Bullhead

Düster, komplex, abgrundtief traurig: Der Neo-Noir aus Belgien erzählt von Rinderzüchtern, der Hormon-Mafia – und von einem Land kurz vor der Implosion.

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458 Tage. So lange schon leidet Belgien unter einer Staatskrise. Seit den Wahlen vom 13. Juni 2010 ist eine kommissarische Regierung im Amt. Das ist Weltrekord. Seitdem lähmt der Streit zwischen niederländisch sprechenden Flamen und französisch geprägten Wallonen das Land. Zuletzt schien es, als sei eine Spaltung nicht mehr zu verhindern. Bis am 15. September doch noch ein unverhoffter Durchbruch bei den Verhandlungen gemeldet wurde. Ob und wann der sich aber politisch wird umsetzen lassen, steht in den Sternen.

Aus diesem zerrissenen Land kommt nun der Film Rundskop – so der flandrische Originaltitel. Auf den ersten Blick hat er wenig mit den politischen Querelen zu tun. Der Thriller dreht sich um illegale Machenschaften bei der Rinderzucht. Aber aus jeder Einstellung sickert die tiefe Verunsicherung eines Landes, das mit seiner Identität ringt. Und das nicht erst seit 2010, sondern seit Jahrzehnten. Bullhead spielt an der niederländisch-französischen Sprachgrenze; aus den Dialogen spricht immer wieder das Misstrauen zwischen wirtschaftlich erfolgreicheren Flamen und kulturell sich überlegen fühlenden Wallonen.

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Ein düsterer Waldrand, dräuender Himmel. Die erste Einstellung. Ein Monolog aus dem Off: Die Stimme spricht über Geheimnisse, die über Jahre verdrängt werden, bis sie irgendwann an die Oberfläche kommen und alle in einen dunklen Abgrund reißen. Am Ende die Worte: „Gearscht bist Du. Dein ganzes Leben lang. Gearscht. Heute, morgen und bis ans Ende Deiner Tage.“ Der da spricht, ist Jacky Vanmarsenille (Matthias Schoenaerts). Ein Hüne von einem Mann, der unter Druck steht. Der Rinderzüchter aus Flandern spritzt seinen Tieren illegale Wachstumshormone, wie es schon sein Vater vor ihm tat. Aber jetzt ist die Szene in Aufruhr: ein Bundespolizist, der Händlern illegaler Substanzen auf der Spur war, wurde erschossen. Ausgerechnet, als Jacky mit dem Rindfleischhändler De Kuyper (Sam Louwyck) ein heikles Geschäft einfädeln will: er soll dessen neuer Lieferant werden. Aber Jacky wittert, dass etwas schief läuft. Erst recht, als er De Kuypers rechte Hand kennenlernt: Diederik (Jeroen Perceval) und Jacky waren als Kinder unzertrennlich, bis ein schreckliches Ereignis ihre Freundschaft zerstörte. 

Motivisch und von seiner Erzählstruktur her steht Bullhead in der Tradition des Film noir. Es gibt einen zwielichtigen Helden; es geht um Geldgier und Eifersucht; jeder kämpft gegen jeden; die Zusammenhänge sind komplex, werden über Rückblenden erzählt und sind für den Zuschauer anfangs kaum zu durchschauen. Besonders stark betont der Eingangsmonolog die Schicksalhaftigkeit des Geschehens. Auch auf stilistischer Ebene finden sich Techniken aus der Sprache des Film noir: düstere, spärlich ausgeleuchtete Bilder, Großaufnahmen, gekippte Kadragen. Völlig untypisch hingegen der Schauplatz: nicht im Dschungel der Großstadt entfaltet sich die Geschichte, sondern in der merkwürdig gesichtslosen Landschaft Flanderns, auf Bauernhöfen und leeren Feldern.

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Je mehr der Zuschauer über Jackys Schicksal erfährt, desto stärker rücken aber die tragödienhaften Elemente der Geschichte in den Vordergrund. Den Krimi-Plot fast völlig vernachlässigend, folgt der Film dem Schicksal seiner Hauptfigur. Relativ schnell wird klar, dass der Muskelberg Jacky sich selbst Testosteron spritzt. Er scheint mühsam einem inneren Druck standhalten zu müssen, kurz vor dem Explodieren zu stehen. Der Grund dafür, der hier nicht verraten werden soll, wird in einer langen Rückblende enthüllt, die die Figur in ein völlig anderes Licht taucht. Ein faszinierender Perspektivenwechsel, der die Frage nach männlicher Identität aufwirft in einer immer noch stark patriarchalisch geprägten Welt und gleichzeitig in einem Land, das selbst wegen seiner Identitätsprobleme kurz vor dem Auseinanderbrechen steht.

Matthias Schoenaerts spielt diesen Jacky als hochsensiblen Menschen im Körper eines Boxers. Schon bevor der Zuschauer sein Geheimnis erfährt, ahnt er, dass Jacky nicht einfach ein brutaler Schläger ist – obwohl er in seiner ersten Szene genau so eingeführt wird und die Kamera ihn immer wieder bei einer Art verzweifeltem Schattenboxen beobachtet. Aber seine bullige, brutale, muskelbewehrte Physiognomie konterkariert Schoenaerts durch verletzlich wirkende Bewegungen, so als müsse Jacky sich bei jedem Schritt vor der Welt schützen. Dazu kommt ein herzzerreißend trauriges Gesicht mit einem hängenden Augenlid. Schoenaerts soll sich zwar mit zwei Jahren körperlichem Training auf die Rolle vorbereitet und dabei 27 Kilo zugenommen haben – aber es ist seine Körpersprache, die aus Jacky eine so bemerkenswert vielschichtige und traurige Figur macht.

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Bullhead ist Michael R. Roskams Regiedebüt, und man kann das spüren. Am Ende will er zu viel, das Finale wirkt vor allem stilistisch überladen. Man kann auch argumentieren, dass die Analogie der männlichen und nationalen Identität sich im Lauf des Films abnutzt und platt wirkt. Aber die Tragödie des Jacky Vanmarsenilles entfaltet sich mit einer alttestamentarischen Wucht, der man sich nicht entziehen kann. Sein Schicksal geht tief unter die Haut.

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Kommentare


Mario

Einen film wie eine kalte bombe. Ohne bombast aber eindrichlich wie ein messer. Mehr solcher filme bitte !






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