Boyhood

Da ist nichts. Und dann: Richard Linklater und die verlorene Zeit.

Der kindliche Blick in den Himmel. So beginnt dieser Film. Die wachen Augen des kleinen Mason (Ellar Coltrane), das Gras, auf dem er liegt, die Wolken lassen an eine gern diskutierte Sequenz aus Terrence Malicks The Tree of Life (2011) denken. Was Mason denkt, wissen wir nicht. Seine Mutter hat nicht von Gott gesprochen und hinaufgezeigt. Linklaters filmischer Himmel ist anderer Natur. Und seine Anfangsszene vollführt eine umgekehrte Bewegung. Wir nähern uns Mason von oben, nicht dem Himmel von unten. Nicht der kindliche Blick in den Himmel, sondern der himmlische Blick aufs Kind, aufs Leben.

Zeit im Film

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Dann legen sich die Opening Credits über diesen Himmel, in einer ganz und gar unepischen, verspielten Schriftart, ganz als hätte Richard Linklater hier eine seiner regelmäßigen Fingerübungen vollführt, als stünde der Titel seines Films für einen luftigen Coming-of-Age-Film und nicht für ein riskantes, innerhalb des fiktionalen Kinos einzigartiges Projekt. Linklater übertrumpft seine über 18 Jahre angelegte, aber auf drei Werke verteilte Liebesgeschichte der Before-Reihe noch einmal, lässt seine Darsteller nicht altern, um zwischendurch mit ihnen Filme zu machen, sondern seine Figuren altern, im Film selbst. Boyhood ist im Laufe der letzten zwölf Jahre entstanden, jeden Sommer wurde ein weiteres Fragment gedreht. Am Anfang ist Mason sechs Jahre alt und blickt in den Himmel, am Ende des Films wird er 18 sein, und damit wieder am Anfang, aber dazu später mehr.

Linklater macht aus seinem tollkühnen Ansatz kein Spektakel. Bewusst ist ihm, dass das Film-Werden eines „realen“ Reifeprozesses noch kein Wunder vollbringt, dass es uns nicht automatisch mehr erzählt als andere Werke, vom Leben, vom Kino oder etwas anderem. Klar auch, dass die wahrnehmbaren Brüche, mit denen andere Filme über die Maske oder einen Darstellerwechsel das Rad der Zeit in Szene setzen, in Boyhood nicht gänzlich verschwinden können. Auch wenn oder gerade weil die Erfahrung des Films anmutet wie die verdichtete Lektüre eines episch angelegten Romans, wird man der Eigensinnigkeit des Mediums schmerzlich gewahr. Die Zeit kann nicht im Textfluss und der imaginären Welt dahinter aufgehen, sondern muss sich in jedem Bild aktualisieren, ihre Zeichen sind den Körpern eingeschrieben. Der Moment, in dem wir bei Mason das erste Mal einen Bartansatz erkennen, bleibt ein Moment, ein Bruch.

Aus Projekt werde Film

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Und doch ist die völlig eigene Zeitlichkeit dieses Films ein beeindruckendes Erlebnis und eine bereichernde Erfahrung. Wie wir in den Augen des Teenagers Mason noch den kleinen Jungen aus dem ersten Teil des Films erkennen, obwohl die Landschaft seines Gesichts eine andere ist: ein Zeitraffer unterm Mikroskop. Dabei ist Boyhood kohärent genug, um aus dem Konzept einen Film entströmen zu lassen, hinter dem das Konzept verschwindet – allein das eine beeindruckende Regieleistung –, und fragmentiert genug, um jene Offenheit spürbar werden zu lassen, die in Linklaters Vorhaben von vornherein angelegt war. Knappe drei Stunden sind für dieses Vorhaben eigentlich viel zu wenig, nicht zuletzt weil der Film einfach großen Spaß macht, außerdem sehen wir nicht nur Mason beim Älterwerden zu, sondern auch Mutter Olivia (Patricia Arquette), dem von Beginn der Erzählung an von ihr getrennt lebenden Vater Mason Sr. (Ethan Hawke) und Schwester Samantha (Linklaters Tochter Lorelei). Der Film geht dabei nicht auf in einer Thematisierung von Familie, entsagt auch jeglicher ödipaler Logik. Masons Ersatzväter sind wirklich jerks.

