Buddenbrooks – Kritik

Wie die Buddenbrooks stecken wir in der Finanzkrise, aber Verstand besitzen wir noch, Herr Breloer. Der Doku-Dramatiker und Thomas-Mann-Experte (Die Manns – Ein Jahrhundertroman, 2001) beschert uns einen 16 Millionen schweren Weihnachtswitz.

Buddenbrooks

Die Buddenbrooks reden geschwollen und tragen Retro, sind sonst aber Menschen wie du und ich? Dass die vierte deutsche Verfilmung von der privaten und finanziellen Bankrotterklärung der Lübecker Kaufmannsfamilie eine Produktion der Gegenwart ist, zeigt sich leider nicht an einer zeitgemäßen Interpretation und Inszenierung des Romans, sondern vielmehr an der Mitfinanzierung des Fernsehens und den allzu offensichtlichen kreativen Folgen, an einer aufgeblähten PR-Kampagne und ein paar Sexszenen. Bezüge zur akuten Wirtschaftsmisere betont Regisseur Heinrich Breloer zwar gerne in zahlreichen Interviews, jedoch kaum in seinem Film.

Die aufregendste Szene in Breloers kreuzbraver Literaturverwurstung ist vollkommen unerotisch, sie spielt beim Zahnarzt: Stammhalter Thomas Buddenbrook (Mark Waschke) wird mit fieser Zange und ohne Betäubung in Großaufnahme ein fauler Zahn entfernt. Hier kann man endlich mit einem  Protagonisten mitfühlen, während Brüdergeplänkel, mehrere gescheiterte Ehen und jede Menge Todesfälle im Handlungsverlauf an einem vorbeihecheln, ohne dass die Wimper zuckt. Unangenehme Zahnarztbesuche sind heute noch so aktuell wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Zwangsheirat mit einem bewarzten Mitgiftjäger, zu der die jüngste Tochter Tony (Jessica Schwarz) von ihren Eltern genötigt wird, dagegen weniger.

Buddenbrooks

Ereignisse von 40 Jahren hakt Breloer in zweieinhalb Stunden ohne inhaltliche Schwerpunkte ab: Nachdem Konsul Jean Buddenbrook (Armin Mueller-Stahl) mit den Worten „kurios, kurios“ und einem stimmungsvollen Gewitter im Hintergrund das Zeitliche gesegnet hat, übernimmt sein gewissenhafter, aber furchtbar langweiliger Sohn Thomas die Leitung der Firma, die daraufhin stetig den Bach runtergeht. Seine holländische Importbraut Gerda (Léa Bosco) verbringt die Tage lieber mit ihrer Geige und schenkt der zunehmend kränkelnden Dynastie einen Erben (Raban Bieling), der fürs Geschäftsleben gänzlich ungeeignet ist, weil mehr Künstler als Kaufmann in ihm steckt. Tony Buddenbrook sprintet von einer frisch vollzogenen Scheidung zur nächsten Ehepleite, während ihr hypochondrischer Bruder Christian (August Diehl) seine psychosomatischen Schluckbeschwerden pflegt und mit der unstandesgemäßen Aline Puvogel (Nina Proll) ein uneheliches Kind zeugt.

Da manche Probleme des Getreidehandelclans im 21. Jahrhundert veraltet wirken, hätten Breloer und sein Co-Drehbuchautor Horst Königstein vielleicht mehr Zeit darin investieren sollen, ihre Figuren mit drei Dimensionen und einnehmenden Eigenschaften auszustatten und nicht in erster Linie mit hübschen Kostümen. Stattdessen setzen sie auf Pathos und Karikaturen, Manierismen und Phrasen. Iris Berben hat als Konsulin Bethsy die Aufgabe, den Ausruf „Wie beliebt?“ zum Running Gag zu machen. Bankier Kesselmeyer (Sylvester Groth) gackert nicht nur grotesk, die Kamera von Gernot Roll (der bereits die Fernsehserie von 1979 fotografierte) zoomt zudem noch auf sein Gesicht, damit auch wirklich jeder Zuschauer versteht, dass der Mann eine Lachnummer ist. Gefühle werden lautstark verkündet, sind aber meistens leere Sprechblasen: Nachdem Gerdas Sohn am Typhus gestorben ist, behauptet Tante Tony, sie hätte ihren Neffen „so geliebt“. An eine gemeinsame Szene der beiden, die ihre Verbundenheit demonstriert hätte, erinnert man sich allerdings nicht.

Buddenbrooks

Wie die Eichinger-Produktionen Der Untergang (2004) und Der Baader Meinhof Komplex (2008) ist Buddenbrooks ein so genannter „Amphibienfilm“ – entwickelt für die Auswertung in Kino und Fernsehen, wo eine 30 Minuten längere Version laufen wird. Ähnlich wie die ebenfalls großspurig vermarkteten Vorgänger leidet Breloers Kinodebüt an seinen inhaltlichen und ästhetischen Zugeständnissen an ein TV-Publikum, von dem die Macher scheinbar meinen, es besäße grundsätzlich beschränktere Fähigkeiten zum selbstständigen Denken und freien Assoziieren als der durchschnittliche Kinogänger und man könnte es mit zu viel Anspruch oder Ambivalenz verschrecken. Bildsprache und Dialoge sind also überwiegend eindeutig, selten zwei- und häufig überdeutlich. Eine risikofreudige Handschrift des Regisseurs ist eher unerwünscht.

Die lässt Breloer auch nicht erkennen. Eine Reihe von Sequenzen hat er einfach leicht verändert aus Alfred Weidenmanns Adaption von 1959 übernommen. Hinzu kommen Inszenierungseinfälle aus der Mottenkiste: Wenn die Buddenbrooks in ihrer Familienchronik lesen, ertönen dazu die Stimmen der Ahnen. Beim Sterben erscheint die obligatorische Rückblende in die Vergangenheit, vorzugsweise natürlich in die Kindheit. Und während der letzten halben Stunde wird ausgiebig gestorben, fast ausschließlich. Spätestens bei dieser Fließbandleichenschau wirkt die gekürzte Kinofassung mit ihrer lückenhaften Montage unfreiwillig komisch. Nette Meer- und Weizenfeldaufnahmen oder das ausgiebige Zoomen und Fahren durch akkurat ausgestattete Innenräume von Rolls Kamera kaschieren weder die Handlungslöcher noch die Umsetzungseinfalt des Regisseurs.

Buddenbrooks

Der legt Wert darauf, dass sein Film im Gegensatz zu zwei früheren Adaptionen nicht Die Buddenbrooks heißt, „wie viele fälschlich sagen“. Denn nur Buddenbrooks „klingt wie Ben Hur“, so Breloer. Soviel zum Thema Selbstüberschätzung.

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Kommentare


ChristelWalther

Vielleicht stimmt mit mir etwas nicht. Trotz aller negativen Kritiken hat mir der Film gefallen. Sicher, manches hätte besser sein können, um alles hineinzupacken, reichen 150 Minuten nun einmal nicht aus. Auch die meisten Darsteller waren gut in ihren Rollen. Wer mir nicht ganz so gut gefallen hat, war Jessica Schwartz als Tony.


Gabi Birkhahn

ich kann mich der Rezension nur anschliessen, der Film ist eine Aneinanderreihung von Oberflächlichkeiten, für die Handlung wichtige Personen aus dem Buch wurden einfach weggelassen. Ich habe bis jetzt alle Verfilmungen gesehen und das war mit Abstand die schlechteste Verfilmung. Thomas Mann würde sich im Grab umdrehen






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