Brand - Eine Totengeschichte

Monolith im Mittelmaß: Josef Bierbichler verkörpert erneut eine kaputte Mannsfigur, diesmal einen Großschriftsteller mit Schreibblockade.

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„Er hat eine Brust wie ein Rind und Pranken wie ein Löw“, schwärmt Eva Mattes als Marie in Werner Herzogs Woyzeck (1979), als der von Josef Bierbichler gespielte Tambourmajor sie verführt. An dieser eindrucksvollen Physiognomie hat sich bis heute, über 30 Jahre später, nicht viel verändert. Der Schauspieler Bierbichler füllt seine Figuren, die unter Spannung zu stehen scheinen wie eingesperrte Tiere, bis zum Rand mit Körperlichkeit; dennoch spielt der Bauernsohn vom Starnberger See gebrochene Mannsbilder, in deren Innerstem Leere und Schwäche gähnen.

Obwohl Bierbichler seit Mitte der 1970er schon für Herzog, Achternbusch und Tykwer vor der Kamera stand, wurde er in der Öffentlichkeit eher als Theatermann wahrgenommen. Das änderte sich 2004 mit Hans Steinbichlers Heimatfilm-Variation Hierankl. Seitdem ist Bierbichler auf der Leinwand omnipräsent. 2007 erhielt er den Deutschen Filmpreis für seine Rolle in Winterreise (2006). Hier und in Filmen wie Der Architekt (2008) spielt er dickköpfige, grobe Männer um die 60, die ihre Frauen seit Jahren belügen und betrügen und nun vor den Trümmern ihres Lebens stehen. In jeder dieser Rollen wirkt Bierbichler wie ein Koloss, über dessen ungeheure Präsenz sich das gesamte Drama entfaltet. Regisseure besetzen ihn, um ihren Filmen Archaik und Schwere zu verleihen. Das funktioniert allerdings nur, wenn das Material selbst die Voraussetzungen mitbringt. Wenn nicht, vergrößert Bierbichlers Präsenz die Schwächen eine Films wie unter einer Lupe. So wie in Brand.

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Bierbichler spielt einen berühmten Schriftsteller, der – natürlich! – unter einer Schreibblockade leidet. Auslöser ist die Krebserkrankung seiner Frau Martha (Erika Deutinger), die im Krankenhaus vor sich hinsiecht. Um den Schmerz auf Distanz zu halten, beginnt Brand ein Fototagebuch über das Leiden seiner Frau, das Grundlage für einen neuen Roman werden soll. Und er stürzt sich in eine leidenschaftliche Affäre mit der Krankenschwester Angela (Angela Gregovic). Die ist allerdings mit dem krankhaft eifersüchtigen Polizisten Celik (Denis Moschitto) verheiratet, der schon bald hinter das Verhältnis kommt. Nicht nur verprügelt er Angela, Celik beginnt auch ein Katz-und-Maus-Spiel mit Brand, erpresst ihn und will ihm ein Verfahren wegen Vergewaltigung anhängen.

Regisseur Thomas Roth, der vorher einige Tatort-Episoden und das recht biedere Musiker-Drama Falco – Verdammt, wir leben noch! (2007) drehte, schwebte nach eigenen Worten eine düstere Geschichte vor, die „unaufgeregt beginnt, sich zunehmend verdichtet und wie eine Spirale weiterdreht“. Das Problem ist nur, dass dieser Effekt ausbleibt. Im Gegenteil, man spürt zwar in jeder Einstellung von Brand das Wollen, aber nie sieht man das Werden. Das beginnt mit dem Drehbuch, das sich in Unwahrscheinlichkeiten und Nebenschauplätze verrennt. Kein Erzählfaden ist stark genug, um die Geschichte zu tragen. Ehe-Drama, Künstler-Drama, Sterbe-Drama, Amour fou, Psycho-Krimi und sich existenziell gebärdende Gesellschaftsanalyse: Die Geschichte will vieles sein, zerfällt aber in wahlweise über- oder untermotivierte Einzelteile; ihre Relevanz bleibt immer nur behauptet.

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Dieser Mangel wird auf der filmischen Ebene überkompensiert. Roth fährt jede Menge Theaterdonner auf, um Brand Spannung und Bedeutung zu verleihen. Wenn Celik nachts um Brands Haus schleicht, quietschen Türen, knirscht Kies, regnet und gewittert es. Schatten huschen durch das Bild, Gesichter werden theatralisch ausgeleuchtet. Penetrante Bildsymbole wie ein totes Reh als Zeichen für den Verlust der Unschuld ziehen sich durch den ganzen Film. An den Rand der Selbstparodie gerät er, als Brand einen Priester kennenlernt, der ihn zur Beichte und Umkehr auffordert und mit Grabesstimme Plattitüden hersagt wie: „Man kann vor den Dingen nicht fliehen“. Das letzte Drittel des Films beherrschen hektische Wendungen, die für mehr Verwirrung als Verdichtung sorgen und ihn endgültig aus dem Ruder laufen lassen. Da wird ein Ohr abgeschnitten, es gibt Tote, einen Autounfall und ein letztes Foto. Übrig bleibt der Eindruck eines überinszenierten und überambitionierten TV-Dramas. Und Bierbichler? Spielt seinen Stiefel runter und wirkt wie ein Monolith im Mittelmaß. In gewisser Weise ist er sogar Schuld daran, dass vor allem die Krimi-Elemente nicht funktionieren. Nicht eine Sekunde glaubt man, der kleine, schmale Denis Moschitto könnte ihm auch nur ein Haar krümmen. 

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