Brasch - Das Wünschen und das Fürchten

„It’s lonely at the top“. Thomas Brasch singt zusammen mit Randy Newman und gibt Einblick in seine Gedankenwelt.

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Der Schriftsteller Thomas Brasch steht auf der Bühne des Münchner Cuvilliés-Theaters. Gerade wird ihm der Bayrische Filmpreis für sein Regiedebüt Engel aus Eisen (1981) vom damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß überreicht. Es werden höflich Hände geschüttelt, dann tritt Brasch ans Rednerpult und spricht von der Schwierigkeit, auf das Geld eines solchen Preises angewiesen zu sein und ihn von einer Person überreicht zu bekommen, die man eigentlich verachtet. Als er der Filmhochschule der DDR dankt, gibt es die ersten Buhs. Und es rumort weiter im Publikum, als er auch noch den Kriminellen aus seinem Film dankt, weil sie mit ihrem Handeln gegen den Kapitalismus aufbegehren. Das letzte Wort hat dann Franz Josef Strauß, der Brasch wiederum dafür dankt, sich als Demonstrationsobjekt der bayrischen Liberalität zur Verfügung zu stellen.

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So spannend können also Preisverleihungen sein. In der Dokumentation Brasch – Das Wünschen und das Fürchten gibt es noch weitere, unterhaltsame Clips mit Thomas Brasch zu sehen. Etwa eine Fernsehsendung, in der er sich mit einer Zuschauerin darüber streitet, ob in seinen Texten zu viele Kraftausdrücke verwendet werden. Oder ein Gespräch mit Günter Grass über die offensichtliche Zensur im Osten und die unsichtbare im Westen. Mit diesem Griff in die Fernseharchive wird viel über die Gedankenwelt des Autors erzählt, aber auch über Deutschland in den 1970er und 80er Jahren.

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Regisseur Christoph Rüter war mit Brasch bis zu dessen Tod 2001 befreundet. Das Archivmaterial ergänzt er durch intime Interviews, aus denen wir vor allem eins lernen: Brasch war ein Zerrissener. Er saß in der DDR im Gefängnis, denunziert von seinem Vater, einem führenden Parteifunktionär der SED. Er siedelte in den 70er Jahren vom Osten in den Westen über, ohne sich je heimisch zu fühlen. Und er hinterfragte ständig seine jüdische Identität, behauptete, dass die Juden selbst zu Tätern geworden seien, weil sie sich im „Dritten Reich“ mit ihrer Opferrolle abgefunden hätten.

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Man hat nach dem Film fast das Gefühl, man hätte Brasch persönlich kennengelernt. Im Vordergrund von Brasch steht keine konventionelle Struktur, durch die brav chronologisch der Lebenslauf abgehakt wird. Vielmehr werden verschiedene Zeiten durcheinander gewürfelt und eher nach thematischen Oberbegriffen geordnet. Neben den dominierenden Interviews gibt es Szenen aus Braschs drei Spielfilmen zu sehen und Ausschnitte aus Theaterinszenierungen seiner Stücke, die Rüters etwas unbedarft einsetzt, um Biografisches zu illustrieren. Dabei sagt Brasch doch selbst, man soll den Autor nicht mit seinen Figuren gleichsetzen.

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Scheint die eher lose Ansammlung des Materials zunächst noch als Stärke, verliert sich Rüter gegen Ende immer mehr in Belanglosem. Ein entscheidendes Problem ist sicherlich, dass er den schmissigen Clips aus der ersten Hälfte – die man sich auf YouTube ansehen kann – nicht entgegensetzen kann. Der Umzug Braschs in eine Wohnung, gleich neben dem Berliner Ensemble, ist nur mäßig spannend. Und die Szenen, in denen sich der betrunkene Autor selbst im Spiegel filmt, sind nicht erkenntnisreich, sondern einfach nur öde. Vielleicht ist Brasch nur schlecht gealtert. Auf den früheren Aufnahmen hat man noch das Gefühl, er handele aus einer inneren Notwendigkeit. In späteren Interviews wirkt sein Pessimismus dagegen zynisch und selbstgefällig. In der Isolation seiner neuen Wohnung will man ihm plötzlich nicht mehr beim Leiden zusehen. 

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