Burn the Bridges

Anziehungskraft, Rotation, Ebbe und Flut: ein Initiationsprozess wie im Zyklus der Gezeiten. Er kreist um ein Geschwisterpaar, das von zwei verschiedenen Planeten zu kommen scheint.

Burn the Bridges

Die Villa, in der Helena (Irene Azuela) mit ihrer Mutter (Claudette Maillé) und ihrem Bruder Sebastián (Ángel Onésimo Nevares) lebt, ist zum Gefängnis für die junge Frau geworden. Sozial isoliert und jeglicher Freizeit beschnitten, lastet eine große Verantwortung allein auf ihren Schultern: sie muss sich rund um die Uhr um die im Sterben liegende Mutter kümmern, während Sebastián sein Leben zunehmend auf eine Welt außerhalb des Hauses und in Gesellschaft des exzentrischen Außenseiters Juan (Bernardo Benítez) verlagert. Je verbissener Helena den Bruder zu halten versucht, desto mehr entfernt er sich von ihr ...

Der mexikanische Theater- und Fernsehregisseur Francisco Franco Alba zeigt mit seinem Spielfilmdebüt Burn the Bridges (Quemar las Naves) großes Einfühlungsvermögen in Bezug auf die Entwicklung einer differenzierten Figurenpsychologie. Die Story nimmt Anklänge an Jean Cocteaus Kinder der Nacht (Les enfants terribles, 1929): Schwester und Bruder sind symbioseähnlich miteinander verbunden, bis die fast sinnliche gegenseitige Anziehungskraft wegen Eifersucht auf eine dritte Person in Aggression und Hass umschlägt. Auch in Burn the Bridges leben die Geschwister Fantasien und Sehnsüchte abgeschottet von der Außenwelt, im Zimmer, aus. Dabei wird das Bild, ob als künstlerisches Werk oder fotografischer Abzug, als Verweis auf Realität angesehen. Mit Pinsel und Farbe bringt Sebastián das Meer in sein Zimmer, weil er glaubt, noch nie dort gewesen zu sein.

Burn the Bridges

In der Manier eines Bühnenstückes wird die Handlung primär von den Emotionen und Wortgefechten, weniger aber den Taten der Figuren getragen. Lediglich am Rande verfolgen wir die Streifzüge Sebastiáns, die durch seine Bewunderung und Zuneigung für Juan geweckte Abenteuerlust und gesteigerte Risikobereitschaft. Der Fortgang des Freundes markiert den Übergang zur Gleichförmigkeit in der filmischen Narration, da damit auch Sebastiáns Pendeln zwischen den Extrempolen aufhört. Dem Plot werden somit neue Ereignisse, aber auch Konflikte entzogen, was den Erzählfluss zu einem verfrühten Zeitpunkt blockiert.

Angesichts der Lethargie und des moralischen Verfalls, der nach dem Tod der Mutter einkehrt, denkt man unwillkürlich an Andrew Birkins Verfilmung von Ian McEwans Roman Der Zementgarten (The Cement Garden) aus dem Jahr 1993, auch wenn das dominante Motiv, nämlich die inzestuöse Geschwisterliebe, in Burn the Bridges nicht auftaucht.

Burn the Bridges

Das preisgekrönte Coming-of-Age-Drama ist trotz seines ernsten Untertons kein trister oder melodramatischer Film, denn mit einer fast verblüffenden Leichtigkeit versteht sich Franco Alba darauf, tieftraurige und sehr realitätsnahe Szenen mit beinahe possenhafter Situationskomik zu kombinieren. Nur schade, dass der Regisseur die Möglichkeiten des Mediums Film über lange Erzählstrecken hinweg nicht ausgeschöpft hat.

Kommentare


Arno Abendschön

Habe eben den Film erstmals gesehen und finde diese Kritik sehr treffend. Unterstreichen möchte ich insbesondere, dass auch nach meinem spontanen Eindruck der Haupt-Erzählfluss vorzeitig versickerte. Schade, denn der Film hat im Übrigen so große Qualitäten.

(Es war mir ein Bedürfnis, eine Darstellung zu unterstützen, die ich kompetent fand. Wie viel Unverständnis äußert sich sonst oft im Internet über Filme.)






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.