Butter on the Latch

Selbst ist der Drache: In düsterem Wald-Trash erzählt Josephine Decker die Geschichte einer Frau, die zu einer anderen wird.

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In den Film gleitet der Zuschauer mühelos hinein, stößt in medias res auf die erste von vielen Masken, auf den ersten Anschein von Wahnsinn. Noch ist es kontrollierter Wahnsinn, Wahnsinn am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, es handelt sich allen Anzeichen nach um eine avantgardistische Theaterperformance, die bei den anwesenden Zuschauern Heiterkeit auslöst. Die Leichtigkeit währt aber nicht lange. Kaum hat Sarah (Sarah Small) die Veranstaltung verlassen, erreicht sie der panische Anruf einer Freundin, die einen altbekannten Horrortopos aufspannt: die Umkehrung des Albtraums, das Überführen vom heilsamen Schlaf in eine fürchterliche Wirklichkeit, das Aufwachen in einer fremden, bedrohlichen und vor allem: unerklärlichen Umgebung. Die ungestüme, geradezu akrobatische Kamera in Butter on the Latch, die immer so wirkt, als sei sie zufällig in die Szene geraten und dementsprechend herzlich wenig daran interessiert, einen Fokus, einen Ruhepunkt zu finden, flitzt umher. In schwindelerregender Geschwindigkeit lösen verschwommene Bilder scharfe ab.

Ein Stroboskop von rohen Gefühlen

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Dann sehen wir, wie Sarah das widerfährt, was ihre Freundin am Telefon geschildert hat: Sie erwacht halbnackt in einer düsteren Garage, um sie herum tigern stereotype Date-Rape-Männer. Hat sich Sarah das Telefonat eingebildet? Oder malt sie sich die erzählte Szene lediglich aus? Hat beides vielleicht nie stattgefunden? Die Suche nach der Wahrheit entpuppt sich als irrelevant in dem Moment, in dem klar wird, dass der Film keinem kohärenten Plot folgt und nicht handlungsgetrieben ist. Stattdessen: eine stroboskopische Abfolge von befreiten Gefühlen, bei der das Denken in Kategorien wie „wahr“ und „falsch“ keinen Sinn ergibt. Butter on the Latch stülpt das Innenleben seiner Protagonistin nach außen und findet dafür eigene Bilder, die dem Zuschauer immer das Gewollte verweigern und den Verfremdungseffekt verstärken. Die Kamera ist wie verselbstständigt, Teil der flüchtigen Gefühlsregungen, auf sie ist kein Verlass. Sie führt nicht, sie ist beiläufig da.

Die Masken fallen

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Die Verworrenheit dessen, was wir sehen, kontrastiert mit der Einfachheit der Rahmenhandlung, die in wenigen Worten abzuhandeln ist: Zwei Freundinnen, Ende zwanzig, Anfang dreißig – eine davon Sarah – treffen sich wieder auf einem Balkan-Folklore-Festival. Die Angelegenheit scheint harmloser Natur: Ein gut gestimmter Haufen Öko-Hippie-Hipsters jeden Alters singt und tanzt in den kalifornischen Wäldern von Mendocino zu uralten Rhythmen; dazwischen wohlwollendes Begegnen, Schlafen in Holzhütten und Kaffee in Pappbechern. Das Festival gibt es tatsächlich. Die beiden Schauspielerinnen mischen sich unter echte Besucher und improvisieren durchweg die Dialoge; meistens geht es um Sex: wie, wo, wann. Diese Fiktion in einem realen Setting, wie sie Josephine Deckers Projekt strukturell vorgibt, ist der Geschichte nicht unähnlich: Was wir anfangs für bekanntes Terrain halten, wird zusehends porös für wahnwitzige Einsprengsel. Es ist unmöglich, den Augenblick festzumachen, in dem die Normalität in einen mystisch angeheizten Wahnsinn kippt, in dem die Freundschaft zwischen den beiden jungen Frauen erklärungslos brüchig wird und Sarah eine eigene Agenda zu verfolgen beginnt. Natürlich ist es ein gefundenes Fressen für den Film, seine Protagonisten auf ein solches Festival zu schicken; man ahnt schon: Die Abgeschiedenheit, die Allgegenwart von alten Mythen, die betörenden, geradezu ermattenden Klänge der Balkan-Melodien, die Enge der Gemeinschaft vor dem Hintergrund einer entgrenzten Natur, all das verlangt das Fallenlassen urbaner Masken, den ungehaltenen Ausdruck verborgener Leidenschaften, der schließlich seinen Gipfel findet: den Mord. Seelenruhig schwebt der Verführte an der Oberfläche des Flusses. Sarah hat ihn während des Liebesspiels ertränkt, und sie lacht.

Kein Prinz im trashigen Märchenwald

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Butter on the Latch konterkariert die klassische Erzählung der ewiggleichen Prinzessin, die der Prinz vor dem Drachen rettet und die dramaturgisch in die Rolle eines passiven Grals zurückgedrängt wird, hübsches Objekt viriler Ambitionen. Klug eingeflochten in den Film ist eine bulgarische Sage, nach der eine junge Frau von Drachen entführt wird, die sich in ihr Haar winden (was, gemeinsam mit dem Filmplakat, unwillkürlich Assoziationen mit Alfons Muchas Haarprachten weckt). Die junge Frau brennt alles nieder und befreit sich selbst. Erzählt Butter on the Latch von einer weiblichen Ermächtigung? Wer ölt das Schloss mit der titelgebenden Butter, wer lockt wen hinter welche Tür? Der Film entzieht sich jeder Eindeutigkeit, findet offensichtlich Gefallen an seiner Ungreifbarkeit. Am eindeutigsten positioniert er sich vielleicht zur Uneindeutigkeit des Guten und des Bösen: In der bulgarischen Mythologie ist nichts qua Natur gut oder böse, erklärt eine routinierte Festivalgängerin. Alles wird temporär von guten oder bösen Geistern beseelt. Und genau das zeigt der Film: fluide Gemüter in fluiden Einstellungen.

Trailer zu „Butter on the Latch“


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