Bug

Lasst viele Käfer bei mir sein: William Friedkin gelingt ein klaustrophobisches Kammerstück über paranoide Wahnvorstellungen mit zwei grandiosen Hauptdarstellern.

Bug

Der Übergang von geistiger Gesundheit zum Wahnsinn – wenn es ihn gibt – vollzieht sich, ohne dass man ihn so recht bemerkt. Die Frau will zuerst kaum glauben, was ihr neuer Freund da erzählt, von den Insekten, die seinen Körper bevölkern, die ihm das Militär eingepflanzt habe, die gar per Funksignal gesteuert werden könnten. Nach und nach aber glaubt sie ihm, sieht, was er sieht, und denkt, wie er denkt. Der Moment, an dem sie beginnt, zur Paranoikerin zu werden, lässt sich auch im Nachhinein nicht mehr ausmachen.

Ashley Judd gibt dieser Agnes, Kellnerin in einem Kaff in Oklahoma, anfangs alle äußeren Anzeichen der Resignation. Die strahlt nicht nur in ihre Gewohnheiten aus – die morgendliche Zigarette noch vor dem ersten Kaffee, dem Alkohol und den anderen Drogen den Tag über –, sondern vor allem in ihre Mimik und ihre ganze Körperspannung. Agnes nimmt Peter (Michael Shannon) zunächst aus Mitleid bei sich auf, ihre Freundin und gelegentliche Bettgenossin R.C. (Lynn Collins) hat ihn angeschleppt, und er hat keine Bleibe. Bald schon bittet sie ihn zu bleiben, denn er ist sanft und verständnisvoll, anders als ihr jüngst aus dem Gefängnis entlassener Ex (Harry Connick Jr.), der schon wieder vor ihrer Tür und gelegentlich mitten in ihrem Motelzimmer steht und sie verprügelt.

William Friedkin hat sich schon in früheren Filmen wie Der Exorzist (The Exorcist, 1973) und Cruising (1980) damit beschäftigt, wie die menschliche Psyche unter extremen Umständen reagiert – er hat das mit den Mitteln des Horror- und Polizeifilms erzählt, immer am Rande der jeweiligen Genres. Bug ist nun vielleicht am ehesten wieder ein Horrorfilm geworden, aber das strapaziert den Begriff schon sehr arg: Es gibt keine Monster und nichts Übersinnliches zu sehen und zu hören; die Käfer, die Peter sieht, sind winzig klein, und die Kamera lässt uns nie nahe genug heran, dass wir entscheiden könnten, ob es sie wirklich gibt.

Stattdessen gibt es gelegentlich in Zwischenschnitten Käfer, Maden, Insekten zu sehen, und wir erfahren nie, ob diese Bilder auf eine Realitätsebene verweisen sollen oder auf ein Universum in Peters oder Agnes’ Kopf. Mit System vernebelt Friedkin unsere Wahrnehmung der Realität, so dass man sich, so paranoid und verschwörungstheoretisch sich Peter auch anhört, nie ganz von seinen Behauptungen lösen kann. Sogar die Ankunft von Peters Arzt (Brian F. O’Byrne) wird letztlich nur den Eindruck schüren, irgendetwas gehe hier nicht mit rechten Dingen zu. Vielleicht hat Peter Recht, und wir sind nur nicht paranoid genug?

Bug

Agnes jedenfalls verfällt seinen Geschichten, und man kann dabei zusehen, wie sie nach und nach ihr Leben und ihren eigenen großen Verlust darin einpasst. Ihr Leben richtet sich wieder auf ein Ziel aus – die Käfer in ihrem Zimmer zu bekämpfen – und mit diesem Ziel kommt ihre Körperspannung wieder, blicken ihre Augen wieder offen in die Welt.

