Bridge of Spies – Der Unterhändler

Ein aufrechter Mann in einem kalten Krieg. Steven Spielberg bastelt weiter an seiner Chronik nationaler Ausnahmezustände, durch die sich die Hoffnungsträger des guten Amerika navigieren müssen.

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Es sind vor allem zwei Dinge, die diesem Film an seinem Protagonisten wichtig sind. Das eine ist sein Beruf: James Donovan (Tom Hanks) ist als Anwalt auf Versicherungsfälle spezialisiert und weiß um Recht und Verfassung in den Vereinigten Staaten von Amerika. Als er den russischen Spion Rudolf Ivanovich Abel (Mark Rylance), dem nach seiner spektakulären Verhaftung in der Eingangssequenz von Bridge of Spies die Todesstrafe droht, als Pflichtverteidiger vertreten soll, versucht er es zunächst mit dem Recht. Aber das sieht sich in den 1950er Jahren regelmäßig Zugriffen einer anderen Rationalität ausgesetzt: der Nationalen Sicherheit. Und so vermittelt Donavan dem Richter off the record, ein lebendiger feindlicher Spion könnte spätestens dann wichtig werden, wenn ein Amerikaner aus sowjetischer Gefangenschaft freigekauft werden muss. Denn die USA werden nicht nur fies ausspioniert, sie spionieren auch fies aus. Diese Doppelmoral setzt Steven Spielberg direkt ins Bild, wenn wir parallel zu den Entwicklungen um den Fall Abel den Piloten Francis Gary Powers (Austin Stowell) kennenlernen – der natürlich irgendwann den Russen in die Fänge gehen wird.

Ein Erbe Lincolns

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Die andere Eigenschaft des Protagonisten, auf die der Film setzt, spendet diesem historisch verbürgten Fall seinen Überbau: Donovan ist ein aufrechter Mann. Der vom kühlen Sowjet zum weisen Russen gewordene Abel wird ihm das bestätigen, wenn Bridge of Spies auf der Glienicker Brücke angekommen ist, bei jenem Gefangenenaustausch, den Donovan vorhersah. Auch Abraham Lincoln, Spielbergs letzter Protagonist, war ein aufrechter Mann, der den Überblick behielt, als die scheinbar immer gültige US-Verfassung auf eine konkrete Gemengelage traf, die sich schriftlich festgehaltenen Regeln windig entzog. Wie schon der Sezessionskrieg ist auch der beginnende Kalte Krieg für Spielberg ein Ausnahmezustand, unerklärt und dennoch brandgefährlich, angewiesen auf geheime Verhandlungen und inoffizielle Versprechen, geprägt durch das amerikanische Paradox, dass die Maßnahmen der Nationalen Sicherheit gerade jene Freiheiten bedrohen, die diese Nation erst so schützenswert machen. Wie Lincoln sich also einst fragen musste, welchen Status kriegerisch besetzte Bundesstaaten innerhalb der nationalen Gemeinschaft besitzen, fragt Donovan nun: Ist Abel ein Verbrecher oder ein Kriegsgefangener? Kann er als Verräter belangt werden, wenn er nur seinen Job gemacht hat, eben nur für die Gegenseite?

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Bridge of Spies begnügt sich nicht mit dem dialogischen Durchspielen dieser politischen Konstellation. Gleich zu Beginn und immer wieder schwelgt er im visuellen Potenzial der Spionagewelt. Da bahnen sich Männer mit Hüten und grauen Anzügen ihre Wege durch Brooklyn, und nur die Kamera weiß, wer hier wen verfolgt; will es uns selbst zeigen, ganz langsam, es uns nicht einfach von der Montage verraten lassen. Die Räume, durch die sie sich bewegt – erst New York, später Berlin –, sind dabei weder prachtvolle CGI-Reproduktionen, noch wollen sie den Mief der Straße einatmen, eine völlige Distanzlosigkeit behaupten oder uns gar absichtlich die Orientierung verlieren lassen. Das Setting bildet vielmehr exakt jene Doppelstruktur aus konkretem Fallbeispiel und universeller Interpretation ab, die im Stoff angelegt ist. Die Geschichte ist historisch verbürgt, wir befinden uns im Jahr 1957, aber eigentlich geht es um mehr, um uns, um Werte. Wir scheren uns deshalb nicht um Details, sondern nutzen das, was eh schon nach Kino strebt: Männer mit Hüten in der Nacht, der Mauerbau im verschneiten Berlin, universale Prinzipien in irgendwelchen Hinterzimmern.

