Breaking and Entering

Wie ein Potpourri großer filmischer Entwürfe über schicksalhafte Verknüpfungen, Schuld, Opfer und Liebe kommt Minghellas Film daher. Im Londoner Kings Cross trifft ein gutwilliger Architekt auf die gutgläubige Mutter eines gut kletternden Diebs.

Breaking and Entering

Bereits in seinem zweiten Film Mr. Wonderful (1993) gelang es Regisseur Anthony Minghella, ein erstaunliches Ensemble zusammenzustellen. Mit Der englische Patient (The English Patient, 1996) blieb er sowohl dem Genre des romantischen Liebesfilms, als auch seinem Ruf als Schauspielerregisseur treu. Seit den Triumph bei den Oscarverleihungen, wo der Film neun Trophäen davontrug und gleich drei Darsteller für den Preis nominiert waren, rennen die Größen des Geschäfts dem Engländer wohl buchstäblich die Tür ein. Dabei hat sich Jude Law, den er nun bereits zum dritten Mal hintereinander in seinen Filmen besetzte, als Favorit herauskristallisiert. An seiner Seite agiert Robin Wright Penn, ihm gegenüber steht Juliette Binoche (Caché, 2005; Paris je t’aime, 2006), die für Der englische Patient eine der neun Auszeichnungen erhalten hatte. Ergänzt wird die Staransammlung durch Martin Freeman, sowie Ray Winstone und Vera Farmiga, die beide zuletzt in Departed – Unter Feinden (The Departed, 2006) zu sehen waren.

Breaking and Entering

In Breaking and Entering möchte Minghella mittels der Akteure ein Beziehungsgeflecht entwerfen, das die Schicksale der Protagonisten in Form einer dramatischen Liebesgeschichte verknüpft. Jude Law kennt dieses Konzept aus Mike Nichols’ Hautnah (Closer, 2005), einem von vielen Beispielen dieses Trends, dessen prominentester Vertreter sicherlich Alejandro González Inárritu (Amores Perros, 2000; Babel, 2006) ist. Vor allem dessen 21 Gramm (21 Grams, 2003) dürfte Minghella beim Verfassen des Drehbuchs beeinflusst haben, gibt es doch auch hier Opfer/Täter-Konstellationen und Liebesgeschichten, die über den Nexus Elternschaft motiviert werden und familiäre sowie eheliche Strukturen beleuchten. Überhaupt stellt sich Minghella mit seiner Geschichte in den Kontext einer Vielzahl internationaler Filme der letzten Jahre. In Marc Forsters Monster’s Ball (2001) verliebt sich der Henker eines Jungen in dessen Mutter, eine Konstellation, die in den beiden deutschen Filmen Jenseits (2001) von Max Färberböck und Wolfsburg (2003) von Christian Petzold Entsprechungen findet. Dort flüchtet ein Mann vom Unfallort und verliebt sich schließlich in die Mutter des getöteten Kindes. Bei Minghella bricht das Problemkind Miro in das Büro des Architekten Will (Jude Law) ein, der sich auf der Suche nach dem Dieb schließlich dessen Mutter (Juliette Binoche) nähert.

Die genannten Filme prägen durch ihre thematische Nähe den Blick auf Breaking and Entering. Sie alle operieren mit einem sehr intensiven Schauspiel, das vor allem in Oppositionen extremer Zurückhaltung und starker Expression funktioniert. Eingebettet sind die herausragenden Akteure jedoch jeweils in ein Setting, das ihrem Spiel den richtigen Rahmen gibt. Zudem entwickeln die Filmemacher sehr unterschiedliche, doch jeweils stimmige ästhetische Entwürfe für ihre Geschichten. Im Vergleich dazu entpuppt sich Breaking and Entering als formales Vakuum.

Breaking and Entering

Der Film beginnt mit einer Autofahrt. Will kommentiert aus dem Off jenes Gefühl der Distanz, das sich zwischen ihn und seine Dauerfreundin Liv (Robin Wright Penn) gedrängt hat. Auslöser scheint Livs autistische Tochter Bea zu sein, die schier alle Energie der Mutter aufbraucht. Das Bild des gemeinsamen Fahrens als Ausdruck des Miteinander- und doch nicht Beieinander-Seins eines Paars wird gerne als filmische Metapher genutzt. Petzold rhythmisierte seinen Film damit virtuos und Adrian Lyne war es in Untreu (Unfaithful, 2002) gelungen, ein haltendes Auto mit dem Paar, der Familie nach dem Desaster, als ambivalentes Schlussbild zu filmen. Auch in Breaking and Entering wird das Bild, hier des Wageninneren, am Ende des Films wieder aufgenommen. Doch Anthony Minghella geht es nicht um Ambivalenzen.

