Brick

Eine Mischung aus High-Shool-Film und Schwarzer Serie, ein ebenso schulpflichtiger wie hartgesottener Detektiv und ein jugendlicher Drogenboss - dieses Prinzip ruft geradezu nach ironischer Distanz. Aber Rian Johnson meint seinen ersten Spielfilm vollkommen ernst.

Brick

Ein Telefonanruf wirft Brendan (Joseph Gordon-Levitt) aus seinem Dasein als Einzelgänger an einer High School im südlichen Kalifornien. Seine ehemalige Freundin Emily (Emilie de Ravin) bittet ihn um Hilfe, aber bevor sie ihm erklären kann, was passiert ist, wird das Gespräch beendet. Wenig später ist Emily tot. Brendan macht sich auf die Suche nach ihrem Mörder und gerät bald auf die Spuren eines brutalen Schlägers (Noah Fleiss) und des großen Drogenbosses, The Pin (Lukas Haas), der, wie alle Figuren dieses Films, noch zur Schule geht und zu Hause bei den Eltern wohnt. Auf dem Weg zur Lösung des Rätsels begegnen Brendan eine Femme Fatale (Nora Zehetner) und viele harte Fäuste. Brendan ergeht es, kurz gesagt, wie Philip Marlowe oder Jake Gittes vor ihm. Und die Handlung ist genauso verworren wie damals. Von John Huston, dem Regisseur des Genre-Klassikers Die Spur des Falken (The Maltese Falcon, 1941) wird erzählt, er habe die Geschichte selbst nicht verstanden.

Dass der handlungsauslösende Anruf in Brick, wie fast alle folgenden auch, in einer Telefonzelle stattfindet und nicht auf einem Handy, ist eine weitere der stilistischen Eigenheiten, mit der Regisseur Rian Johnson die Atmosphäre alter Detektivfilme heraufbeschwört. Die Film-Noir-Elemente sind ansonsten vor allem in den Dialogen zu finden, weniger in der Bildgestaltung. Brendan sagt Sätze wie „Throw one at me if you want, hash head. I’ve got all five senses and I slept last night, that puts me six up on the lot of you“, wenn er sich einem Haufen bekiffter Halbstarker entgegenstellt. Auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet er mit einem coolen „Status quo“. Aber das visuelle Spiel mit Licht und Schatten bleibt rudimentär.

Brick

Eher noch ist es eine Vorliebe für Aufnahmen aus der Untersicht, die den Stil des Films bestimmt, gemeinsam mit immer wiederkehrenden Einstellungen von weiten, fast menschenleeren Handlungsorten: Ein Sportplatz, ein Flur, die Außenwände des Schulgebäudes, ein Parkplatz. Die Schule, die Brendan besucht, scheint ständig Ferien zu haben. Nie sind die Menschenmengen aus Jugendlichen zu sehen, die sich sonst in High-School-Filmen tummeln. Die einzigen Erwachsenen sind der Schuldirektor (Richard Roundtree, Shaft, 1971) und die Mutter des Drogenbosses, die einmal ihrem im Keller residierenden Sohn und seinen Kumpanen etwas zu trinken serviert.

Brick ist ein merkwürdiger Zwitter und hat in dieser Form kein rechtes Vorbild in der Filmgeschichte. Bugsy Malone (1976) mit seinen Kindern in Gangsterrollen kommt einem in den Sinn, aber das war mehr ein amüsanter Kostümfilm, genauso sehr Karneval wie Kino. Die Schwarze Serie ist natürlich häufig kopiert oder weiterentwickelt worden. Auf parodistische Weise hat Carl Reiner mit dem Komiker Steve Martin in der Hauptrolle eine schenkelklopfende Hommage gedreht (Tote tragen keine Karos, Dead Men Don´t Wear Plaid, 1982). In guter Erinnerung ist auch Robert Altmans Der Tod kennt keine Wiederkehr (The Long Good-Bye, 1973), der Chandlers Story von den vierziger Jahren in die Siebziger verlegt. Brick nimmt seine Geschichte und seine Figuren genauso ernst wie Altman, aber ein Halbwüchsiger mit hard boiled Slang und ausgereifter Persönlichkeit ist nun einmal wenig glaubwürdig, auch wenn Joseph Gordon-Levitt sich als Westentaschen-Bogart redlich bemüht, seiner Rolle mit einer Mischung aus Forschheit und Unscheinbarkeit eine gewisse Präsenz zu verleihen. Während andere das Genre längst in seine Einzelteile zerlegt und neu zusammengesetzt haben (Kiss Kiss Bang Bang, 2005), kommt Brick wie ein lange vermisster Verwandter daher, der ein paar Jahrzehnte verpasst hat.

