Brownian Movement

Nanouk Leopold inszeniert mit gewohnter formaler Strenge Sandra Hüller als introvertierte Medizinerin, die ein Doppelleben führt.

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Charlotte (Sandra Hüller) ist eine Frau, die scheinbar alles hat. Sie ist erfolgreiche Medizinerin, hat einen attraktiven und verständnisvollen Mann (Dragan Bakema) und einen liebenswürdigen Sohn (Ryan Brodie). Doch Charlotte hat auch das Bedürfnis nach etwas, das sie in diesem bürgerlichen Idyll nicht findet. In einem eigens dafür gemieteten Zimmer trifft sie sich mit Patienten, die alle im Gegensatz zu ihrem Mann keinem konventionellen Schönheitsideal entsprechen, für sexuelle Begegnungen. Eines Tages überschneiden sich dann diese beiden Welten, mit verheerenden Folgen für Charlottes berufliches und privates Leben.

Die niederländische Regisseurin Nanouk Leopold bewegt sich in ihrem ersten englischsprachigen Film Brownian Movement sowohl ästhetisch als auch inhaltlich auf ähnlichem Terrain wie in ihrem Debüt Guernsey (2005). Wieder geht es um eine beruflich erfolgreiche Frau und Mutter, die von ihrem Leben entfremdet ist und eine Ehekrise bewältigen muss. Und wieder spielt sich das Leben dieser Frau in schicken, aber auch sterilen und anonymen Innenräumen ab, die in streng komponierten Einstellungen festgehalten werden. Fragen werden dabei viele aufgeworfen, jedoch nur wenige beantwortet. Warum der Film etwa nach der von Robert Brown entdeckten Molekularbewegung benannt ist, die das Ausmaß einer atomaren Bewegung als temperaturabhängig beschreibt, weiß wohl nur die Regisseurin selbst.

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Leopold hat ihren Film in drei Teile untergliedert, wobei mit dem Wechsel zwischen zwei Teilen auch jeweils ein Zeitsprung einhergeht. Wenn Charlotte am Ende des ersten Abschnitts erfährt, dass einer ihrer Bettgefährten für ihren Mann arbeitet, sehen wir den Auslöser ihres Dilemmas und danach die Folgen. Das was in einem konventionell erzählten Film den Höhepunkt bilden würde, lässt Brownian Movement in einer Ellipse verschwinden. Der Film fordert den Zuschauer aber nicht nur mit seiner löchrigen Handlung heraus, sondern versperrt auch konsequent den Zugang zu seiner Hauptfigur. Immer wieder fängt die Kamera Sandra Hüllers oft ausdrucksloses, manchmal auch ängstliches oder fröhliches Gesicht ein. Was wirklich in ihr vorgeht, bleibt aber im Verborgenen.

Brownian Movement spielt besonders im zweiten Teil gezielt mit der Erwartungshaltung des Publikums, die Handlungen der Protagonistin zu erklären. Die Gespräche zwischen Charlotte und ihrer Psychiaterin provozieren gerade eine Antwort auf all die aufgeworfenen Fragen, doch Leopold lässt den Zuschauer auch hier auflaufen. Während man die meiste Zeit nur Großaufnahmen von Charlottes blassem Gesicht sieht, das durch den überbelichteten Hintergrund wie in einem abstrakten weißen Raum zu schweben scheint, umgeht sie die analytischen Fragen ihrer Therapeutin. Sie kommt ins Stocken, findet nicht die richtigen Worte und verweigert schließlich, als ihr Mann an der Sitzung teilnimmt, ganz die Aussage, um, wie sie sagt, nicht alles noch schlimmer zu machen.

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Trotz stark gedrosseltem Erzähltempo und mangelnder Psychologisierung schafft es Leopold lange, das Interesse für ihre Protagonistin aufrechtzuerhalten. Der Fokus wechselt dabei immer wieder zwischen Charlottes psychisch labilem Zustand – wobei nie ganz klar wird, ob die zwangsverordnete Psychotherapie wirklich gerechtfertigt ist – und der zu meisternden Ehekrise. Wenn die Familie im letzten Abschnitt plötzlich in Indien wohnt, bewegt sich der Film allerdings zu weit von seiner zunächst eingeschlagenen Erzählrichtung. Lediglich eine leichte Verschiebung der Perspektive zu Charlottes Mann, der nun nicht mehr reiner Statist ist, sondern auch Zweifel an seiner Frau und ihrer Beziehung hat, stellt eine Berechtigung dieses Teils dar. Ansonsten hat Leopold hier nichts mehr zu erzählen, reiht dramatisch kaum verdichtete Alltagsszenen aneinander, ohne plausibel zu machen, warum wir das gerade sehen. So verläuft ein zunächst durchaus interessanter Ansatz über die Nicht-Darstellbarkeit einer menschlichen Psyche in beliebig wirkender Vieldeutigkeit.

Trailer zu „Brownian Movement“


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