Bunny

Down Under Berlin 2014: Ein schwangerer Hase und ein vorbestrafter Fuchs proben Dirty Dancing.

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Ein Fuchs bringt einem Hasen das Hoppeln bei. Wie man ansprechend das Hinterteil schwingt und sexy mit dem Schwänzchen wackelt. Und die Vorderpfoten bitte nicht wie ein boxendes Känguru halten, sondern mit mehr Leichtigkeit und Charme – putziger eben. Der Hase muss niedlich sein und gute Laune verbreiten, damit er in den Straßen Warschaus mehr Werbeprospekte verteilen kann. Der verkaufstüchtige Fuchs weiß, dass ein schlecht gelaunter, lustlos hoppelnder Hase kein Promotion-Potenzial besitzt. Seitdem der Fuchs zu Bunnys Sparringspartner wurde, boomt das Geschäft.

Ein weißer Bunny in der grauen Masse

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Der Hase hört auf den Namen „Blanka“ – „die Weiße“ –, und dieser passt nicht nur zur Farbe seines Fells, sondern auch zu dem reinen, unschuldig wirkenden Naturell des Bunny (2014), der von Alexander – dem „Beschützer“ – auf der Straße aufgelesen wird, nachdem er in Ohnmacht gefallen ist. Zu diesem Zeitpunkt ist Alex (Tomasz Borkowski) zumindest äußerlich noch kein Fuchs, sondern ein frisch aus dem Gefängnis Entlassener, der dringend Geld und eine Unterkunft benötigt. Bunny Blanka spendiert ihm ein Essen und nimmt ihn mit in ihre „Hasenhöhle“, die sie mit einer Katze teilt und zurzeit ohne ihren Verlobten bewohnt, der angeblich für einen Job verreisen musste und von dem sie ein Kind erwartet. Bunny ist kein hauptberuflicher Hase, sondern eine unterbeschäftigte Schauspielerin (Katia Mazurek), die für ihren Lebensunterhalt Flyer im Fellkostüm verteilt, und als sie Alex ein Bild ihres Verlobten zeigt, wird dem entsetzten Fuchs schlagartig klar, dass seine Begegnung mit dem Bunny kein Zufall war.

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Bereits der Debütfilm der in Polen geborenen Autorin und Regisseurin Annika Glac handelte von einer schicksalhaften Liebesgeschichte. In Belladonna (2008) sind zwei Leben durch mehrere Jahrzehnte und Kontinente voneinander getrennt und dennoch miteinander verknüpft. Während Belladonna eine traumähnliche Atmosphäre besitzt, trägt der Nachfolger Bunny deutlich märchenhafte Züge, ist dabei aber in den geschäftigen Großstadtstraßen, modern ausgestatteten Bibliotheken und sparsam eingerichteten Wohnungen Warschaus in einer nüchternen, unromantischen Wirklichkeit verortet, die die Inszenierung vor dem allzu Lieblichen und Possierlichen bewahrt und für schöne Kontraste sorgt, wenn der weiße, fluffige Bunny durch eine graue, uniforme Menschenmenge spaziert, ohne mit seiner Erscheinung besonderes Aufsehen zu erregen. Ein Ast, der wie aus dem Nichts auftauchend in einer Telefonzelle hängt, und weitere beiläufig eingestreute Hinweise deuten schon früh an, dass der (Märchen-)Wald nicht weit von der Zivilisation entfernt liegt, bevor ihm Hase und Fuchs tatsächlich mehrere Besuche abstatten.

Weder Playboy-Bunny noch Dummy-Bunny

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Alex’ Geheimnis wird für den Zuschauer bereits im ersten Drittel des Handlungsverlaufs gelüftet, während Blanka für lange Zeit ahnungslos bleibt. Einen Großteil seiner Spannung bezieht Bunny aus der gegensätzlichen Wesensart seiner Hauptfiguren (deren Darsteller auch im wahren Leben ein Paar waren oder sind) und aus der Frage, was passieren wird, wenn der Hase dem Fuchs auf die Schliche kommt. In den meisten klassischen Märchen, unter anderem in Ludwig Bechsteins „Der Hase und der Fuchs“, entpuppt sich der scheinbar naive, harmlose Hase letztlich als schlauer und trickreicher als der gewiefte Fuchs. Obwohl Blanka keineswegs ein „Dummy-Bunny“ ist, entspricht ihr Charakter und ihr Auftreten jedoch weitestgehend dem gängigen Rollenbild des putzigen, scheuen Schmusetierchens und hiermit leider auch dem Klischee der sanften, ein wenig tollpatschigen und hilflosen Frau, die wie ein kleines Kind lustige Geräusche von sich gibt, Essensreste im Gesicht hängen hat und einem harten Kerl mit dunkler Vergangenheit auf den Leim geht. Dass Blanka, auch wenn sie ihre riesige Brille abnimmt, durchaus attraktiv, aber keine klassische, massenkompatible Schönheit ist, bewahrt sie zumindest davor, sich zum Playboy-Bunny und zur Männerfresserin zu wandeln, wie es in diversen romantischen Komödien schon unzählige Male praktiziert wurde, wenn Brillenträgerinnen zu Kontaktlinsen greifen.

Oster-Bilby statt Oster-Bunny

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Erstaunlicherweise erliegt man als Zuschauer trotz des regressiven, nur in manchen Szenen durchbrochenen Geschlechterbildes gemeinsam mit Alex dem Charme des Bunny und kann durchaus romantische Gesten darin entdecken, wenn sich Fuchs und Hase vor Arbeitsantritt gegenseitig das Fell bürsten oder für das gemeinsame Tänzchen in der Fußgängerzone die Dirty Dancing-Hebefigur trainieren – und das ohne Wasser. Bunny läuft im Rahmen des Filmfestivals Down Under Berlin 2014 in der Sektion „Aussies Abroad“, da Regisseurin Annika Glac in Melbourne Film studierte, in Australien lebt und arbeitet. Obwohl das Grundgerüst ihres Großstadtmärchens recht forciert und formelhaft wirkt und die Auflösung eher enttäuscht als überzeugt, ist der Film dank seiner einnehmenden Darsteller, einer Inszenierung, die mehr andeutet als ausbuchstabiert und bis zum Schluss Fragen offen lässt, und eines spannungsreichen Zusammenspiels von Schnitt und Soundtrack ein sehenswertes, handwerklich versiertes Werk mit Sinn für komödiantisches Timing. Bereits die Exposition, in der Alex aus dem Gefängnis in die Freiheit tritt, wird auf der Tonspur von einem merkwürdigen Männergesang unterlegt, der wie menschliches Hundejaulen klingt. Weitere obskure (Tier-)Geräusche und Gesänge folgen, die Szenen wiederholt mit einem plötzlichen Ausruf oder Jauchzer kommentieren oder beenden und den überwiegend mit ruhiger, statischer Kamera gedrehten Bildern einen schrägen, spleenigen Akzent verleihen.

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In Australien ist der Bunny aufgrund häufig auftretender Kaninchenplagen übrigens ein gar nicht gern gesehenes Tier, und darum bringt dort nicht der Osterhase die Ostereier, sondern der Oster-Bilby, ein kleines Beuteltier, das es in der entsprechenden Jahreszeit wie unseren Osterhasen natürlich auch in der Schokoladenvariante gibt. Film- und Australien-Interessierte sollten sich das rare Auftauchen des Bunny im Kino dennoch oder gerade deshalb nicht enthoppeln lassen.

Trailer zu „Bunny“


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