Bübchen

Risse in den Oberflächen. Ein kindlicher Raskolnikoff bringt das Wirtschaftswunderidyll ins Wanken.

Buebchen 03

Klick’sche Nächte sind rabenschwarz. Keine künstliche Beleuchtung, kein weiß schimmernder Mond, kein amerikanisches Kinoblau. Stattdessen eine fast undurchdringliche lichtlose Masse, durch die sich die geschulterte Kamera gemeinsam mit den Protagonisten pirscht. Doch irgendwann, und meist plötzlich, schälen sich aus den Dunkelflächen Gestalten hervor: Prostituierte, Zecher, Ganoven in Supermarkt (1974); Rockergangs und kreischende Kinderhorden in Bübchen. Während sich die guten Bürger hinter den Rollläden verschanzt haben, gehören die nächtlichen Straßen denen, die nicht mitschaffen beim braven Nachkriegs-Wiederaufbau. Und man muss ihnen dankbar sein dafür, dass sie ab und an das nachtfarbene Leichentuch zerreißen, das sich bleischwer über die Westdeutsche Demokratische Republik niedersenken will.

Buebchen 01

Unter den Oberflächen brodelt es, und Roland Klick wartet auf die Eruptionen. So sind seine Figuren, so sind ihre Zwiste: Sie sind die Ahnen von Dominik Grafs teutonischen Triebwesen. Doch in Bübchen brodelt es auch ganz allgemein hinter den Vorstadtkulissen in der Hamburger Peripherie. Oft nur sekundenkurz blitzt etwas Wahnsinn hinter den Fassaden hervor. Oder vielleicht muss man das Ganze andersherum denken: Manchmal bricht schlaglichtartig die Erkenntnis durch, dass die Normalität wahnsinnig ist. So zum Beispiel in dem Moment, als der Vater (Sieghardt Rupp) den Kofferraumdeckel des Autowracks hochklappt und sofort wieder zufallen lässt. Drinnen liegt, das muss nicht gezeigt werden, die Leiche seiner Tochter. Klick filmt dieses zweisekündige Auf-Zu durch die zerborstene Heckscheibe hindurch: Alles ist kaputt, von nun an. Aber der Vater bleibt äußerlich ruhig und raucht erst mal eine Zigarette. Danach macht er sich daran, den Schein weiterhin zu wahren.

Buebchen 04

Das Wirtschaftswunder ist kurz vor dem Verglühen, der Babyboom bestimmt das Straßenbild. 1964 war das Säuglingsrekordjahr, und Klick zeigt vier Jahre später die Ergebnisse: Anarchische, wild umhertollende Kinderbanden überall, die zukünftige Generation X. Wenn ein zweijähriges Mädchen verschwindet, wusste man, was man zu denken hatte: Sittlichkeitsverbrechen hieß es damals. Heute, vierzig Jahre später, scheint der Nexus noch immer klar, man denkt an jene Zeit mit Reizwörtern wie: Odenwaldschule, Sexuelle Revolution, Rudolf Walter Leonhardt. So ist Bübchen ein aktueller Film, weil er an die Wurzel dessen zurückgeht, was nun erst aufgearbeitet wird an der jüngeren deutschen Vergangenheit, und weil er eine demographische Erklärung nahelegt: Babyboom und Sittlichkeitsverbrechen müssen zusammengedacht werden.

Und doch ist es genau dies nicht, woran Klick interessiert ist, die rechtsgläubige schwarzweiße Moralauffassung von den lieben Kindern und den bösen Pädophilen. Denn der Mörder ist hier kein Erwachsener, sondern der ältere Bruder (Sascha Urchs). Während die Eltern Karneval feiern und die Twiggy-Lookalike-Babysitterin (Renate Roland) mit ihrem Liebhaber (Otto Borowski) unterwegs ist, zieht er seiner Schwester eine Plastiktüte über den Kopf. Urchs spielt den kreuzbrav ausschauenden Achim so grandios widerlich, dass es einen gruselt. Vollkommen empathieunfähig ist er, verstockt und verlogen, egomanisch, wortkarg, durchtrieben.

