Train to Busan – Kritik

Wie hässlich der Mensch ist, wenn er Angst hat. In seinem ersten Realfilm lässt Yeon Sang-ho (The King of Pigs) die Zombies tanzen.

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Gerade als sich die Türen des Schnellzugs schließen, schleppt sich mit letzter Kraft noch eine Frau herein. Röchelnd fällt sie zu Boden, windet sich in physisch eigentlich unmöglichen Verrenkungen und zuckt dabei immer wieder spastisch. Die restlichen Passagiere bekommen von diesem Schauspiel zunächst nichts mit – und auch nicht davon, dass sich fast die gesamte koreanische Bevölkerung bereits in eine schmatzende und geifernde Horde Untoter verwandelt hat. Es dauert jedoch nicht lange, bis sich auch im Mikrokosmos des Zuges die Lebenden in deutlicher Unterzahl befinden.

Moderne Veitstanz-Performance

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Nachdem sich der südkoreanische Regisseur Yeon Sang-ho mit finsteren und sozialkritischen Animationsfilmen wie The King of Pigs (Dwae-ji-ui wang, 2011) und Saibi (2013) einen Namen gemacht hat, widmet er sich nun seinem ersten Realfilm. Ganz so leicht lassen sich die Gattungen aber ohnehin nicht mehr trennen. Wenn die Zombies hier ihren unkontrollierten Veitstanz aufführen, sich vor lauter Gier auf Menschenfleisch auch mal gegenseitig im Weg stehen, aufeinander rumtrampeln oder zu einer einzigen Welle des Todes verschmelzen, dann ist das nur durch den Großeinsatz digitaler Postproduktion möglich. Dass es dafür nicht nur einer Technologie bedarf, sondern auch einer ästhetischen Form, wird in Train to Busan (Bu-San-Haeng) auf beeindruckende Weise deutlich. Sieht man sich die Horde Untoter an, die sich hier mit ruckartigen, in alle Richtungen zeigenden Bewegungen durch die Abteile schleppt, meint man manchmal fast einer modernen Tanzperformance beizuwohnen.

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Dabei kennt und respektiert Yeon durchaus die Traditionen des Zombie-Genres, verpackt sie aber in neuem Gewand. Eine der bemerkenswertesten Eigenschaften des Films ist, dass keine einzige herkömmliche Waffe zum Einsatz kommt; keine Pistolen, kein Gewehr, ja noch nicht einmal ein Messer. Aus diesem Umstand entsteht eine Herausforderung, die Train to Busan mit Einfallsreichtum bewältigt. Die Situation ist erst mal klar definiert: Eine Gruppe Überlebender muss zu einer anderen gelangen und dabei mehrere Waggons voller Untoter durchqueren. Nachdem die Protagonisten herausgefunden haben, wie die Kreaturen ticken (eine Neuerung ist etwa, dass sie sich nicht mehr an ihrem Geruchs-, sondern vor allem an ihrem Sehsinn orientieren), durchlaufen sie verschiedene Modi des Überlebenskampfs. Der Film nutzt dabei all die Gelegenheiten, die ihm der Schauplatz zur Verfügung stellt; Tunnel etwa, die die Zombies vorübergehend außer Gefecht setzen, oder Toiletten, die als Zwischenstationen dienen. Yeon schickt seine Truppe nach und nach durch verschiedene Level und offenbart dabei, wie er das Actionkino mit all seinen Zwischentönen beherrscht – vom blutspritzenden, wenn auch verhältnismäßig wenig expliziten Krawall, bei dem sich die Männer mit Klebeband moderne Ritterrüstungen bauen, bis zu sorgfältig durchgeführten Strategien, bei denen der Film die Spannungsschraube ordentlich anzieht.

Bis zum Finale ein menschliches Antlitz

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Zwischen solchen Spektakeln geraten die Zombies mitunter in den Hintergrund; genauer gesagt, der Ausnahmezustand bringt bei den Menschen die hässlichsten Eigenschaften hervor (wobei auch dieser Aspekt dem Genre nicht unbekannt ist). Wenn Yeon zeigt, wie die Passagiere unter Angst ihre guten Manieren vergessen, so tut er das mit einem simplen sozialen Grundschema, bei dem Eigenschaften wie Solidarität und Egoismus eindeutig klassenbezogen sind. Während es sich etwa bei der Hauptfigur um einen Vermögensberater mit ausgefahrenen Ellbogen (Yoo Gong) handelt, dienen seine altkluge Tochter sowie eine schwangere Passagierin als moralische Instanzen. Stärker noch zeichnet sich das soziale Gefälle bei einem kaltblütigen Geschäftsmann und einem Obdachlosen ab, der nur widerwillig in die Gruppe aufgenommen wird. Yeon macht zwar nicht besonders viel aus der Figur, weigert sich aber auch, sie einfach als Zombiefutter zu verheizen. Überhaupt versucht Train to Busan zwar eine etwas glatte Großproduktion zu sein, wahrt dabei aber auch bis zum krachenden Finale sein menschliches Antlitz. Nahezu jede Figur darf sich auf irgendeine Weise aufopfern – oder offenbart zumindest die Tragik, falls sie es nicht tut. Wenn sich die Pupillen weiß färben und das Leben schon verloren ist, bleibt noch Zeit für einen letzten heroischen Akt.

Trailer zu „Train to Busan“


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