Breakfast on Pluto

In seinem neuen Film erzählt Neil Jordan die Geschichte des Findelkinds Patrick, der sich in Kitten verwandelt und im London der siebziger Jahre nach seiner leiblichen Mutter sucht.

Breakfast on Pluto

Neben seiner Arbeit als Regisseur von amerikanischen Produktionen wie Interview mit einem Vampir (Interview with the Vampire, 1994) tritt Neil Jordan auch immer wieder als Chronist irischer Geschichte in Erscheinung. Dies kann entweder die Gesamtkonzeption des Films betreffen wie bei Michael Collins (1996) über den gleichnamigen irischen Freiheitskämpfer oder auch nur den Hintergrund einer Geschichte, wie es bei seinem neuen Film der Fall ist. Breakfast on Pluto basiert wie schon Der Schlächterbursche (The Butcher Boy, 1997) auf einer literarischen Vorlage von Patrick McCabe und erzählt vom Findelkind Patrick Braden, das bei einer Pflegefamilie im irischen Dorf Tyreelin aufwächst. Dort macht sich Patrick schnell unbeliebt, als er beim heimlichen Anprobieren der Kleider seiner Stiefschwester erwischt wird. Mit zunehmendem Alter lernt Kitten, wie sich Patrick nun nennt, nicht nur ihren modischen Stil durch Make Up und ausgefallene Klamotten zu perfektionieren, sondern rebelliert auch mit passiv aggressiven Attacken gegen ihr bigottes Umfeld.

Wenn in den ersten Bildern des Films das untertitelte Klatschgespräch zweier Rotkehlchen gezeigt wird und die Kamera zu den Klängen von Sugar Baby Love über die Dächer von Tyreelin schwebt, wird schnell klar, dass es sich hier nicht um eine realistische Wiedergabe von Ereignissen handelt, sondern um eine glitzernde Märchenwelt, in die allerdings auch immer wieder vereinzelte Tragödien hereinbrechen. Unberührt von den Anfeindungen ihrer Mitmenschen, gibt sich Kitten gemeinsam mit anderen Außenseitern des Dorfs wie der farbigen Charlie oder dem am Down Syndrom leidenden Laurence den Utopien ihrer fantasievollen Spiele hin. Erst als Kitten von ihrer leiblichen Mutter erfährt, fasst sie den Entschluss, Irland zu verlassen und macht sich auf eine abenteuerlich Reise ins London der siebziger Jahre.

Breakfast on Pluto

Für die Rolle der Kitten musste ein Darsteller gefunden werden, der die Gratwanderung zwischen abgeklärtem Selbstbewusstsein und Naivität meistern konnte und zudem noch gut mit Mascara und ausgefallenen Kostümen aussieht. Cillian Murphy, der in Filmen wie Batman Begins und Red Eye bisher meist den Bösewicht mimen musste, erfüllt diese Anforderungen souverän. Mitunter geht er in seiner Rolle derart auf, dass der ständig kokettierende Augenaufschlag und die wehleidig säuselnde Stimme auch mal zu viel werden. Statt die eigentlich sehr humorvolle Geschichte mit ihrem außergewöhnlichen Protagonisten zur hysterischen Klamotte verkommen zu lassen, bettet sie Jordan in die Geschehnisse des Nordirlandkonflikts ein. So verliert Kitten durch eine Autobombe einen guten Freund, kommt mehrmals mit Mitgliedern der IRA in Berührung und wird sogar selbst als „Transvestiten-Terrorist“ verdächtigt.

Die literarische Vorlage des Films versucht Jordan alles andere als zu verschleiern. Die zunächst etwas unsinnig wirkende Einteilung in über zwanzig betitelte Kapitel zerreißt den Film jedoch nicht, sondern bekommt durch den dominanten Einsatz von Musik eher einen videoclipartigen Charakter. Dieser Effekt verstärkt die irreale Stimmung des Films, und die Märchenhaftigkeit der Erzählweise findet in zahlreichen Motiven ihre Entsprechung. So begegnet Kitten bevor sie in der plüschig bunten Welt einer Peep Show landet, zunächst noch einigen skurrilen Figuren wie einer falschen Indianerrockband oder einem Zauberer.

Breakfast on Pluto

Der Synthese aus psychedelischer Traumwelt und harter Realität fügt Jordan auch noch ein verschwenderisch ausgestattetes Porträt der siebziger Jahre hinzu. Neben den extravaganten Kostümen und einem Gastauftritt von Roxy Music-Frontmann Bryan Ferry spielt auch der Soundtrack eine wichtige Rolle. Dabei reicht die Musikauswahl von Evergreens aus den sechziger Jahren bis zu Glam-Rock-Hits. In dieser Verbindung aus üppiger Ausstattung und nostalgischer Musik erinnert der Film sogar streckenweise an Velvet Goldmine (1998). Im Gegensatz zu der reinen Faszination an schönen Oberflächen hat Jordan jedoch auch noch eine Geschichte zu erzählen und so entwickelt sich das Porträt eines Außenseiters, der sich anarchisch gegen den Pessimismus und die Ernsthaftigkeit seines politisch aufgeheizten Umfelds richtet, gegen Ende immer mehr zu einem Familiendrama. Seine unbeschwerte Erzählweise verliert Breakfast on Pluto dadurch jedenfalls nicht.

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