Die Welt ist freilich eine sehr kleine, Friedkin hat hier ein Kammerstück gedreht: Die Handlung beschränkt sich fast ausschließlich auf Agnes’ Zimmer mit Küchenzeile und Bad. Dass Bug auf einem Theaterstück beruht, dessen Autor Tracy Letts auch gleich das Drehbuch geschrieben hat, wird da überdeutlich, aber es ist keineswegs ein Fehler, dass der Film sich auf diesen Raum beschränkt. Nur in dieser streng begrenzten Enge kann sich das Drama dieser Liebesbeziehung entwickeln, und Friedkin verstärkt den Eindruck von Enge noch durch die Wahl der Bildausschnitte.

Zugleich lässt er uns auch dann am Gefühl der Paranoia teilhaben, wenn die Kamera, selten genug, die Räume verlässt. Da fliegt die Kamera, gespenstisch still, auf das Motel zu, oder streicht langsam um das Gebäude herum, wie man es aus den klassischen Horrorfilmen der siebziger Jahre von den Serienmördern gewohnt ist.

Den beiden Hauptdarstellern Judd und Shannon dabei zuzusehen, wie sie sich immer mehr in ihre von Insekten bevölkerte Welt hineindenken, ist nahezu unerträglich intensiv. Alle anderen Weltvorstellungen werden ausgeblendet. Zuletzt sitzen Peter und Agnes beieinander in ihrem Wohnloch, Wände, Fußböden, Decken sind mit Metallfolie gegen Funksignale abgeschirmt, beider Körper sind zerkratzt und zerschunden, es hat gar einen Toten gegeben.

Im Wahnsinn dieser letzten Minuten fügt sich für die Figuren alles zusammen, und die Kamera beobachtet das aus nächster Nähe. Diese Szene dürfte eine der intensivsten sein, die Ashley Judd je gespielt hat. Selten fand alles Leid einer Person so zärtlich und umfassend Platz in ihrer Paranoia, und selten hat man dem so atemlos zugesehen.

Kommentare


phrunk

Ja, das nenne ich mal wirklich verstörend. W. Friedkin hat es "schon" wieder geschafft, die Zuschauer zu terrorfyin. Schizophrene Paranoia vs. bipolarer Psychose. Ein Nest unter dem Backenzahn und eine schöne Hotelanlage, die man gern in verschieden Zeit-/Belichtungsstadien überfliegt.


STARK.


Martin Zopick

Die beiden Hauptakteure schenken sich nichts und uns jede Menge Horror.
William Friedkin weiß, wie man die psychischen und auch physischen Schmerzen wie mit einer Daumenschraube anzieht und die Wirkung erhöht wird, wenn ein gewisser Ekelfaktor hinzukommt. Das gelingt ihm mit im Grunde recht einfachen Mitteln. Der Brechreiz ist einkalkuliert. Leider verkommt der Höhepunkt durch endlose Schreierei zu einem fast unverständlichen Info-Austausch. Die konsequent aufgebaute Spannung leidet aber kaum darunter. Die begleitenden Personen erscheinen im Dialog mal auf der Seite der Guten, dann könnten sie aber auch wieder auf der Gegenseite sein. Das ‘Traue-Keinem-Syndrom‘ wird als zusätzlicher Verstärker eingesetzt. Dabei beginnt alles mit der üblichen Story: fieser Ex-Ehemann (Harry Connick jun.) verprügelt seine Frau Agnes und ein Unbekannter (Michael Shannon) hilft ihr aus der Bredouille. Ashley Judd ist prädestiniert für die Rolle der Agnes als gequälte weibliche Kreatur. Das kann sie hier wieder einmal exzellent unter Beweis stellen. Allein durch ihre schauspielerische Leistung gelingt dieser Horror-Schocker, der den Zuschauer zwingt, dabei zu bleiben und mitzuleiden. Denn man sieht meistens nur Agnes und nicht die eingepflanzten Viecher. Da ist das Ende nur eine konsequente Erlösung – für Zuschauer und Darsteller.






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