Bumblefuck, USA

Das Flimmern im Herzen Amerikas. Von queeren Lebensentwürfen im Mittleren Westen.

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Allem voran steht das Rätsel eines Suizids: Ein junger Mann, den die Kamera nur von hinten erfasst, trifft letzte Vorbereitungen. Der Raum, in dem er sich aufhält, wirkt anonym und ist nur spärlich eingerichtet, vermutlich ein Hotelzimmer. Der Fernseher ist ausgeschaltet und reflektiert genau wie der Spiegel die kahlen Wände. Von nebenan dringt gedämpftes Murmeln ins Zimmer, draußen vor dem Fenster ist nichts als blendend weißes Licht. Als alle Abschiede auf Papier gebracht sind, zieht der Mann einen Revolver aus seinem Rucksack und führt ihn an die Schläfe. Abblende. Schuss.

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Bumblefuck, das ist im Amerikanischen „am Arsch der Welt“, ein geringschätziger Name für Orte mitten im Nirgendwo. Und genau dorthin verschlägt es die Protagonistin Alexa in Aaron Douglas Johnstons Spielfilmdebüt. Von Amsterdam hat sie sich ins ländliche Iowa aufgemacht, um der Ratlosigkeit, vor der sie die Selbsttötung eines guten Freundes gestellt hat, abzuhelfen. Matt hieß der junge Mann, und er war schwul, doch sein Tod bleibt ein Rätsel, eine Leerstelle, um die der Film langsam kreist. Alexa versucht Antworten zu finden, indem sie Matts Tod in einem Dokumentarfilm verarbeitet. Sie taucht ein in die homosexuelle Szene von Matts Heimatort und befragt die queeren Einwohner der Kleinstadt zu ihren persönlichen Erfahrungen und ihrem Selbstverständnis.

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Regisseur Johnston, der gemeinsam mit der Hauptdarstellerin Cat Smits auch das Drehbuch geschrieben hat, verarbeitet in Bumblefuck, USA autobiografische Erlebnisse und verbindet Dokumentation mit Fiktion. Die in die Handlung eingebetteten Interviews, in denen von Isolation und Suizidgedanken ebenso wie von selbstbewussten Lebensentwürfen die Rede ist, sind authentisch und unterbrechen immer wieder die Spielszenen, die Alexas Alltag im Ort und die sich anbahnende Liebesgeschichte mit einer lesbischen Künstlerin verfolgen. Dabei nutzt die Independent-Produktion ihre vergleichsweise bescheidenen Mittel effektiv und schafft mit den lichtdurchfluteten Bildern und einer Tonspur, auf der es stets leise knistert, summt und zwitschert, eine sinnliche und sommerliche Atmosphäre. Nur selten wird von der naturalistischen Inszenierung abgewichen, die den Zuschauer zum aufmerksamen Beobachter macht. Umso befremdlicher wirken einzelne Szenen in diesem sonst so zurückhaltenden Film: Da wird ein Moment der Eifersucht nach dem Schema einer Seifenoper dramatisiert oder die Figur von Alexas unheimlichem Vermieter plump durchpsychologisiert, obwohl Bumblefuck, USA sonst eher eine Absage an einfache Antworten ist.

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Doch größtenteils erzählt Johnston seine Geschichte unkonventionell, der Ton ist trotz des tragischen Verlusts, der immer spürbar bleibt, ein leichter, oft auch humorvoller. Ähnlich wie in Héléna Klotz’ Atomic Age (2012) ist auch in Bumblefuck, USA alles in Bewegung. Der Ort wird ausgelotet, entdeckt, durchstöbert, sodass zusammen mit der Vielfalt an Stimmen aus den Interviews ein facettenreiches Porträt entsteht. Fragen stellen ist wichtiger, als immer schon die passende Antwort zu haben, daher erkundet Alexa mit großer Neugier ihre Umwelt und gleichzeitig sich selbst. Dabei ist die Kamera immer dicht dran an den Figuren und blickt ihnen in Nahaufnahmen in die Gesichter. Dieser Blick ist ein durchaus empathischer, eine wirkliche Nähe lässt er aber dennoch nicht zu – dazu bleiben zu viele Leerstellen und Lücken in der Charakterisierung.

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Doch gerade hier liegt auch eine Stärke von Bumblefuck, USA, der sich nicht nach den üblichen Mustern vieler sogenannter Coming-out-Filme richtet, sondern offen und vieldeutig bleibt, ohne dabei beliebig zu werden. Die Frage, ob nun in oder out, stellt sich hier gar nicht, die vereinfachende und nicht ganz unproblematische Vorstellung vom closet kann deshalb auch keine Antwort auf die Frage nach dem Grund für Matts Suizid sein. Johnston spielt auch nicht, wie so oft gesehen, das Kleinstadtleben gegen eines in der Großstadt aus. Bumblefuck, das ist eben nicht bloß das Gegenstück zur urbanen Utopie und Stellvertreter für das traditionelle und vermeintlich konservative Amerika. Bumblefuck, der Name verrät es, ist von vornherein auch schon (homo-)sexuell konnotiert. So lässt sich der Titel als eine selbstbewusste Aneignung und Umdeutung des eigentlichen Schmähbegriffs lesen. Diese Praxis der Aneignung führt Bumblefuck, USA mit großer Lust vor und zeigt, wie aus Trauer Lebenslust wird, Schrott zu Kunst und aus einer Kaffeetasse ein Liebesbeweis. 

Trailer zu „Bumblefuck, USA“


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