Brigsby Bear

Analog-Nostalgie und eine Kinderserie als Religion: In Dave McCarys Debütfilm erwartet ein junger Mann nichts sehnlicher als das nächste Abenteuer eines Bären im Weltraum – auch wenn er es zur Not selbst inszenieren muss.

Brigsby Bear 1

Über Dave McCarys Debütfilm Brigsby Bear sind bislang nicht nur viele Empfehlungen zu lesen, sondern auch, dass man möglichst wenig über die tatsächliche Handlung des Films wissen sollte. Dabei geht es nicht nur darum, eventuellen Spoilern vorzubeugen, sondern einen Zugang zur filmischen Welt zu bewahren, der die Möglichkeit zur Einfühlung und Akzeptanz des Gesehenen wesentlich unterstützt. Denn schon bald nach Filmbeginn, soviel sei verraten, ereignet sich für den 25-jährigen Protagonisten James (Kyle Mooney) ein radikaler Bruch, der seine bisherige Welt völlig auf den Kopf stellt. Je besser man sich auf die Handlung des Anfangs einlässt, desto besser wird man diesen James nach dem Bruch verstehen können. Dies liegt unter anderem daran, dass der Zuschauer selbst einen krassen Einschnitt erlebt – durch einen Genrewechsel und einer Wendung in jenem Vertrag zwischen Film und Publikum, nach dem man zugunsten des gesteigerten Sehvergnügens die filmische Welt so weit wie möglich annimmt.

Brigsby Bear Adventures

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Was zunächst aussieht, als ginge es im Weiteren um die Frage, wie James in einer neuen Welt gemäß einer Fish-out-of-Water-Dramaturgie zurechtkommt, entpuppt sich bald als gegenteilig. Der Weltenwechsel wird zwar als Grundlage für ein paar erwartungsgemäße Gags genutzt, in denen der Neuling einiges auf charmante Weise missversteht oder auf seine eigene Weise gar nicht so unschlüssig interpretiert. Die eigentliche Essenz liegt jedoch im unbekümmerten Festhalten an der alten Welt. Denn James’ bisheriger Lebensinhalt bestand nahezu komplett aus der Kinderserie „Brigsby Bear Adventures“. Auch mit 25 hat er diese noch geradezu obsessiv verfolgt – in seiner neuen Welt gibt es sie aus gutem Grund leider nicht mehr. Doch bleibt James’ dringlichster Wunsch, die neueste Episode der Serie zu sehen. Anstatt sich in ein neues Leben ohne sie einzufügen, zieht James sein Umfeld in den Bann von Brigsby Bear.

Analoge Nostalgie

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Die fragmentarischen Sequenzen der innerfilmischen Serie sind ein Kernelement von Brigsby Bear. Neben der kitschigen Dramaturgie um einen Puppentrick-Bären, der in seinen Weltraumabenteuern gegen den fiesen Sunsnatcher antritt, samt unvermittelt einsetzenden Pädagogikeinlagen, besticht sie durch ihre bisweilen ins Psychedelische abdriftende 1980er TV- und Homevideo-Ästhetik. James’ Bewunderung gegenüber diesen Schauwerten – die für alle anderen wie für uns Zuschauer allein im retrospektiven Blick zu solchen werden – macht Brisgby Bear zu einer ästhetischen Reflexion über die Popkultur der Kindheitstage derer, die in den 1980ern und 1990ern aufwuchsen. Analoge Nostalgie könnte man dieses Vorgehen nennen, das VHS-Schlieren zu melancholischen Aufseufz-Momenten hochstilisiert. So wie diese Ästhetik rückblickend zum (Trash-)Genuss werden kann, wird gleichzeitig auch die Unheimlichkeit eigentlich als kinderfreundlich konzipierter Produkte erkennbar. US-amerikanische Zuschauer werden von Brigsby Bear sicherlich an das Unbehagen erinnert, das der Anblick von Teddy Ruxspin – einer in den 1980er Jahren in den USA erfolgreichen mechanischen Bärenpuppe, die offenkundig Pate für den Film stand – mit sich bringen kann.

