Wiedersehen mit Brundibar

Aus dem Erinnern etwas Eigenes machen. Ein Dokumentarfilm zeigt, wie das gehen kann.

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70 Jahre alte Filmbilder erscheinen auf der Spiegelfläche des Smartphones. Zwei Jugendliche, Annika und Ikra, beugen sich vor, um in den Gesichtern der Kinder zu lesen, die so ernsthaft singen. Ist es nicht klar? Was wir Geschichte nennen, ist ein Teil des Jetzt. Zeit vergeht und ragt in die Zukunft. Der Versuch, eine Vergangenheit endlich „abzuschließen“ wie eine unerwünschte Kiste im Keller, ist Abwehrzauber. Die Kiste gibt es trotzdem. In Deutschland steht „Holocaust“ drauf – ein immer fremder anmutendes Erbstück für alle hier Geborenen und aus ganz anderen Zusammenhängen hierher Migrierten. Die beiden Teenager haben sich entschlossen, in die leidige Kiste zu gucken, begleitet von der Angst, der Inhalt könne sie „zerstören“, wie Annika sagt. Tatsächlich werden sie daran wachsen, und im Dokumentarfilm Wiedersehen mit Brundibar dürfen wir das miterleben.

Vergiftete Bilder

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Die Bilder auf dem Smartphone stammen von 1944, aus dem Ghetto Theresienstadt. Sie waren Teil der Nazi-PR, die der Welt humane Lebensbedingungen der jüdischen Deportierten in deutscher Obhut vortäuschte und die Vernichtung öffentlich negierte. Da wird lustig Fußball und Theater gespielt, Kinder essen Butterbrote. Die Szenen stammen aus dem Propagandafilm Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet, bald bekannt als Der Führer schenkt den Juden eine Stadt. Dass diese Brote fast schneller verschlungen waren als gefilmt werden konnte, davon berichtet Greta Klingsberg in Wiedersehen mit Brundibar. Von 15.000 nach Theresienstadt verschleppten Kindern überlebten 1.000. Greta ist eines davon. Sie gilt auch als einzige Überlebende aus dem Ensemble der Kinderoper Brundibár, die in Theresienstadt 55-mal gespielt wurde und ebenfalls im Propagandafilm festgehalten ist. Als 13-Jährige sang Greta Klingsberg die weibliche Hauptrolle der Aninka, zwei Jahre lang, bis zu den Transporten nach Auschwitz im Herbst 1944.

Brundibar kehrt zurück

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Rund 70 Jahre später spielt nun Annika Westphal diese Aninka. Die 18-Jährige gehört zur Theatergruppe „Die Zwiefachen“, ein Projekt, das die Theaterpädagogin Uta Plate an der Berliner Schaubühne ins Leben gerufen hat. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller kommen aus sozial benachteiligtem Umfeld, mussten schon früh erste Schritte unternehmen, um sich selbst zu retten: zuhause ausziehen, einen Entzug machen oder eine Therapie – mussten lernen, unter widrigen Umständen selbständig zu werden. Neben Annika stehen Ikra und David im Mittelpunkt des Films von Douglas Wolfsperger. Natürlich kennen die drei das Thema NS aus dem Schulunterricht, aber so, wie man einen Pflichtstoff kennt, eine Bürde. Sich für eine eigene Interpretation des „Brundibár“-Stoffes zu entscheiden, ist etwas ganz anderes. Wolfsperger begleitet die Proben zum Stück und die inneren Prozesse der Protagonisten, er begleitet sie bei ihrem Zusammentreffen mit Greta Klingsberg und der gemeinsamen Reise nach Theresienstadt.

Die eigene Reise

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Das ist keine Trockenpädagogik, sondern berührt, weil die Jugendlichen den Mut haben, sich berühren zu lassen. Und weil die Theaterarbeit körperliche Kräfte freisetzt und der Blick in die Geschichtskiste geistige, ist Wiedersehen mit Brundibar unheimlich vital. Plötzlich ist da auch keine Kiste mehr, sondern ein Austausch zwischen verschiedenen Lebenswelten und Zeiten. Diese offene Kommunikation ist ein Geschenk. Im vielfältigen Genre der Dokumentarfilme über NS-Zeitzeugenschaft und Spurensuche sind Protagonisten und Filmemacher oft direkt familiär vom Holocaust betroffen, auf Opfer- oder Täterseite. Näher an der heutigen deutschen Realität ist, was Wiedersehen mit Brundibar abbildet: Jugendliche, zunächst vermeintlich ohne Bezug zur großen Vernichtung, dafür oft mit Migrationshintergrund – oder auch mit ehemaligen Neonazikontakten –, werden zu Menschen, die Geschichte zur eigenen Erfahrung machen, weil es sie betrifft.

Erinnerungskultur und Förderpolitik

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Als Regisseur hält sich Douglas Wolfsperger klug im Hintergrund. Die Fragen an die Protagonisten stellen sich automatisch – durch die Theaterarbeit und in der Begegnung mit Greta. Auch die Kamera (Frank Amann, Igor Luther) fängt ruhige, nahe Kinobilder ein und bezeugt nicht etwa durch suchendes Schwenken und Wackeln das eigene Involviertsein der Filmemacher. Das Presseheft allerdings dokumentiert die Kämpfe um das Entstehen von Wiedersehen mit Brundibar und die Schwierigkeiten dokumentarischen Arbeitens in Deutschland, bei immer engeren und noch uniformierter werdenden Programmslots zwischen Kochshows und Zoogeschichten. Im Filmfördersprech ist von nicht ausreichend wirtschaftlicher Ausrichtung des Projekts die Rede (FFA), das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen hält das Thema Holocaust für „auserzählt“. Ja, dasselbe gebührenfinanzierte Fernsehen, dessen Verantwortlichen sonst beim Gedanken an den neuesten Nazi-Eventfilm schneller das Wasser aus dem Maul tropft, als man „Alle waren Opfer!“ sagen kann.

Auf Wiedersehen, Brundibar

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Die Oper „Brundibár“, 1938 von Hans Krása komponiert, ermöglichte den Insassen von Theresienstadt eine kurze Flucht aus dem Ghettoalltag. Am Ende jagt der Chor der Kinder und der sich mit ihnen verbündenden Tiere den bösen Leierkastenmann Brundibar mit seinem markanten Schnurrbart davon: subversiver Wunschtraum in der Gefangenschaft. Greta Klingsberg, in der Nazi-Propaganda ewig als junges Mädchen zu sehen, erlebt im hohen Alter, wie „ihr“ Stück durch die Welt wandert und das Versprechen von damals immer wieder ein bisschen einlöst: sich als Freunde zusammenzutun und die Nazis zu vertreiben. Hier ist nichts auserzählt.

Trailer zu „Wiedersehen mit Brundibar“


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