Seine Erzählung verläuft abgesehen von diesem Rahmen chronologisch, was ihn formal vor allem von Inárritu unterscheidet. Dieser Aspekt ist entscheidend, finden die komplexen Konstruktionen des Mexikaners doch immer ihre inhaltliche Entsprechung. So zerrissen wie die Handlung erscheint, sind auch die Figuren. Inárritu gelingt es, vor allem in 21 Grams, eine emotionale Struktur zu entwickeln, die chronologische Grundordnungen durchbricht.

Breaking and Entering

Minghella ist davon nicht nur filmisch Welten entfernt, sondern auch in seiner ideologischen und moralischen Ausrichtung. Inárritus Reflexion des Begriffs Terrorismus in Babel ist zwar diskussionswürdig, fügt sich jedoch strukturell in die Erzählung und findet sowohl in einem tagespolitischen, als auch in einem übergeordneten Bezug seine Verortung. In Breaking and Entering hingegen dient der Balkankrieg als unmotivierter geographischer Punkt einer klar gegliederten emotionalen und weltanschaulichen Landkarte. Da muss ein pubertierender Junge Sätze wie „I didn’t ask to survive“ aussprechen.

Während Inárritu, aber auch Forster und Petzold, ihre Darsteller nutzen, um über deren nuanciertes Spiel Ausdrücke zu schaffen, müssen die Stars bei Minghella vor allem mit psychologisierten Dialogen arbeiten und gegen deren Stereotype anspielen. Die Figuren des Dreiecks Binoche – Law – Wright Penn dienen einander als Stichwortgeber ohne emotionales Verhältnis. Die drei wirken untereinander so autistisch, wie es von der Tochter via Drehbuch behauptet wird.

Behauptung bleibt auch die Tragik, die sich über die gesamte Filmlänge aufbauen soll, nur um in einer Auflösung unterzugehen, bei der Juliette Binoche die Tränen kommen – und dem befremdeten Zuschauer.

Kommentare


Patrick Jagdmann

ein sehr schöner film mit tollen bildern, guten charakteren und wirklich überzeugenen schauspielern. ein sehr, sehr emotionaler film. alles in allem aber vor allem für jude law fans empfehlenswert und darum sehr zu empfehlen. mfg.


Martin Zopick

Das Ende schmerzt
Der Film ist eine Mischung, die in ganz unterschiedliche Kapitel eingeteilt werden kann. Und jedes Element gehört einem anderen Genre an. Es beginnt mit einer Feld- Wald- und Wiesenstory aus dem Familienleben. Es plätschert so tra-la-la-mäßig vor sich hin. Vater (Jude Law) bekommt ebenso wenig Profil wie Mutter (Robin Wright Penn). Und von der angeblich autistischen Tochter ist so gut wie nichts zu sehen, was auf diese Krankheit hinweist. Schlagartig geht es in Richtung Krimi, was den Titel rechtfertigt. Und ab der Hälfte wird’s richtig gut: ein Problemfilm tut sich auf, mit Emigrantenschicksal und Mutter-Sohn Konflikt. Auch die Zusammenführung der beiden Handlungsstränge durch parallele Schnitte ist durchaus gelungen. Dann entwickelt sich eine seltsame Liebesgeschichte, in der Juliette Binoche für die Tränen zuständig ist. Die Wendung: Erpressung mit Fotos gegen Rückzug der Anzeige überrascht. Die Dialoge bewegen sich auf gehobenen Niveau: ‘Die Polizei hat angerufen. Es war der reinste Kafka‘ oder ‘Hast du geweint?‘ – ‘Nein, nur mit der falschen Seite gelacht.‘ Vera Farmiga sorgt in einer eindrucksvollen Nebenrolle als Prostituierte für gute Laune. Aber dann: Das Finale ist einer Seifenoper würdig. So viel Friede, Freude, Eierkuchen (FFE) in geballter Form sind kaum auszuhalten. Das wird ganz offensichtlich durch Lug und Trug so hingebogen. Gute alte Tradition der Traumfabrik. Diese letzte Viertelstunde ist nur peinlich und zerschlägt das bis dahin heilgebliebene Porzellan.






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