Do-it-yourself-Culture

Brigsby Bear 4

Dass jene analoge Nostalgie in engem Zusammenhang mit der allgegenwärtigen Digitalisierung steht, scheint auch in Brigsby Bear durch. Denn ähnlich den gegenwärtig virulenten 1980er-Analog-Hommagen im Internet, werden auch im Plot die auf YouTube hochgeladenen Brisgby-Bear-Episoden zum Meme, das James unter anderem die Unterstützung sichert, die abrupt abgebrochene Serie als liebevoll und kreativ selbstgedrehten Film zu vollenden. Hier werden Erinnerungen an die ursprünglich aus Michel Gondrys Be Kind Rewind (2008) stammenden „sweded movies“ wach, mit umfunktionierten Alltagsgegenständen reinszenierte Blockbuster. Auch in Brigsby Bear sind die Filmereien ein Freudenfest einer hauptsächlich nichtvirtuellen Do-it-yourself-Kultur. Dass die Darstellung des Sunsnatcher unweigerlich an den Mond aus Die Reise zum Mond (Le voyage dans la lune, 1902) von George Méliès, dem Urvater der filmischen Tricktechnik, erinnert, scheint dabei sehr passend. Anders als bei Méliès geht es letztlich aber nicht um die möglichst perfekte Illusion, sondern eher um den gemeinsamen Weg, auf dem man etwas auf kreative und enthusiastische Weise zur Entstehung bringt. Momente, die eine solche Erfahrung vermitteln, sind wesentlicher Treibstoff der Erzählung aus der Feder von Kevin Costello und Kyle Mooney.

Begeisterung oder Fanatismus?

Brigsby Bear 5

Für James selbst hat das Ganze allerdings weniger mit Nostalgie zu tun. Denn während diese mit einem faszinierten Rückblick auf etwas, das es so nicht mehr gibt, einhergeht, geht es für James um das Festhalten an etwas, das sein Leben konstituiert. Eine frühe Szene, in der er seinen Eltern das Universum von Brigsby Bear mit wissenschaftlich angehauchtem Gestus erklärt, verdeutlicht, was die Serie für ihn eigentlich darstellt: ein quasireligiöses System der Sinngebung, etwas, das er versteht und das ihm hilft, in der Welt zu bestehen, vor allem dann, wenn diese sich fundamental ändert. Hier zeigt sich die Mehrbödigkeit von Brigsby Bear. Die tragischen Elemente in der größtenteils als Komödie funktionierenden Story hängen zusammen mit der unterschiedlichen Sicht auf Dinge, die mal als Begeisterung, mal als pathologischer Fanatismus gedeutet werden können. Dass ein selbstgebauter Sprengkörper für James’ Dreharbeiten von der Polizei als terroristischer Akt gewertet wird, ist in diesem Kontext mehr als ein bloßer Witz.

Brigsby Bear 6

Momente, die Raum für Assoziationen dieser Art geben, machen McCarys Debüt allerdings nur interessanter, und beschweren keineswegs das Vergnügen, das Brigsby Bear bereitet. Da sich der Film in seinem Gestus stark an der Perspektive seines unbedarften Protagonisten orientiert, geht er niemals zu sehr in Richtung einer angestrengten Reflexion, gewährt stets nur eine zurückhaltende Einladung zum Weiterdenken. Und auch wenn dies ein erstklassiger Nerd-Film ist, sind James und einige Nebenfiguren, wie etwa der Polizist Vogel (Greg Kinnear), umfangreich und einfühlsam genug gezeichnet, dass sich die nerdtypische Hermetik in die Breite öffnet und eine ansteckende und entwaffnende Atmosphäre erzeugt.

Trailer zu „Brigsby Bear“


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