Brighton Rock

Von der Ewigkeit in die Vergangenheit – wie der neue Brighton Rock den Horror des Bösen in der Zeit bannt.

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Es sind große Fußstapfen, in die Rowan Joffe mit Brighton Rock treten will: Ein Gigant des britischen Kinos (Brighton Rock, 1947, John Boultin), ein Gigant der britischen Literatur (Graham Greenes Roman, 1938) – und eine Aufgabe, an der man fast nur scheitern kann. Doch Rowam Joffe versucht gar nicht erst, es den von einer Aura der Unantastbarkeit umwebten Ahnen gleichzutun. Durch eine radikale Verschiebung der Handlungsepoche und einen gegenüber Boultings expressionistischem Film noir ungemein freien Umgang mit der literarischen Vorlage entspannt sich zwischen den drei Brighton Rocks ein „Trialog“ über Zeiten, Generationen und Geschlechter.

Nirgendwo lässt sich das besser nachzeichnen als an der Figur Pinkie Browns, jenes jugendlichen Gangsters der Brightoner Unterwelt, der sich mitsamt einem eher erbärmlichen denn Furcht einflößenden Mob gerade so über Wasser halten kann. Seine Verkörperung durch den jungen Richard Attenborough bescherte der britischen Filmgeschichte dereinst eine ihrer bedrohlichsten Verbrecherfiguren. Sam Riley nun kommt die Aufgabe zu, Pinkie Brown ins Jahr 2011 zu transportieren,

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Nach dem Rachemord an einem ehemaligen Gangsterkollegen (Sean Harris) macht es sich dessen Freundin Ida (Helen Mirren) zur Lebensaufgabe, Pinkies  Schuld nachzuweisen und ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Die wichtigste Zeugin und damit größte Gefahr für den Gangster ist die naive Kellnerin Rose (Andrea Riseborough), weshalb Pinkie sie in einer von Verachtung und Hilflosigkeit gezeichneten Beziehung zu seiner loyal ergebenen Geliebten macht.

Die aufsehenerregendste Entscheidung Joffes ist sicherlich die Verlagerung der Handlung von 1938 nach 1966 und damit mitten in die Brighton Riots, jene brutalen Massenschlachten zwischen Rockern und Mods. Ein Ereignis, das so präzis in der Geschichte verortet ist und das (durch Filme wie Franc Roddams Quadrophenia [1979]) im kulturellen Gedächtnis der Briten mithin zu einem der Sinnbilder der „angry youth“-Bewegung wurde, schreibt auch die Figur des Pinkie ganz der Vergangenheit ein. Paradoxerweise wirken die Zeiten jener wilden Kämpfe dem Heute ferner als die düsteren Jahre zwischen den Kriegen.

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Attenboroughs Pinkie schien damals einzig aus Augen zu bestehen, aus Augen mit jenem stählernen „alterslosen“ Blick, den Greene im Buch immer wieder hervorhebt. Niedertracht mischte sich in diesem Blick mit einem grenzenlosen Staunen über die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Die Bedrohlichkeit des früheren Pinkie entsprang  dessen Unverbundenheit mit jedweder Zeit, in seine Jugendlichkeit konnten sich keine Spuren des Alterns eingraben. Der Pinkie Greenes und Attenboroughs war die totale Gegenwart.

Sam Rileys Pinkie dagegen existiert zu einer ganz bestimmten Zeit. Und er hat mit seinen knapp dreißig Jahren schon sichtlich gelebt. Er altert. Während der frühere Pinkie von jeder Erfahrung unabhängig schien, sammelt der neue sie zuhauf: Bei seinem ersten, kläglich scheiternden Mordversuch landet er mit schreckerstarrten Augen im Pissoir und erkennt, dass sein Gegner einfach noch böser, noch abgeklärter ist als er. Pinkie muss lernen, härter werden. Während er bei Boulting noch einem ewigen Prinzip glich, wird Pinkie bei Joffe trivialisiert. Oder, wie es der Gangsterboss Colleoni (Andy Serkis) mit einem Blick auf die Straßenschlachten bemerkt: „Pinkie Brown is just like any other angry kid.“

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Die Beziehung zwischen dem bösen Pinkie und der etwas einfältigen, aber herzensguten Rose steht mehr noch als 1947 im Zentrum der Erzählung und damit näher an der literarischen Vorlage. Die Figur der Rose gewinnt so sichtlich an Kontur: Ihre Naivität und masochistische Selbstaufopferung, in der früheren Adaption nur durch etwas vage Anspielungen auf katholische Nächstenliebe erklärbar, wird demaskiert als versteckte Verzweiflung. Sie folgt Pinkie ins Verderben, weil jedes Leben besser ist als das zu Hause in der Sozialwohnung mit dem prügelnden Vater (Steve Evets).

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Aber das geheime Herz der Erzählung von Brighton Rock, die wahrhaft schreckenserregende Bedrohung, war und bleibt die Hobbyschnüfflerin Ida (Helen Mirren). Wer einmal das schrille Lachen Hermione Baddeleys im Film von 1947 gehört hat, wird diese in der Filmgeschichte beispiellose Figur nie wieder vergessen. Ida präsentierte sich als unglaublich scheinende Synthese aus strenger Übermutter und wild genießender Hedonistin. Mit den Worten Greenes: „You thought of sucking babies when you looked at her.“ Bei Helen Mirren wird der Akzent klar auf Strenge gelegt. Statt der ausladenden weichen Körperfülle Baddeleys gemahnt Mirrens auch im Alter straffer Körper an Disziplin. Sie hat es eben nicht mehr mit einem Prinzip des ewig Bösen zu tun, sondern mit ungezogenen Gören. So wird die Figur der Ida jene, die noch am ehesten aus der so fern scheinenden Vergangenheit der Riots ins Heute weist: Die Zukunft gehört den disziplinierten Alten. Die kopflos sich ins Verderben stürzenden „angry kids“ sind mit Pinkie verschwunden, die hoffnungslos sich der Liebe hingebenden Schwärmer mit Rose.

Trailer zu „Brighton Rock“


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Kommentare


Jack Benny

Nach dem was im Trailer und in Clips zu sehen ist, wurde der Film garnicht in Brighton, sondern in Eastbourne gedreht.






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