Boy A

Sympathy for the Devil: In stimmungsvollen Bildern folgt John Crowley einem verurteilten Mörder bei seiner Resozialisierung.

Boy A

Jack (Andrew Garfield) hat sich sein Leben versaut, bevor es richtig angefangen hat. Im Alter von zehn Jahren tötet er gemeinsam mit einem Freund ohne erkenntliches Motiv ein gleichaltriges Mädchen. Der anschließende Prozess wird zum Medienereignis und Jack unter dem Pseudonym „Boy A“ zum Inbegriff des Bösen. Vierzehn Jahre später hat der mittlerweile 24-jährige seine Strafe abgesessen und versucht sich an einem Neuanfang. Sein väterlicher Bewährungshelfer Terry (Peter Mullan) gibt ihm dafür den entschiedenen Rat, den Grund seines Gefängnisaufenthalts unbedingt für sich zu behalten.

In Boy A, der auf dem gleichnamigen Roman von Jonathan Trigell basiert, präsentiert der irische Regisseur John Crowley seinem Publikum eine moralisch fragwürdige Identifikationsfigur. Das gelingt ihm vor allem deshalb, weil er Jack nicht zum skrupellosen Mörder stilisiert, sondern ihn vor allem menschlich und verletzlich zeigt. Bereits in der Eröffnungsszene, in der Terry seinem Schützling ein Paar Nike Escape zur Entlassung schenkt, wird der schüchterne junge Mann dem Zuschauer durch seine kindliche Unbedarftheit unweigerlich sympathisch. Auch im Verlauf seiner mühsamen Resozialisierung bleibt man stets auf seiner Seite und folgt ihm wie er einen Job findet, sich mit seinem Arbeitskollegen anfreundet und wie sich schließlich zwischen ihm und der Sekretärin Michelle (Katie Lyons) eine zärtliche Liebesgeschichte entwickelt.

Boy A

Crowley macht den psychischen Zustand seines Protagonisten filmisch wahrnehmbar. Zwar verzichtet er auf subjektive Einstellungen, jedoch schafft Boy A eine Atmosphäre, die eng mit Jacks Innenleben verknüpft ist. Die Industriestadt Manchester wird in brauntonigen Bildern als düsterer Ort inszeniert, an dem nie die Sonne scheint. Die Innenaufnahmen zeichnen sich dagegen durch eine stimmungsvolle Lichtsetzung aus. Durch Effekte mit Gegenlicht verwischen die genauen Konturen der Gesichter zugunsten einer impressionistischen Wirkung. Letztendlich zeigen diese stilisierenden Mittel auch die Distanzlosigkeit, mit der Crowley seinem Protagonisten gegenübertritt.

Parallel zu Jacks Resozialisierungsgeschichte erzählt der Film in Rückblenden wie es zu dem Mord an dem Mädchen gekommen ist. Obwohl Crowley sich vor allem auf die Schwierigkeiten seines Protagonisten in seinem neuen Umfeld konzentriert und die Gründe und Ursachen für die Tat unberücksichtigt lässt, kommt er nicht ganz ohne schematische Erklärungsversuche aus. So wirken die Hänseleien älterer Jungen und die lieblose Erziehung Jacks, dadurch, dass sie die einzigen Anhaltspunkte sind, unweigerlich als mögliche Auslöser für den Mord.

Boy A

Das kontroverse Potenzial des Films, einen Mörder ohne Legitimation seiner Tat als Sympathieträger einzusetzen, glättet der Film zugunsten seiner mitfühlenden Erzählhaltung. Schließlich sieht der Zuschauer in Jack keinen Mörder, sondern einen liebesbedürftigen Tollpatsch. Boy A scheint dabei so darauf konzentriert zu sein, seine Hauptfigur möglichst positiv darzustellen, dass er dabei vergisst, auch dessen dunkle Seiten zu thematisieren. Wenn Jack während eines Arbeitseinsatzes ein von der Fahrbahn abgekommenes Auto entdeckt, daraus ein Mädchen befreit und von der Lokalpresse als Held gefeiert wird, wirkt der Wandel vom Mörder zum Lebensretter zu konstruiert. Es reicht Crowley nicht, seine Figur menschlich darzustellen, sie muss gleich vorbildlich in jeder Beziehung sein, während ihre Grausamkeit dagegen reine Behauptung bleibt.

Wenn sich die Handlung der Rückblenden dann gegen Ende des Films auf das entscheidende Verbrechen zuspitzt, verspielt Crowley die Möglichkeit, das Böse seines Protagonisten zu vermitteln. Einzig die brutale Darstellung des Mordes hätte die Sympathien der Zuschauer noch ins Wanken bringen können, doch der Film lässt hier eine Leerstelle. Der Mord bleibt nur angedeutet und Jack scheint dabei geradezu passiv und von seinem ungleich aggressiver gezeichneten Freund zur Tat verleitet. Damit drückt sich der Film ein wenig vor einem zwiespältigen Verhältnis zwischen Publikum und Hauptfigur. Das Spannende an Boy A wäre gerade gewesen, sich mit einem Täter zu identifizieren. Der Film stilisiert seinen Protagonisten aber letztlich zum Opfer äußerer Umstände.

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Kommentare


Martin Z.

Der Film schildert die Unmöglichkeit nach einer Jugendsünde und verbüßter Strafe neu anzufangen, weil die Boulevardpresse daraus Kapital schlagen kann. Relativ ruhig aber einfühlsam wird die ganze Wahrheit im Laufe des Films aufgefaltet. Die schwere Kindheit in Schule und Elternhaus und das, worüber nicht gesprochen werden darf. Bewährungshelfer Terry (Peter Mullan) und Jack sein Zögling (Andrew Garfield) schaffen beste Voraussetzungen, dass das Projekt erfolgreich werden könnte. Die Handlung läuft auf zwei Ebenen: in Jacks Kindheit und im Jetzt. Die seines Betreuers Terry zeigt sein berufliches Wirken mit Jack und sein Privatleben mit seinem gleichaltrigen Sohn, der auf Jack eifersüchtig ist und der Presse fatale Hinweise gibt. Jack, der früher Eric hieß, ist verbal etwas hilflos, emotional verschüttet und sexuell verklemmt. Die blonde Michelle (Katie Lyons) hilft ihm ein Mann zu werden. Aber selbst die große Liebe kann das Auseinanderdriften der beiden nicht verhindern, da die Presse Jacks Vergangenheit in die Schlagzeilen bringt (“Das Übel wird erwachsen!“). Er wird von den Paparazzi gejagt, verliert Job und Freundin. Am Ende steht er auf einem Turm in Blackpool. Man kennt die letzte Konsequenz, braucht sie aber nicht zu sehen. Die Schuldigen sind entlarvt, aber nicht bestraft. Profitgier und Sensationsgelüste haben einen mörderischen Job gemacht.






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