Brothers - Zwischen Brüdern
In Brothers gerät das Gleichgewicht zweier Brüder durch die politische Weltlage durcheinander. Der charakterstarke wird zum Monster und der Loser wird zum verantwortungsvollen Menschen. Wie sehr der Zufall unser Leben und unsere Liebe auf die Probe stellen kann, untersucht die Dänin Susanne Bier wirkungsvoll ohne vereinfachende Erklärungsschemata oder überdramatisierenden Pathos.

In kürzester Zeit wird Michael als positive Figur etabliert. Er lebt mit seiner Bilderbuch-Familie in einem sonnendurchfluteten Haus und hat eine vielversprechende Karriere im dänischen Militär. Der Versager ist sein Bruder Jannik, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und in seinem Leben noch nichts Solides auf die Beine gestellt hat. Doch so schnell Michael als Sympathieträger aufgebaut wird, so schnell muss er auch sterben. Als Teil einer militärischen Einsatztruppe wird er nach Afghanistan beordert. Dort wird sein Hubschrauber abgeschossen und er für tot erklärt. Der in Dänemark zurückgebliebene Bruder beginnt nun, Verantwortungsgefühl zu entwickeln und tritt erfolgreich die Rolle des Ersatzvaters an.
Diese Ausgangsposition lässt als Thema des Films eine Romanze zwischen vermeintlicher Witwe und Bruder des Toten vermuten. Das schwarze Schaf der Familie könnte reifen am soliden Vater-Sohn-Konflikt, denn auf der Trauerfeier brechen die Gefühle des Vaters heraus, der offen zeigt, welcher der beiden Brüder sein Lieblingssohn war. Indem sich Jannik um die Frau und die Kinder seines toten Bruders kümmert, könnte er den Respekt des Vaters wiedererlangen. Und auch die Chemie zwischen Witwe, ihren beiden Kindern und dem übriggebliebenen Bruder scheint zu stimmen. Man nähert sich langsam einander an, erst durch Hilfestellungen im Alltag, dann durch einen verbotenen Kuss. Doch glücklicherweise wird uns diese allzu schematische Romanze von der Regisseurin Susanne Bier und ihrem Autor Anders Thomas Jensen erspart mit einem erneuten Wechsel des Handlungsortes. In afghanischer Kriegsgefangenschaft gerät der tot geglaubte Bruder in ein moralisches Dilemma und kommt nach seiner Befreiung als seelischer Krüppel zurück nach Dänemark. Als er das behütete Einfamilienhaus betritt ist sein sehnlichster Wunsch, zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern im weichen Daunenbett zu liegen und das Geschehene zu vergessen. Keiner sieht sie ihm an, und er selber will die Schuld, die in ihm schlummert auch nicht wahrhaben. Doch er kann das Geschehene nicht verdrängen und bringt den Krieg buchstäblich mit zu seiner Familie nach Hause. Und hier überrascht der Film erneut, indem er über jeden Verdacht des Kitsches erhaben, eindringlich sein tragisches Thema entwickelt.

Genau wie in Susanne Biers vorherigem Dogma-Film Open Hearts (2002) ist es auch in Brothers der Zufall, der das Leben und die Liebe ihrer Figuren verändert und eine tragische Geschichte in Gang setzt. Der Afghanistaneinsatz ist eine politische Variante dieses Grundthemas. Aber Brothers ist mehr als ein politischer Film, der erneut aufzeigt, dass Gewalt nicht nur Körper, sondern auch Seelen verstümmelt. Susanne Bier inszeniert geschickt die Durchlässigkeit zweier Welten, deren Grenzen wir uns insgeheim als stabil wünschen: das Ideal einer sicheren Festung, die umgeben ist von globalen Krisenherden. Visuell geschieht dies durch Parallelmontagen des Alltags im heutigen Dänemark mit dem Alltag des Soldaten in Afghanistan. Während die Mutter die Kinder zur Schule fährt, fährt der Soldat zu seinem Stützpunkt. Dort an seinem Arbeitsplatz kann er jederzeit per Satellitentelefon seine Frau auf dem Handy anrufen. Die Filmmontage überwindet die räumliche Distanz und der Militäreinsatz wird Teil der Familienroutine. Der Moment des Hubschrauberabsturzes, durch den diese Routine aus der Bahn geworfen wird, setzt Susanne Bier ohne jegliches dramatisierendes Pathos in Szene. In einer Totalen explodiert der Hubschrauber, dann kommt die Stille, mehr nicht. Auch die späteren Gewaltausbrüche des Heimkehrers sind pointiert und sparsam gesetzt und verfehlen ihre Wirkung keinesfalls.

Es sind die langsam verblassenden Spuren des dänischen Dogmas, die hier noch wirken, aber nicht in aller Strenge durchgesetzt sind. Das steht dem Film sehr gut zu Gesicht, denn nicht mehr das filmische Experiment, sondern das eigentliche Erzählen mit reduzierter, realitätsnaher Ästhetik rückt in den Mittelpunkt. Die bewegte Handkamera fängt detaillierte Ausschnitte und feinste Mimiken der Gesichter ein und wir können dem seelischen Schmerz der Figuren nicht entkommen. In ihrem Anliegen, Brutalität im Kontrast zu menschlicher Wärme, Intimität und Humor zu zeigen, stehen der Regisseurin hervorragende Schauspieler zur Seite, deren Figuren dem Beziehungsdreieck eine glaubhafte, emotionale Dynamik verleihen. Zusammen mit Ulrich Thomsen, der schon im ersten Dogma-Film Das Fest (Festen, 1998, Regie: Thomas Vinterberg) internationale Bekanntheit erlangte, und Nikolaj Lie Kaas (Idioterne, 1998; Open Hearts, 2002) ist die Dänin Connie Nielsen (Gladiator, 2000; The Devil´s Advocate, 1997) zum ersten Mal in einem Film des dänischen Kinos zu sehen. Einem Kino das nach dem Hype um die Dogma-Regeln immer noch überraschen kann mit unverfälscht realistischen und bewegend menschlichen Geschichten.
Filmkritik von Tillmann Allmer
Veröffentlicht am 12.03.2005
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Film-Angaben
Titel: Brothers - Zwischen Brüdern
Originaltitel: Brødre
Dänemark 2004
Laufzeit: 110 Minuten
Regie: Susanne Bier
Drehbuch: Anders Thomas Jensen
Produktion: Peter Aalbaek Jensen, Jos van der Linden
Darsteller: Connie Nielsen, Ulrich Thomsen, Nikolaj Lie Kaas, Bent Mejding, Sarah Juel Werner
Kinostart: 31.03.2005
DVD-Angaben
Titel: Brothers: Zwischen Brüdern
Vertrieb: SoloFilm, Al!ve AG
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Dänisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Extras: Making of; Interview; Trailer
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 09.01.2006
Copyright Brothers - Zwischen Brüdern
Fotos © Solo Filmverleih
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