Brinkmanns Zorn

Durch die Einbeziehung zahlreicher Tondokumente aus dem Nachlass von Rolf Dieter Brinkmann rekonstruiert der Filmemacher Harald Bergmann die letzten Jahre des Dichters.

Brinkmanns Zorn

Bei jedem Dokumentarfilm stellt sich die Frage nach der Authentizität des Gezeigten und der Reproduzierbarkeit von Realität. Ein auf realen Ereignissen basierender Spielfilm ist, egal wie detailliert rekonstruiert wurde, einer Dokumentation an Glaubwürdigkeit immer unterlegen. Da die Aneinanderreihung von dokumentarischem Material und Interviews häufig als zu trocken empfunden wird und es dem Spielfilm an Echtheit mangelt, wird für die Suche nach der Wahrheit ein Format benötigt, das beide Genres verschmelzen lässt. Heinrich Breloer verbindet in seinen Doku-Fictions wie Todesspiel (1997), Die Manns (2001) und Speer und Er (2005) mit deutschen Filmstars besetzte Fernsehunterhaltung, Interviews mit Zeitzeugen und Archivmaterial. Auch wenn die Filme eigentlich eine Verschmelzung von Spielfilm und Dokumentation anstreben, wirkt das eingefügte Archivmaterial wie eine Legitimation für die Spielszenen. Breloer hat mit seiner Vorgehensweise eine Art Spielfilm geschaffen, bei der die Illusion von Authentizität vermittelt wird.

Mit ähnlichen Beweggründen, aber einer anderen Vorgehensweise, hat Harald Bergmann die letzten drei Lebensjahre des deutschen Dichters und Misanthropen Rolf Dieter Brinkmann verfilmt. Brinkmanns Zorn ist in erster Linie eine Ansammlung von Tonbändern, Super-8-Filmen und Text-Bild-Collagen aus dem Nachlass Brinkmanns. Der Film setzt 1973 ein, als sich Brinkmann enttäuscht vom Literaturbetrieb zurückzieht und sich vor allem der Arbeit mit seinem Tonbandgerät widmet. Neben einigen aktionistischen Geräuschcollagen nimmt sich der Dichter zum Beispiel bei seinen Spaziergängen durch Köln auf, wo er wie eine Figur von Thomas Bernhard seinen Unmut in wütenden Monologen aus sich herausbrüllt. Einen weiteren Schwerpunkt nehmen Situationen ein, in denen Brinkmann, zu Hause oder auf Partys, seine Ergüsse aufzeichnet oder Freunde und Familie mit penetranten Fragen nervt.

Brinkmanns Zorn

Bergmann nimmt diese Tonbänder und versucht die Aufnahmesituation auf der Bildebene zu rekonstruieren. Brinkmann, seine Frau Marleen und sein Sohn Robert werden mit Schauspielern besetzt und spielen unter Einbeziehung jedes Geräusches und Schnaufens alles synchron nach. Um einen roten Faden zu spannen, wird eine Art psychologisierendes Drama geschaffen, indem etwa ein intimes Gespräch im ehelichen Schlafzimmer als Grund für das Zerbrechen der Ehe dargestellt wird oder die unsichere Beziehung zwischen Brinkmann und seinem behinderten Sohn an dessen Unfähigkeit zu sprechen festgemacht wird.

Mit Filmen wie zuletzt Passion Hölderlin (2003) hat sich Harald Bergmann bereits der intermedialen Begegnung von Literatur und Film angenommen. In Brinkmanns Zorn gibt er der Bezeichnung Literaturverfilmung sogar eine völlig neue Bedeutung. Für jede literarische Gattung findet der Film eine andere Gestaltungsweise. Während die szenischen Aufnahmen zu Hause den Großteil des Films einnehmen, kommt den improvisierten Monologen auf der Straße und den nach einem Zufallsprinzip entstandenen Cut-up-Texten die Funktion von Zwischenspielen zu. Das Improvisierte der Monologe spiegelt sich in den pixeligen Handkameraaufnahmen wider, ebenso wie sich die von mehreren Sprechern dargebotenen Gedichte, die durch ihre virtuose Verwendung von Sprache an die experimentellen Hörspiele von Ernst Jandl erinnern, durch ihre inhaltliche Zusammenhangslosigkeit mit Brinkmanns selbst angefertigten Bild-Text-Collagen ergänzen.

Brinkmanns Zorn

Bei alledem fragt man sich, welchen Mehrwert die reine Illustration der Tonbandaufnahmen eigentlich haben soll. Neben der unnötigen, weil allzu spekulativen Interpretation von Brinkmanns Psyche, kommt den Bildern keine weitere Funktion zu, als das Gesagte zu veranschaulichen. Da sich die Schauspieler wie bei einer Partitur genau nach jedem Wort und Geräusch richten müssen, wirkt ihr Spiel teilweise konstruiert und hölzern. Dass Brinkmanns Zorn trotzdem über weite Strecken interessant bleibt, liegt vor allem an der Originalstimme Brinkmanns, die durch kontrastreiche Stimmungsschwankungen, vom melancholischen Sinnieren bis zu wütenden Hasstiraden, eine faszinierende Kraft entwickelt.

Gegen Ende des Films, als Brinkmann von seiner Frau verlassen wird, gerät das Ehedrama immer mehr in den Hintergrund, und Brinkmanns Zorn schließt ab wie eine herkömmliche Künstlerbiografie. In den letzten Szenen in London, wo Brinkmann 1975 schließlich tödlich verunglückt, schafft es Bergmann dann auch nicht mehr, dem Mythos des literarischen Genies ganz zu widerstehen, und stilisiert den Dichter zur tragisch verendeten Ikone. Und das bei einem Autor, der sich wiederholt gegen die Verehrung von Schriftstellern und deren Büchern gewehrt hat.

 

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