Buebchen 12

Es geht Klick nicht um Kausalerklärungen, nicht um die Frage, ob Achim ein Produkt seines frohsinnigen Umfelds ist oder nicht, entsprungen dem ständig angeschwipsten Bürgergehabe der Eltern und ihrer Selbstbezogenheit. Es geht viel eher darum, wie er sein Umfeld herausfordert. Man weiß von Anfang an, dass er es war, weshalb man mit großer Ruhe dabei zuschauen kann, wie sich die Erwachsenen bei der Täter- und Leichensuche allmählich selbst zerfleischen. „We need to talk about Achim“? Im Gegenteil: Alles versucht, ihn totzuschweigen. Und wenn der Nachbar am Ende den Verdacht doch auf ihn lenkt, wird er vom Vater flugs zur Tür bugsiert.

Klicks kindlicher Raskolnikoff hinterfragt nicht die Psyche des Verbrechers, sondern die Gesellschaft. Es geht weniger darum, wie Achim mit dem Mord umgeht, als wie alle anderen damit umgehen. Und die spielen Schwarzer Peter. Der Schuldverdacht wandert von einem zum anderen: Die Babysitterin, ihr Freund, Achim. Immer wird ein bisschen gelogen, die zirkulierende und ständig anwachsende Unwahrheit lenkt den Verdacht jeweils auf den nächsten. Die gesellige Freundschaftlichkeit ist bald dahin, man kümmert sich stattdessen um moralische Besitzstandswahrung. Am Ende sitzt die Familie, zu dritt nur noch, wieder bei Tisch: Ein Horrorblick in die deutsche Zukunft, mit weniger Kindern und mehr Leichen im Keller.

Buebchen 09

Klick filmt das alles ganz wundervoll unberechenbar. In den Innenräumen werden die hysterischen Anstrengungen aller, den schönen Schein der Freundlichkeit so lange als möglich zu wahren, fast augenfällig, so schwindelerregend dreht sich die Kamera in langen Tracking Shots umher, folgt den huschenden, konversierenden Menschen in alle Richtungen. Überall sind Türen im Kleinfamilieneigenheim, fast theaterhaft werden die Auf- und Abtritte, das Auftauchen und Verschwinden. Dabei wird auch klar, dass die Wildheit in den Händen eines inszenatorischen Meisters liegt: Klick steht Fassbinder in nichts nach, wenn es darum geht, Körper in engen Räumen hin- und herzuschieben.

Draußen werden die Bilder gern panoramatisch: die Beton- und Werbeflächen der Gewerbegebiete, dahinter die noch unbebauten Brachen, zuletzt der Schrottplatz, wohin Achim sein totes Schwesterchen im Bollerwagen zieht – eine Mischung aus Abenteuerspielplatz und apokalyptischer Zukunftsaussicht. Klick konterkariert diese Tristesse mit selbst eingespieltem, fast britisch-folkloristischem Akustikgitarrengezupfe; Nick Drake und Simon & Garfunkel klingen an. Ist es der Sound der Besatzungsmacht oder der Gegenentwurf zum Amerikawahn der Nachkriegszeit, der dem Vater in seinem Rebel-Without-a-Cause-Look auf den Körper genäht ist?

Buebchen 08

Bübchen ist ein bemerkenswerter Film; geradlinig und unerbittlich erzählt wie ein Thriller, dramaturgisch meisterhaft ausgewogen, enorm anspielungs- und beziehungsreich, und doch mit dem Touch des Amateurhaften versehen, mit dem Siegel des Bruchs mit Papas Kino. Die Nächte sind zu schwarz hier, die Seelen zu flach, die Menschen zu böse, der Blick auf die Heimat zu gequält für ein Konsensstück. Das hier ist Deutschland umgekrempelt, Amityville liegt plötzlich vor Hamburg und die alte Welt befindet sich in den Klauen der Kinder. Ein bösartiges kleines Meisterstück.

Kommentare


Andyk

Und wo kann ich mir den Film ansehen? :)


Andyk

Achja, danke, Michael. Eigentlich naheliegend... :-)

Und danke für die tollen Kritiken hier. Hab mir critic.de auf meinem Feedreader aboniert und profitiere sehr!


Michael

Aber gerne doch! Und danke auch fürs Lesen :-)






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.