damit nähert Byzantium sich einer Vermenschlichung des Vampirs, wie sie in Claire Denis’ Trouble Every Day (2001) oder Shunji Iwais Vampire (2011) betrieben wird.

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