Brûle la mer

Feuer und Wasser. Die Elemente sind in Aufruhr. Das Mittelmeer steht in Flammen. Zeit zu Träumen.

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Brûle la mer – Verbrenne das Meer. Im Film wird der Titel zweimal auf Arabisch gesprochen, aus dem Off, aus den Mündern der illegal übers Mittelmeer nach Europa gelangten Nordafrikaner – der Harraga, jener, die „ihre Dokumente verbrennen“. Pässe, Aufenthaltsgenehmigungen, Geburtsurkunden, Abschlusszeugnisse, Führerscheine, Familienfotos, Briefe aus der Heimat, Steuererklärungen, Empfehlungsschreiben …

Schläfrige Revolutionäre

Endlos zählt eine Frauenstimme verschiedene Sorten Papierkram auf, wie sie die Neuankömmlinge tagtäglich in aller Herrgottsfrühe zu den Ausländerbehörden überall in Europas Metropolen tragen. Damit sie aus der undokumentierten Nicht-Existenz vielleicht irgendwann zurückfinden in die behördliche Anerkennung. Damit sie die offizielle Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Dazu zeigen die Regisseure Nathalie Nambot und Maki Berchache (Letzterer selbst ein Harraga) Bilder eines einsam lodernden Feuerofens in schwarzer Nacht. Funken fliegen. Vor Lampedusa brennen weiter Pässe auf dem Meer.

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Mit Bildern des Meeres, die sich über ein schlafendes Männergesicht legen, beginnt dieses sanfte, eher geflüsterte denn herausgebrüllte Aktivistenstück. Die Wellen verschlingen das alterslos scheinende, analog gefilmte 4:3-Bild. Eine männliche Stimme stimmt an. Sie erzählt von der tunesischen Revolution, die den Flächenbrand der bis heute weiterglühenden Arabellion startete, entzündet durch die Selbstverbrennung Mohamed Bouazizis am 17.12.2010. Ein schläfriger Revolutionär träumt von der Diktatur, von der Heimat, vom Aufstand, der Flucht, dem Meer. Es sind solche Gesten, die Brûle la mer seine ganz eigene, entrückte Qualität geben. Es ist ein sachtes Agitieren, mit dem der Film seine Wut über Europas Umgang mit den Migranten ganz vorsichtig in locker nebeneinander gestellte Bilder und Klänge überführt, weniger ein Stoßen als ein Stupsen zur politischen Position. Ein Lockruf zum Mitdenken, zum Assoziieren.

Ich erinnere mich an einen anderen Mann, der vor langer Zeit in Hiroshi Teshigaharas Die Frau in den Dünen (Suna no onna, 1964) am Meer lag und im Grübeln darüber entschlummerte, welche Macht die Dokumente über unsere Existenz besitzen: „Mann und Frau sind Sklaven ihrer Angst, betrogen zu werden. So erträumen sie sich immer neue Zeugnisse, um ihre Unschuld zu beweisen.“

Getupfte Atmosphären und deutliche Worte

Von Beginn an entkoppelt der Film seine Bestandteile (Bilder, Sound, Text), um einen imaginären Raum vager Distanzen und fließender Grenzen zu schaffen. Ein Möglichkeitsraum, in dem Grenzen der Sympathie (mit dem Schicksal der Einwanderer) und des Verständnisses (der Verhältnisse, aus denen sie kommen) überwindbar werden, in dem Distanzen (zwischen Tunis und Saint-Denis, zwischen Afrika und Europa) verschwinden. In dem flirrende Erinnerungsbilder der honiggelben Heimat nördlich der Sahara neben unkommentierten, nachtschwarzen Aufnahmen eines in den frühsten Morgenstunden schon betriebsamen Großmarkts irgendwo in Paris stehen. Manchmal berühren sich die Welten in verlangsamten Skype-Videofenstern: Eng gedrängt winkt eine arabische Großfamilie einem in unscharfem Halbschatten verschwimmenden Männerhinterkopf zu.

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Dazu sammelt der Film im Voice-over Geschichten und Episoden aus der Realität des Harraga-Daseins. Ohne einen Cent in Mailand, zum fünften Mal wegen fehlender Dokumente bei der Polizei, auf der Demo in Paris. Die Aussagen der Flüchtlinge scheinen transkribiert und vorgelesen. Sie klingen wie Protokolle. Demgegenüber lassen sich Bilder und Töne ins angedeutete Empfinden treiben, erschaffen gemeinsam getupfte Atmosphären um die deutlichen Worte. Nordafrikanische Hitzewelten, Banlieue-Betonburgen, im analogen Bild wie mit Patina überzogen. Im Wort die Darstellung – in Bild und Klang die Spekulation. Die Teile sind ent-rückt. Frankreich ist eine Paralleldimension, eine dunkle Märchenwelt. Kameramann Nicolas Rey hat das in seiner verqueren, aleatorischen Günther-Anders-Träumerei anders, Molussien (autrement, la Molussie 2012) ganz ähnlich gemacht. Seine fast militant anti-digitalen, in der kollektivistischen Produktionsstätte L’Abominable per Hand entwickelten Analogaufnahmen sind anachronistische Unruhestifter in einer von tagesaktuellen Bezügen und klarer Positionierung dominierten Auseinandersetzung.

