Boy Meets Girl

Liebe trotz allem – Leos Carax feiert in seinem Debüt die Illusion ebenso wie ihre Zerstörung.

Boy Meets Girl 06

Es gibt nur die unglückliche Liebe – die unerfüllte, die soeben zerronnene, die eingebildete, die unerwiderte, die hoffnungslose, die zu spät gekommene, die zerstörerische, die vereinsamende Liebe. Und: Es gibt nur die Liebe, sonst nichts. Der Rest des Lebens ist der Rede nicht wert. Von der Kamera ganz zu schweigen. Diese doppelte Sinnverengung gebärt Leos Carax Debütfilm Boy Meets Girl.

Und unter diesen Prämissen begräbt der Franzose seine jugendlichen Helden. Denn Boy Meets Girl, der Titel sollte es schon andeuten, ist ein Film der Schablonen. Ein Film, in dem die potenziell Liebenden ununterbrochen Gefahr laufen, ihre Gefühle an Klischees zu verlieren. Was soll man auch noch empfinden, wie sich verhalten, was noch sagen im Herrschaftsbereich der Romantik, in der Stadt der Liebe, im Kino, auf der Bühne der Empfindsamkeit? Junge trifft Mädchen, so das Ideal. Junge verliert Mädchen, Junge und Mädchen verstehen sich nie, so die Bilanz.

Boy Meets Girl 02

Carax’ Debüt ist ein Nachtstück, verschattet und eng, elliptisch, grüblerisch. Ein Film der disparaten Sequenzen und kurz angeschlagenen Akkorde, ohne Verlangen nach Geschlossenheit, ohne Drang zur klaren Aussage. Wie die Stimmungen seines Protagonisten Alex (Denis Lavant), der gleich zu Beginn von seiner Geliebten für den besten Freund sitzengelassen wird, wankt der Film durch die Register der Darstellung. Und darin teilt Carax ebenso viel über eigene Stärken wie über die seiner filmischen Helden mit. Eine späte Unterhaltung zwischen Alex und Mireille (Mireille Perrier), seinem neuem Objekt der Begierde, setzt sich aus langen Einstellungen gegen- und zueinander verkanteter Gesichter zusammen, wie in den besten Momenten bei Bergman. Und dann stutzt sich Mireille die Haare wie Jean Seberg in Godards Außer Atem (À bout de souffle, 1959), nur um sie kurz darauf unter einer Haube wie die Jungfrau in Dreyers Die Passion der Jungfrau von Orleans (La Passion de Jeanne d’Arc, 1928) zu verbergen und salbungsvoll den Blick zu senken.

Boy Meets Girl 07

Carax’ Film handelt von einer Jugend, die niemals jung sein kann, denn all ihre Träume wurden schon geträumt, und all ihre Bilder kommen von anderswo. Man braucht die Herkunft dieser Bilder nicht zu kennen, um ihre Präsenz, ihre Deutungshoheit zu spüren. Die Atmosphären verströmen auch so einen modrigen Hauch, wie abgelegte Kleidung, wie altes Spielzeug. Nie wieder hat man Denis Lavant so zahm, so ohne artistische Extravaganzen gesehen wie in seiner ersten Hauptrolle. Aber Boy Meets Girl suhlt sich mitnichten in Depression, dafür ist der Film zu erfinderisch, die Lust am Diebstahl zu ungetrübt. Carax versteht es schon in seinem Debüt, das Spielerische und das Tragische ineinander zu versenken. Es reicht, Mireille beim einsamen Stepptanzen in ihrem Apartment zuzuschauen: ein kurzes Glück, importiert aus dem fernen Hollywood, eine Performance für sich und die unsichtbaren Zuschauer.

Boy Meets Girl 05

Zwar funktioniert Boy Meets Girl nicht immer, dafür ist der Rhythmus zu uneinheitlich, der Schatten Godards manchmal zu übermächtig, die Dialoge zu verschnörkelt. Aber es ist nun einmal ein Film, der seine Geschlossenheit den Momenten opfert und der im Zweifelsfall den Style über die Substanz stellt. Denn die Substanz ist ja ohnehin von Beginn an in Zweifel gezogen, und in den Welten der Klischeebrocken stiftet, wenn überhaupt, nur noch der Stil die verbindende Atmosphäre. Boy Meets Girl ist ein Film, der an seinen Rändern zusammengehalten wird, nicht in seinem Kern. Dass nicht alles zerfällt, ist nicht zuletzt dem viel zu früh verstorbenen Jean-Yves Escoffier zu verdanken, der seine Bilder weniger aus Licht aufbaut denn aus Schatten hervortreten lässt und der dabei auf spektakuläre Weise modernistische Klarheit mit den brodelnden Stimmungsbildern des Expressionismus vereint. Mit diesen ganz und gar eigensinnigen, aber tief in der Kinogeschichte verankerten Bilderwelten markiert Boy Meets Girl sehr präzise den Punkt, an dem die letzten Ausläufer der Nouvelle Vague sich im sogenannten Cinéma du look zu verlieren begannen.

Boy Meets Girl 03

Die gleichzeitige Freude am Erschaffen und am Dekonstruieren ist Carax’ große Gabe, ebenso wie seine widerspruchslose Zusammenfügung von reflektierender Tiefe und Gefallsucht. Er schafft Denk-/Fühl-Komplexe, Filme, die mit beiden Gehirnhälften genossen werden können. In Boy Meets Girl findet er dafür ein großartiges und treffendes Bild: In einer Spielhalle geht der Flipperautomat kaputt, und der Barmann beugt sich, flankiert von ungeduldigen Spielern, über die geöffnete Maschine wie ein ratloser Autofahrer über seine Motorhaube. Doch die Kamera gleitet an allen Körpern vorbei und schaut voller Begeisterung auf das Gewirr aus Schaltern, Kabeln und Transistoren, über das die glitzernden Lichter unverändert blitzen und zucken. So viel steht fest für Carax: Der sezierte Körper, der entblößte Mechanismus ist nicht minder schön, nicht minder bezaubernd als die perfekte Illusion. Und auch die Liebe, selbst wenn sie schon zu Tode analysiert und verfilmt wurde, ist in ihrem Tod noch immer das einzige Thema von Belang. Denn ihre Lichter zucken durch alle Oberflächen, so dunkel und vertrackt sie auch sein mögen.

Trailer zu „Boy Meets Girl“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.