Brighton Rock

Im Schatten der Piers.

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Vergangene Woche startete das Kino-Regie-Debüt des The American-Autors Rowan Joffe in den deutschen Kinos. Brighton Rock ist eine freie Adaption des Graham-Greene-Klassikers aus dem Jahr 1938.

Arthaus hat pünktlich die bereits kanonisierte Verfilmung des heute kaum noch bekannten John Boulting auf den Markt gebracht – mitsamt Vorschau auf Joffes Version. Das Bonusmaterial weist noch einige andere Trailer auf (dafür vermisst man wie so regelmäßig bei dem Label englische Untertitel), auch der wirklich sehenswerte des Horror-Klassikers The Wicker Man (1973) hat sich darauf verirrt. Davon abgesehen setzen die Clips allerdings den richtigen Rahmen, verweisen sie doch auf das historische Umfeld des ersten Brighton Rock. Fast automatisch muss sich ein düsterer britischer Gangsterthriller der Epoche an den Meisterwerken Carol Reeds messen. Gefährlicher Urlaub (The Man Between, 1953) und den Klassiker Der dritte Mann (The Third Man, 1949) – aus der Feder Greenes – kann man auf der DVD in Augenschein nehmen. Nur der weniger populäre Ausgestoßen (Odd Man Out, 1947), vielleicht die heimliche Spitze des Reed’schen Schaffens, fehlt. Dabei böte er sich – im selben Jahr wie Brighton Rock entstanden – zum Vergleich an.

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Tatsächlich lässt sich ein Stil der Zeit relativ leicht destillieren. Deutlich ist das Bemühen, ein Außen als städtischen Raum fühlbar zu machen, dabei soziale Strukturen zu filtern. Teils expressionistisch beeinflusste, düstere Bildkompositionen prägen einen europäischen Noir-Stil. Die Gangsterdramen erzählen parallel von tragischen Liebeskonstellationen und analysieren moralische, meist religiöse Dilemmata oder Leidensgeschichten. Das Spiel ist eher theatral denn naturalistisch.

Der Blick auf die sozialen Strukturen ist bei Brighton Rock bereits historisch. Doch während man bei Joffes Film schon von einem Period Picture sprechen könnte, das ein sehr stilisiertes 1964 abbildet, orientiert sich Boulting ganz an der Vorgabe des Romans.

Pinkie (Richard Attenborough) ist ein minderjähriger Küstenstadt-Kleinganove zwischen den Kriegen, der sich mit Schutzgelderpressungen rund um die Pferderennbahn durchschlägt. Nach einem Mord verliert Pinkie zunehmend die Kontrolle über sich, seine Gang und die gesamte Situation. Er heiratet die naiv-unschuldige Rose (Carol Marsh), damit sie nicht gegen ihn und seine Komplizen aussagt.

Richard Attenborough, vor allem berühmt als Regisseur des multiplen Oscargewinners Gandhi (1982) und Zuschauern bekannt als größenwahnsinniger Wissenschaftler in Jurassic Park (1993), hat mit Pinkie einen der paradigmatischen Leinwand-Psychopathen des englischen Kinos geschaffen, der noch heute Unbehagen beim Zuschauer hervorruft. Angelehnt an die stilbildenden Psychopathen Peter Lorres, dabei weniger expressiv im Spiel, vermittelt Attenborough in vielen Nahaufnahmen die Zerrissenheit und Abgründe seines Charakters. Als größtmöglich denkbarer Kontrast agiert Carol Marsh, deren unschuldig klingende Stimme Walt Disney überzeugte, sie für die Titelrolle von Alice im Wunderland (Alice in Wonderland, 1951) zu besetzen. Attenborough hingegen porträtierte fast ein Vierteljahrhundert später in Richard Fleischers Juwel John Christie, der Frauenwürger von London (10 Rillington Place, 1971) noch einmal die krankhafte Seele eines Kapitalverbrechers.

Das der damaligen Zensur geschuldete Ende von Brighton Rock weicht ab von Greenes Vorlage und erweist sich als äußerst doppelbödig. Ob nun Erlösung oder Verdammung – und für wen? –   Brighton Rock mit seinen wunderbar ge- und überzeichneten Figuren hinterlässt Spuren.

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