Denn auch wenn die Verbindungen zwischen den Fragmenten des Films locker sind: Die angebotenen Kombinationen sind brisant, klar und politisch relevant. Die vorwiegend männliche, mehrheitlich jugendliche und arbeitslose arabische Bevölkerung, die eine mehrheitlich fruchtlose Revolution angezettelt hat, sie ist Teil des islamisch geprägten, ausgegrenzten Proletariats der französischen Vorstädte. Es sind die vom Establishment prinzipiell Unverstandenen, die manchmal so wütend werden, dass sie Geschäfte plündern und Polizeiautos in Brand stecken. Die manchmal zu den Waffen greifen und für die falsche Sache glühen. Es sind die, von denen in französischen Politikerreden derzeit oft gesprochen wird. Denn ihre Träume lodern. Wer die Explosion verhindern will, der muss verstehen lernen. Brûle la mer ist ein Versuch, genau das zu erreichen.

Mehr Hybridisierung, weniger Gegenüberstellung

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Aber ebenso, wie die unklaren Distanzen utopische Lösungen andeuten, machen sie den Film verwundbar für gefährliche Kurzschlüsse. Wenn Maki gegen Ende mit einem palästinensischen Freund von einem Hügel auf die Betonsiedlungen der Pariser Banlieues blickt und dieser ihm von israelischen Baggern erzählt, die die geliebten Olivenhaine seiner Familie niederreißen, dann horcht man auf. Wenn darauf eine fast magisch glühende Bilderreihe folgt, die Maki mit Vater und Mutter im Wüstensand zwischen Olivenbüschen zeigt, dann ordnen sich die Teile von Brûle la mer wieder neu, und man denkt daran, wie der Nahostkonflikt als Blitzableiter für zu viele davon höchstens tangierte Diskurse um arabisches Selbstverständnis zweckentfremdet wird. Man denkt daran, dass antiisraelische Haltungen in der französischen Linken weiter verbreitet scheinen als in Deutschland. Man denkt an die zehntausenden französischen Juden, die ihre Heimat jedes Jahr verlassen.

So mag am Ende dieser sehr einzigartigen politischen Arbeit strittig bleiben, ob die Gefahren oder die Potenziale überwiegen. Denn die emotionale Verbrüderung ist nicht zwangsläufig die richtige solidarische Haltung. Weil sie schnell grob vereinfacht: tristes, verlogenes, einsames, bürokratisches, wintergraues Europa hier, glühendes, exotisches, familiäres, ehrliches Nordafrika dort. Unter umgedrehten Vorzeichen und abzüglich der Melancholie kann diese Gegenüberstellung auch von denen nachvollzogen werden, die „Geht-zurück-wo-ihr-hergekommen-seid!“ rufen. Niemand glaubt mehr an Europa, es ist ja nur ein fauler, künstlich an den Außengrenzen verteidigter Kompromiss zwischen Nationalismus und Weltbürgertum.

Viel spannender sind die Momente der Begegnung in Europa (das doch weiter als Motivation für Hundertausende herhält, die nicht grundsätzlich verblendet sein können, die den europäischen Traum noch ehrlich emporhalten). Momente der Hybridisierung, wo „hier“ und „da“ obsolet werden. Zum Beispiel in Paris, wo ein Platz nach dem heroischen Brandstifter Mohamed Bouazizi benannt werden soll. Es wird demonstriert. 25.000 Tunesier sind in der Folge der Revolution nach Frankreich ausgewandert. Sie schmoren im passlosen Nirwana, während der Pariser Bürgermeister mit einem flugs herbeibestellten Gedenkort Solidarität mit dem tunesischen Volk heuchelt. Auf der Demo treffen sich Maki, ein Sprachführer der Flüchtlinge, und Nathalie, eine französische Aktivistin. Zusammen werden sie einen Film machen, Brûle la mer. Im Film schauen sie sich Fotos jener Tage an. Wir Zuschauer sehen lachende und brüllende Menschen. Transparente, bemalte Arme, Polizeikordone. Wir hören im Off ihre Stimmen, ihre Erinnerungen an jenen Tag. Und dann brandet (wie die Dünung des Mittelmeers) der Lärm einer demonstrierenden Menge herauf. Hier, wo Bild und Wort und Klang stets eigene Wege gehen, solidarisieren sie sich in einem außergewöhnlichen audiovisuellen Moment. Mehr davon!

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