Coming-of-age, by the way

Von Anfang an durchbricht Linklater die eigene Ambition, sucht die Leichtigkeit und findet die Größe der Bescheidenheit. Auch Boyhood ist in erster Linie ein Dialogfilm, der nur selten innehält und interpretiert, der weitertreibt, die Frage nach der Essenz der Kindheit oder des Lebens gar nicht erst stellt. Die To-Do-Liste des Coming-of-Age, sie wird in betonter Beiläufigkeit abgehandelt: Für einen ultrakurzen Moment blickt der kleine Mason auf einen halbverwesten Vogel hinab, doch der abrupte Schnitt lässt keine Symbolik der Vergänglichkeit zu. Wenig später lässt er sich von seinem Vater bestätigen, dass es keine echte Magie gibt auf dieser Welt, keine Elfen. Auch hier fehlt jedes Pathos, jede Träne, jede Beschwörung eines erkennenden und deshalb fundamentalen Augenblicks in diesem jungen Leben. Es bleibt beim Primat des Kontingenten: ein Gespräch zwischen Vater und Sohn.

Weil es um das Älterwerden selbst geht, das außerhalb des Bildrahmens bleibt, bleiben muss, werden innerhalb dieses Rahmens nicht die Traumata der Kindheit durchgespielt. Wichtigster Fluchtpunkt ist vielleicht eher jene Szene gegen Ende des Films, in der Mason auszieht, aus dem Haus der Mutter und in die Welt. Hier geht es nicht um den vermeintlichen Protagonisten, der geht die Sache recht gelassen an, sondern um Olivia, die diese Gelassenheit nicht fassen kann, die als einzige Figur schließlich erkennt, wie die Zeit vergeht, weil sich für sie viel mehr verändert als für ihren Sohn. Was hier erfahrbar wird, ist gerade nicht Masons allmähliche Erschließung der Welt, sondern der ganz erwachsene Schmerz im Angesicht vergehender Zeit. Der Film fast am Ende, Mason am Anfang. Olivia verstehen wir, vielleicht auch weil kurz zuvor im verschwommenen Hintergrund ein Kinderporträt des kleinen Mason zu sehen war, des Jungen, der am Anfang in den Himmel sah.

Epilog: Mit Papa im Auto

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Teil 1: Daddy regt sich auf, weil die Kinder auf seine Fragen nur mit Floskeln antworten. Wie war euer Tag? Ganz okay. Fast wütend erklärt Mason Sr., wie man auf eine solche Frage zu antworten hat, erdenkt sich kleine Kinder-Geschichten von Streitigkeiten mit kleinen Kinder-Freundinnen. Die tatsächlichen Kinder verweigern jegliche authentische Aussage über ihr Befinden, so wie Mason Jahre später nur gelangweilte Bestätigungen übrig hat für die platten Weisheiten des Vaters. Boyhood ist bei aller Heiterkeit auch ein Film des Frusts darüber, dass wir den Zauber der Kindheit eben nicht mehr erfahren können, nicht so jedenfalls, wie wir ihn einst erfuhren. Die kindliche Perspektive ist bei Linklater eine Unmöglichkeit, das Kennenlernen des Lebens nicht mehr reproduzierbar, ist dieses Leben einmal gekannt. Der himmlische Blick aufs Kind, aufs Leben, ist deshalb einer, der registriert und nicht (be)deutet. Denn der kindliche Blick in den Himmel sagt: Da ist nichts.

Teil 2: Der 16. Geburtstag Masons bringt nicht das erwünschte Auto, aber eine eigens von Papa zusammengestellte CD mit Post-Break-up-Solosongs der Beatles. Mason Sr. ist so begeistert von der eigenen Idee, dass er fast die Straße aus dem Blick verliert. Die einzelnen Beatles immer im Wechsel, vom Oh-Happy-Life-Feiern zur Tragik des Daseins und weiter zur nächsten Stimmung. Keine Essenz, sondern Balance, it’s the mixture. Der himmlische Blick aufs Kind, aufs Leben, ist deshalb einer, der nicht nach dem ursprünglichen Zauber der Welt oder der Tragik der Vergänglichkeit sucht, dieses Leben vielmehr wahrnimmt, im vom Grundton der voranschreitenden Zeit begleiteten Spiel seiner Töne, Farben und Intensitäten: Und dann, und dann, und dann.

Da ist nichts. Und dann. Unter dem Himmel nur die Straße, dieses Mal ohne Auto. Dass Boyhood mit diesem letzten großen Gestus der Immanenz endet, das ist nicht nur Teil einer im letzten Drittel des Films immer offensiver ausgestellten Deutlichkeit. Dieses Bild wendet sich auch an jene Zukunft, in der sich die Absage an den kindlichen Blick in den Himmel wird bewähren müssen. Diese Absage kann schließlich die Aktualität der Zeit fetischisieren wie ihre Virtualität feiern, womit auch zwei mögliche Reaktionen auf diesen Film einhergehen. „That’s life“, sagt die eine, zynisch oder sogar gerührt, da ist nichts. „That’s cinema“, sagt die andere, und dann ...

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