Boy Culture

In seinem zweiten Spielfilm nach Eating Out erzählt Q. Allan Brocka vom scheinbar abgeklärten Edel-Callboy X, und wie dessen Gefühlsleben von seinem Mitbewohner und einem neuen Kunden durcheinander gebracht wird.

Boy Culture

Prostitution ist im Film meist in einer halbseidenen Unterwelt angesiedelt, in der es ums nackte Überleben geht. Unabhängig davon, wie nah diese Darstellungen an der Realität sind und wie unterschiedlich sie in verschiedenen Genres eingesetzt werden, ist die Hure auf jeden Fall niemand, den man für sein Leben beneidet. Ob als Vorwand, nackte Haut zu zeigen im (S)Exploitationfilm, als tragisches Beispiel für sozialen Abstieg im Drama oder mit sehr begrenzter Lebenszeit im Thriller, positiv besetzt ist das Rollenbild ”Nutte” nur selten. Pretty Woman (1990) gelang immerhin das Kunststück, eine Prostituierte als Sympathieträgerin in einem Familienfilm zu etablieren. Abgesehen davon, dass es sich bei der Geschichte um eine Variation des Aschenputtel-Märchens handelt, konnte dies nur geschehen, indem der soziale Background der Heldin verniedlicht wird und ihre Arbeit, die sie jederzeit gegen einen anderen Job eintauschen würde, eine Überlebenschance bietet. Konsequenterweise steht am Ende des Films dann auch die Rettung aus der Gosse durch den Märchenprinzen und der Aufstieg in die Welt der Schönen und Reichen.

In Q. Allan Brockas Boy Culture gibt es auf den ersten Blick einen Gegenentwurf zu Pretty Woman. Der Protagonist ist ebenfalls Stricher, jedoch unterscheidet er sich gleich in zweierlei Hinsicht von dem Großteil seiner Kollegen. Keine finanzielle Notlage hat ihn in diese Situation getrieben, sondern die Verwirklichung seines Kindheitstraums. Schon als Junge war sein Lieblingsgenre der Prostituiertenfilm und Pretty Woman sogar ein persönliches Highlight. Außerdem arbeitet er nicht auf öffentlichen Toiletten, wo er mit zerknüllten 20-Dollar-Scheinen bezahlt wird, sondern verfügt über einen kleinen Kreis an älteren und sehr wohlhabenden Stammkunden, die ihm seinen unbeschwerten Lebensstil ermöglichen. Bei Brocka hat das Anschaffen nichts Schmutziges mehr und steht weniger für Ausbeutung, als für Selbstbestimmung und Stillung des eigenen Verlangens. Dass dieses Bild ebenso verklärt und idealisiert ist, wie das in Pretty Woman, versteht sich dabei von selbst.

Boy Culture

Mit Boy Culture hat Brocka den gleichnamigen Roman von Matthew Rettenmund verfilmt. Das Buch ist als intime Beichte angelegt, und Brocka übernimmt diese subjektive Erzählweise mit einem omnipräsenten Voice Over des Protagonisten. Der namenlose Erzähler versteckt sich hinter dem Pseudonym X und weckt schon in den ersten Filmminuten die Erwartungen auf ein Bekenntnis voll dreckiger Details. Was auf diese Einleitung folgt, geht jedoch in eine ganz andere Richtung, denn hinter der scheinbaren Abgeklärtheit von X (Derek Magyar) hält sich ein hoffnungsloser Romantiker versteckt, der sich trotz seiner mehrjährigen Berufserfahrung privaten Sex für den Richtigen aufsparen möchte. Dieser Richtige wäre zum Beispiel sein Mitbewohner Andrew (Darryl Stephens), dem er immer noch nicht seine Liebe gestanden hat. Erst als X den älteren Gentleman Gregory (Patrick Bachau) als Neuzugang in seinen Kundenkreis aufnimmt und sich beim gegenseitigen Erzählen der ersten sexuellen Erfahrungen in dessen unglücklicher Liebesgeschichte wiedererkennt, beginnt er, sich seinen Gefühlen zu stellen.

Boy Culture

Die Probleme der Figuren aus Boy Culture sind nicht die einer Minderheit, die sich im Alltag mit Diskriminierung und fehlender Anerkennung auseinander setzen muss. Ihre Probleme machen sie sich vor allem selber. Die Art und Weise, wie die mit sich selbst hadernden Figuren einfache Sachverhalte zur Katastrophe stilisieren und sich damit den Weg zum Glück versperren, erinnert an Beziehungskomödien aus den frühen neunziger Jahren wie Voll das Leben (Reality Bites, 1994) und Singles – Gemeinsam einsam (Singles, 1992). Auch dort wimmelt es nur so von Paaren, die eigentlich füreinander bestimmt sind, aber zunächst von zahlreichen Selbstzweifeln zerfressen werden, bevor sie sich zum Happy End endlich in die Arme fallen können. Gerade bei so einer relativ handlungsarmen Grundstruktur liegt das Gewicht in diesem Genre mehr auf ausdrucksstarken Darstellern und schmissigen Dialogen, und genau in diesen Bereichen kann Boy Culture nicht überzeugen. Sieht man einmal von Patrick Bachau als geheimnisvollem Freier ab, der ganz in seiner manipulativen Rolle aufgeht, scheint es bei der Besetzung eher um Äußerlichkeiten gegangen zu sein als darum, charismatische Darsteller zu casten. Dass sich das Drehbuch dazu noch aus ziemlich abgedroschenen Dialogzeilen zusammensetzt, macht das Versagen des Films beim Versuch, intelligent und witzig zu sein, umso deutlicher.

Letztlich entpuppt sich auch der ungewöhnliche Blickwinkel auf die Prostitution nur als ein Vorwand, um Xs persönliches Trauma psychologisch zu erklären. So kommt es in Boy Culture zum Happy End, nachdem X, wie Julia Roberts in Pretty Woman, durch seinen Traumprinzen erlöst wird und endlich ein neues, anständiges Leben beginnen kann.

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