Brick

Trotz mancher starker Szene, trotz der originellen Idee und trotz des Charmes, den das ganze Projekt unzweifelhaft ausstrahlt (beim Sundance Festival erhielt Brick den Special Jury Prize for Originality of Vision), passt die Welt von Chandler und Hammett nicht mit der von Teenagern zusammen. Die private eyes Philip Marlowe und Sam Spade waren Großstadtfiguren, deren Desillusioniertheit auch immer mit ihrer Umgebung und der Zeit, in der sie lebten, zusammenhing. In Brick ist nur ein namen- und lebloses Suburbia zu sehen, das kaum solche Typen hervorbringen kann; eine Welt, die seltsam isoliert scheint.

Rian Johnson hat eine interessante Stilübung gedreht, die, wenn man sich auf ihre Prämisse eingelassen hat, durchaus über längere Strecken unterhalten kann. Die Produktionsbedingungen - Verwandte des Regisseurs spendeten Geld, Johnson schnitt den Film allein auf einem Macintosh in seinem Schlafzimmer, gedreht wurde in seiner Heimatstadt - fügen noch etwas von der Art Charme hinzu, von der zum Beispiel auch El Mariachi (1993), das Debüt von Robert Rodriguez, profitierte. Es gelingt Brick aber nicht, neues Leben in ein altes Genre zu hauchen. Sein Zugang zum Film Noir ist eher einer der Anbetung als der Durchdringung. Die reine ‹bertragung von Stilelementen in eine neue, außerordentlich fremde Umgebung, ohne sie in einen neuen Zusammenhang zu stellen, bleibt eine leere Geste.

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Kommentare


Comeuncane

Ich, der ich nur vom klassischen Film Noir gehört habe, finde den Film klasse. Es interessiert mich offengestanden nicht, ob er irgendwelchen Genregrenzen entspricht. Scharf nachgedacht zeigt sich, dass es eher langweilig wäre, würden keine neuen Grenzen gesetzt -.

Während sich der Film zwar eindeutig an der Schwarzen Serie orientiert, schaffen Cast, Story und Kamera eine Athmosphäre großer Sogwirkung. Ich kann mich derzeit an keinen besseren Film erinnern...


Retti83

Hallo!Ich muss meinem Vorredner recht geben,der Film ist einfach wunderbar gemacht und weiß mehr als nur einmal zu unterhalten!Die Darsteller wissen zu überzeugen,die Story ist spannend und bei mir wirkte der film nachdem schluß noch nach....ein super film!daumen hoch!Eine der intelligentesten filme seit langem


jeannie19

Ich muss sagen, "Brick" ist ein Film, der mich in jeder Beziehung vollkommen faszinierte. „Brick“ ist kein typischer Highschool Film, sondern ehe eine Version dessen, wie man die Highschool empfindet. Die klassische Einteilung in Sportler, Punks und Außenseitern wird hier deutlich dargestellt, sowohl als auch die Frage wer mit wem „Lunch“ isst. Es ist kein Film, bei dem man sich zurücklehnen und einfach nur absorbieren kann, was gerade passiert. "Brick" ist ein Film für präsente Zuschauer, die spätestens nach der 5. Minute merken, dass man diesen Streifen nicht nebenbei sehen kann. Absichtlich kompliziert gestaltete Dialoge, mit einer Vielzahl von Wortspielen, ringen dem Zuschauer hohe Aufmerksamkeitsbereitschaft ab. Man muss sich mehr als einmal das Lachen verkneifen, obwohl die Stellen nicht wirklich Komik zulassen. Allein die musikalische Aufmachung bereitet durch ihre Einfachheit sehr viel Freude, da sie hauptsächlich durch Windspiele, 3 Tasten auf dem Klavier und unterschiedlich gefüllte Gläsern erzeugt wird. Es ist auch wichtig zu nennen, dass die Musik nicht in den Hintergrund gerückt und NUR zur Untermalung gebraucht wurde, sondern jeden der Darsteller speziell charakterisiert und ihm ein Thema verleiht. Die Kostüme, besonders auffällig die Ausstattung des „Pin“ sind sehr unterhaltsam gemacht. Ein Schuh ist riesig, der andere normal. Er wirkt wie eine moderne „Darkwing Duck- Gothik“- Mischung. Außergewöhnlich erscheint auch die geringe Anzahl an Requisiten in diesem Film. Lediglich um die Person des „Pin“ befinden sich nie irgendwelche Sitzgelegenheiten, sodass sine Mitstreiter immer stehen müssen. Die gähnende Leere in allen gezeigten Schulbereichen und Stadtteilen erscheint auch stark plakativ und akzentuiert und beschränkt die Szenen auf das wesentliche. Alles in allem muss ich den Film absolut empfehlen. Jeder der Lust hat mit zu rätseln, sollte sich auf diesen düsteren Streifen einlassen und auch wenn er nicht nach dem ersten Ansehen gefällt, dann spätestens nach dem zweiten.






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