Versprechen des guten Amerika

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Spielberg blickt dabei von sehr weit oben auf sein Sujet, weiß schon immer genau, was als Nächstes passiert, führt jedes neue Story-Element dann ein, wenn es für uns an der Zeit ist, dem nächsten Schritt folgen zu können. Bridge of Spies prescht nicht nach vorn, sondern ist konsequent von seinem Ende her konstruiert, weiß in jeder Szene genau, wo er schließlich landen wird. Dieser Showdown, der Gefangenenaustausch im verschneiten Berlin, wird durch Donovans Aufrichtigkeit nochmal gehörig verkompliziert. Denn der vom Anwalt zum Unterhändler umfunktionierte Held besteht darauf, dass nicht nur Powers (dessen Absturz Spielberg als spektakuläre Actionsequenz für zwischendurch inszeniert) freigekauft wird, sondern zugleich ein junger amerikanischer Student, der bei einem Forschungsaufenthalt in Ostberlin eher unglücklich in die Fänge der DDR geraten ist. Die wiederum erhofft sich durch den inoffiziellen diplomatischen Akt Anerkennung durch die USA. Aus zwei werden also drei, das kann eigentlich nicht gut gehen, aber Donovan versucht sich am Unmöglichen. Seine Schindler’sche Aufrichtigkeit ist dabei so albern wie konsequent, interessiert er Spielberg doch weniger als historische Figur denn als lebendes Versprechen. Als guter Amerikaner, der den Glauben ans gute Amerika aufrechterhält. Dass dieser Donovan vom beruhigend redundanten Tom Hanks gespielt wird, passt da eigentlich auch ganz gut.

Empathos

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Und natürlich dürfen trotz Spielbergs erzählerischem Überblick die Zooms aufs Intime nicht fehlen: Donovan ist, ganz klassisch, ein sorgender Familienvater, dessen Sohn schon mal einen Atomschutzbunker bastelt und dessen Frau ein paar Mal nachfragt, ob er denn auch wirklich wisse, was er da tue. Als Donovan ein Foto des in Berlin verhafteten Studenten sieht und dessen Alter erfährt, denkt er an seinen Anwaltsgehilfen, der ebenso alt ist. Eine eigentlich unnötige Szene, den Assistenten haben wir schließlich kaum kennengelernt. Für Spielbergs Kino ist dieser Moment aber zentral, weil dieses Kino eben genau als eine solche Übertragungsleistung funktioniert, als Vermittlung des Fernen durch das Nahe, als Kopplung von Emotion und Politik, Familienideal und Nationenideal. Die Spannung des Spionagethrillers ist kein Selbstzweck, hier geht’s um Prinzipien. Der unschuldige Student darf nicht Opfer eines unerklärten Krieges werden. Nicht nur, weil unser Held ein aufrechter Mann ist, sondern auch, weil wir dem Opfer in die Augen gesehen haben und uns selbst erkannt haben. „Lassen Sie doch die Gefühlsduselei“, sagt ein CIA-Mann einmal zu Donovan, als er mal wieder an dessen Sturheit verzweifelt. Er weiß da noch nicht, dass er es mit einem aufrechten Mann zu tun hat und gefangen ist in einem Spielberg-Film.

Trailer zu „Bridge of Spies – Der Unterhändler“


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Kommentare


Andreasic

Zeitgemäß systembedingte Persönlichkeitsstudien der Deutschen, Amerikaner und Russen, verhalten sich perfekt nach ihrer Denke und den Regekwerken von Diktaturen und Demokratie.

Der Zeitpunkt des Mauerbaus, der Konfrontation zweier Atommächte in die Augen blickend und doch Charakter bewahrend. Dieser Film hat mich überzeugt.






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