Buongiorno, notte - Der Fall Aldo Moro

Der italienische Regisseur Marco Bellocchio nimmt sich eines dunklen Kapitels jüngerer italienischer Geschichte an und zeigt aus ungewöhnlicher Perspektive die Entführung von Aldo Moro durch die Roten Brigaden.

Buongiorno, notte - Der Fall Aldo Moro

Heutzutage verbindet man Terrorismus vor allem mit islamistischem Fundamentalismus und weniger mit klassischer linker Ideologie. Auch wenn das Ziel einer Diktatur des Proletariats keine Aktualität mehr besitzt, bieten Vereinigungen wie die RAF in Deutschland immer noch genug spektakuläres und brisantes Potential für eine Vielzahl an filmischen Aufarbeitungen. Italien hatte in den siebziger Jahren zwar ebenso mit dem linken Terrorismus zu kämpfen, allerdings existieren dort nicht einmal annähernd so viele Filme über dieses dunkle Kapitel jüngerer Geschichte wie in Deutschland.

Eines der aufsehenerregendsten Ereignisse für Italien, bei dem es zudem noch eine deutliche Parallele zur Geiselnahme von Hanns Martin Schleyer gibt, war die Entführung und Ermordung des christdemokratischen Politikers Aldo Moro durch die Roten Brigaden. Bereits 1986 wurden diese Geschehnisse unter dem Titel Die Affäre Aldo Moro (Caso Moro) als historische Rekonstruktion auf die Leinwand gebracht. Einen weitaus ungewöhnlicheren Ansatz wählte dagegen Marco Bellocchio in Buongiorno, notte - Der Fall Aldo Moro (Buongiorno, notte), der mit beinahe vierjähriger Verspätung noch seinen Weg in die deutschen Kinos gefunden hat. Basierend auf der autobiographischen Erzählung Der Gefangene von Anna Laura Braghetti, der einzigen Frau, die an der Entführung beteiligt war, erzählt der Film anhand der Terroristin Chiara, wie die Roten Brigaden Moro in einer abgedunkelten Mietswohnung gefangen halten. Dabei behält Bellocchio nicht nur die Perspektive der Terroristen bei, sondern konzentriert sich auch hauptsächlich auf den Schauplatz der verwinkelten Wohnung.

Buongiorno, notte - Der Fall Aldo Moro

Schon zu Beginn wird deutlich, wie Bellocchio die zum Klischee gewordene Darstellung von Terroristen als cholerische und nervös mit einer Waffe herumfuchtelnde Fanatiker vermeidet und seine Brigadisten stattdessen als ganz normale, wenn auch ideologisch verblendete, Menschen zeigt, die mit einer stoischen Ruhe und Entschlossenheit handeln. Mit näheren Charakterisierungen der Gruppe hält sich Bellocchio gar nicht erst auf, und selbst bei Chiara, die der Bezugspunkt für den Zuschauer ist, fließen nur gelegentlich Bruchstücke über ihren sozialen Hintergrund mit ein, die jedoch nicht dazu dienen, ihre Taten zu erklären oder gar zu rechtfertigen. Dieses wenig Greifbare und somit auch Geheimnisvolle der Figur kompensiert Bellocchio allerdings zunehmend, indem er Chiara zu einer Art Märtyrerin stilisiert. Ein theatralischer Ohnmachtsanfall der Protagonistin, während ein Priester die Wohnung weiht, ist nur eine von vielen Szenen, die sich einer geradezu aufdringlich christlichen Symbolik bedienen.

Lässt Bellocchio zu Beginn noch im Unklaren, in welche Richtung sich sein zunächst relativ sachlich gehaltener Film entwickeln wird, spitzt sich die Geschichte mit fortschreitender Handlung immer mehr auf einen inneren Konflikt Chiaras zu, die einerseits noch hinter den Idealen der Roten Brigaden steht, gleichzeitig aber die geplante Ermordung von Moro in Frage stellt. Bellocchio illustriert diese innere Zerrissenheit, indem er Chiaras Gedankenwelt sicht- und hörbar macht und seinen auf Tatsachen beruhenden Film um eine surreale Ebene bereichert. In Form einer aus Archivaufnahmen, Texten und einer breit gefächerten Musikauswahl zusammen gesetzten Collage wird ein spannendes, wenn auch mitunter reichlich plakatives Mittel gefunden, Chiaras Inneres zu visualisieren. Im Idealfall entsteht dabei eine ungewöhnliche Kombination wie bei der Untermalung von Partisanenerschießungen mit Pink Floyds psychedelischem „Shine on you crazy Diamond“. Statt auf Betroffenheit oder Schock abzuzielen, spiegelt diese Gegenüberstellung lediglich den Ansatz des Films wider, historische Fakten durch eine verfremdete Perspektive zu betrachten.

Buongiorno, notte - Der Fall Aldo Moro

Über die weit verbreitete Vorgehensweise, politische Ereignisse zu personalisieren, geht Bellocchio hinaus, indem er nicht nur die Wahrnehmung seiner Protagonistin mit einbezieht, sondern sich auch der Unmöglichkeit bewusst ist, Geschichte in ihrer Komplexität einzufangen und sie konsequenterweise abstrahiert. Während dieser Ansatz eindeutig zu den Stärken des Films zählt, führt neben der christlichen Symbolik vor allem die Zitierwut filmischen und musikalischen Materials häufig zu bemüht bedeutungsschweren Szenen, in denen das Archivmaterial von einer pathetischen Aura umgeben wird. Buongiorno, notte zeigt zwar einen durchaus interessanten Ansatz, allerdings in einer nur bedingt befriedigenden Ausführung.

 

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