Broken City

Broken City inszeniert Mark Wahlberg und Russell Crowe in einer Mischung aus Politkrimi und Neo-Noir. Doch in den nicht enden wollenden Handlungsketten drohen nicht nur die Figuren verloren zu gehen.

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Natalie sagt: „So ein schrecklich verwirrendes Drama!“ Der Satz entstammt dem Drehbuch des fiktiven Indiefilms, dessen Hauptrolle sie ergattern konnte. Er ist aber auch programmatisch für Broken City, in dem Natalie nur eine Nebenrolle vergönnt ist, als Lebensgefährtin von Billy Taggart (Mark Wahlberg), einem Privatdetektiv mit allem, was dazu gehört: Er führt eine kleine, notorisch verschuldete Detektei in einem New Yorker Backsteinhaus, deren Namen in die Glastür graviert ist, hinter der wiederum eine sehr junge, sehr smarte Assistentin im Empfangszimmer sitzt. Darüber hinaus ist Taggart Ex-Alkoholiker und Ex-Cop. Die NYPD-Karriere endete, weil er einst einen mutmaßlichen Vergewaltiger erschossen hatte. Der drohenden Verurteilung konnte er nur entgehen, weil niemand geringeres als der Bürgermeister Beweise verschwinden ließ.

Die Gegenleistung fordert eben jener Bürgermeister (Russell Crowe) sieben Jahre später: Es ist Wahlkampf, und Nicolas Hosteler will nicht nur die Wahl gewinnen, sondern auch herausfinden, mit wem seine Frau (Catherine Zeta-Jones) ihn betrügt. Taggart soll nun die Ehefrau beschatten, ein nur vermeintlich ganz gewöhnlicher Deal. Die Kamera zieht bereits bedeutungsvolle Ellipsen um die beiden Männer. Taggart, wohl ahnend, dass die Vergangenheit ihn einholen wird (als wenn diese Vergangenheit dort leiblich in Erscheinung treten könnte, wird er fortan ständig im Rückspiegel seines Autos gefilmt), kann den monetären Lockrufen des Bürgermeisters nicht widerstehen. Russell Crowe besticht als janusköpfiger Politiker, im stetem Wechsel zwischen Verbitterung und großkotzig-gemütlichem Machtmenschgehabe: Er preist die Treue seines Hundes, besitzt zu große Uhren, liest die falsche New Yorker Zeitung, und beim Squash trägt er eine Trainingsjacke des DFB. Eindeutig, dem Mann ist nicht zu trauen.

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Taggart merkt zu spät, dass er nur als kleiner Akteur innerhalb einer großen politischen Verschwörung gebraucht wird. Das Attribut „Broken“ in Broken City meint natürlich zuerst das Administrative, eine von Korruption durchdrungene Stadtverwaltung. Die will der Film aber gar nicht zu genau sezieren. Allen Hughes, der hier zum ersten Mal ohne seinen Bruder Albert Regie führt (gemeinsam: Menace II Society, 1993; The Book Of Eli, 2010), schwebte wohl eher ein altmodischer Thriller vor, der auf Actionsequenzen und visuelles Spektakel verzichtet und stattdessen auf Figuren und Drehbuch setzt. Das misslingt jedoch weitgehend, weil Broken City seine Zuschauer mit immer neuen Plot-Turns regelrecht überfährt. So schleicht sich bereits nach der ersten Stunde die Gewissheit ein, dass man es nicht mit clever platzierten, sondern mit zum Teil schlicht willkürlichen narrativen Kapriolen zu tun hat. Die Unvorhersehbarkeit wird vorhersehbar, und mit der Spannung schwindet auch die Übersicht: „Es ist kompliziert.“ Auf diese Facebook-Formel reduziert einmal der Police Commissioner die Sachlage. Das ist wohl Understatement.

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Die eigentliche Tragik dieses verwirrenden Dramas liegt in der Zeit, die die nicht enden wollende Ereigniskette dem Film raubt. Nichts findet Platz, was sich irgendwie außerhalb der dramaturgischen Notwendigkeiten abspielen könnte. Auch wenn die Stadt selbst ins Bild rückt, quatschen die Protagonisten auf der Tonspur einfach weiter. Der Film ächzt unter dem Diktat der Handlung. Besonders laut, wenn mitunter sehr elegant eingeführte Personen aus Gründen dieser Zeitknappheit einfach wieder verschwinden. Es trifft zum Beispiel Natalie. Bedauerlich, denn Wahlbergs Figur hatte sich gerade in ihrem Beisein anfänglich noch plausibel erschlossen (smart, aber nicht klug, homophob). Doch Natalies Hauptaufgabe besteht darin, dem Privatdetektiv noch die Bürde einer gescheiterten Beziehung aufzuerlegen. Dabei hat Taggart mit dem politischen Komplott, den Versuchungen des Alkohols und den moralischen Totalverfehlungen der Vergangenheit doch schon genug zu kämpfen.

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Diese eigenschaftliche Überfrachtung macht aus Taggart eine Art Best-of–Character. In der Anlage könnte Taggart (könnte der ganze Film) in der Tradition des Noir-Thrillers stehen – das hatte Wahlberg, der auch Produzent ist – vor Filmstart selbst verkündet. Noir ist zugegeben ein recht elastischer Begriff, aber nicht halb so elastisch wie die Figuren in Broken City. Taggart wird profillos, weil er sich mühelos von einem Profil zum nächsten morpht: zuerst abgebrühter Schnüffler, dann verlassener Ehemann, kurzzeitig selbstzerstörerischer Trinker. Seiner Vergangenheit zum Trotz kleidet das Drehbuch ihn schließlich in einen kugelsicheren Moralpanzer. Aus dem killenden Cop ist – eine fragwürdige Saulus-Paulus-Wandlung – ein gerechter Ritter geworden. Hier missachtet Hughes, was das Noir-Kino immer wusste: dass die Stadt die Instanz jedes persönlichen Schicksals ist, dass es die Stadt ist, die die Geschicke der Figuren lenkt. In Broken City schickt sich hingegen ein Einzelner an, eine ganze Stadt aufzuräumen: Menace II the City.

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