Boxhagener Platz

Wer hat den Fisch-Winkler ermordet? Und wer darf sich „wahrer Kommunist“ nennen? Die Verfilmung des Romans Boxhagener Platz beschwört Spartakusbund und Erbsensuppe herauf und verströmt Berliner Kiez-Luft aus den Babelsberger Filmstudios.

Boxhagener Platz

Mitten im Film Boxhagener Platz lauert ein Vakuum. Eine Leerstelle. Eine Ortlosigkeit, die für ein Werk, das die Geografie schon im Namen trägt, erstaunlich ist. Denn der Boxhagener Platz, jener Ort in Berlin-Friedrichshain, der 1905 angelegt und in den 20er Jahren von Gartendirektor Erwin Barth umgestaltet wurde, dieses begrünte Rechteck aus Krossener, Grünberger, Gabriel-Max- und Gartenstraße, auf dem sich heute das viel gepriesene bunte Leben abspielt, dieser Boxhagener Platz kommt in dem Film, dem er den Titel gibt, gar nicht vor.

Boxhagener Platz

Der Grund dafür ist vermutlich reichlich banal. Es wäre wohl zu teuer gewesen, alles in den Babelsberger Filmstudios nachzubauen. Nun sieht man zwar die berühmte Kneipe „Feuermelder“, jahrzehntelang eine feste Anlaufstelle für die Arbeiter im Viertel, immer wieder ins Bild gerückt, aber stets aus der gleichen Perspektive. Niemals ist auch nur eine Ecke des doch genau gegenüberliegenden Platzes zu sehen. Die Figuren sind deshalb merkwürdig unbehaust, laufen über Babelsberger Studio-Straßen, wohnen in Babelsberger Studio-Wohnungen und halten in Babelsberger Studio-Geschäften ein Schwätzchen. Als spielten sie in einem Transitsaal, aber vielleicht passt gerade das ganz gut zu dieser Geschichte aus der DDR des Jahres 1968.

Boxhagener Platz ist die Verfilmung eines Erfolgsromans von Torsten Schulz und wie das Buch vollgepackt mit Berliner Originalen und einer deftigen Handlung. Buch und Film gehören zu dem nicht kleinen Genre der „Liebeserklärung an …“-Werke, in diesem Fall also an das Berliner Kiez-Gefühl. Mit einer Garde von hervorragenden Schauspielern gelingt diese Heraufbeschwörung ziemlich gut.

Boxhagener Platz

Im Mittelpunkt stehen der zwölfjährige Holger (Samuel Schneider) und seine Eltern (Meret Becker als unterforderte Ehefrau mit West-Sehnsucht und Jürgen Vogel als kleiner, stromlinienförmiger Volkspolizist), vor allem aber seine Oma Otti, gespielt von der Theaterschauspielerin Gudrun Ritter. Und die ist in dieser Rolle so einnehmend, dass man ihr in den ersten Minuten des Films ganz gebannt zuschaut. Oma Otti hat schon mehrere Ehemänner unter die Erde gebracht, und ihr aktueller liegt auch schon entkräftet im Bett. Die Avancen des Witwers Karl (Michael Gwisdek), eines alten Spartakus-Kämpfers, kommen ihr da gerade recht, auch wenn sie das erstmal nicht zugibt, denn Oma Otti kennt sie ja, die Männer. Das Ensemble wird noch ergänzt durch alte Nazis, fiese Stasi-Offiziere und proletarische Alkoholiker. Es geht volkstümlich zu, wie auch in der Buchvorlage, und Regisseur Matti Geschonneck ist geschickt darin, diese Atmosphäre irgendwo zwischen Schwank und historischer Akkuratesse zu erschaffen. Neben der Geschichte der DDR und – in der von Michael Gwisdek gespielten Figur – des ihr vorausgehenden Straßenkampfes der, so heißt es häufiger, „wahren Kommunisten“, werden auch noch andere Zeiteinflüsse wie die Westberliner Studentenrevolte und der niedergeschlagene Prager Frühling hineingewoben. Anders als Good Bye, Lenin! (2003) von Wolfgang Becker oder auch Sonnenallee (1999) von Leander Haußmann huldigt Boxhagener Platz aber nicht der Ostalgie, sondern eher ganz allgemein dem Proletariat.

Boxhagener Platz

Nachdem die Schrullen von Oma Otti und die Trinker-Netzwerke rund um den „Feuermelder“ vorgestellt sind, deutet Boxhagener Platz eine Krimihandlung an, die ähnlich konstruiert ist wie eine Geschichte von Agatha Christie – und deshalb ein wenig wie ein Fremdkörper wirkt. Der Mord am Fisch-Winkler (Nomen est omen, der Mann war Fischhändler) könnte politische, amouröse oder schlicht alkoholische Gründe haben. Verdächtige gibt es viele; Holger macht sich daran, die Sache aufzuklären. Der Film wird deshalb aber noch lange kein Krimi, sondern bleibt die sympathische Liebeserklärung, die er ist, eine Liebeserklärung an das Leben rund um einen Platz, den es hier gar nicht gibt.

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Kommentare


Paul

War gestern auf der Premiere in Berlin. Super Film! Lohnt sich so sehr ihn sich anzuschauen. Das mit dem fehlenden Boxhagenerplatz stimmt schon. Aber wenn man das Original gar nicht kennt, vermisst mans nicht ;-)
Reingehen...


Marla

Gestern habe ich diesen Film gesehen und war mit hohen Erwartungen ins Kino gegangen. Was ich dann erlebt habe, war ein plakatives, von Klischees nur so strotzender Mix aus Berlin-Klamotte und auf Dümmlichkeit reduzierter DDR-Retrospektive: Warum muss Oma Otti in einer Wohnung leben, deren Einrichtung geschmackloser nicht sein kann? (Die Ornament-Tapeten gab es in der DDR übrigens erst in den Siebzigern.) Womit beschreibt der Film mit dem Titel "Boxhagener Platz" etwas Typisches des Lebens am Boxhagener Platz Ende der 60-er Jahre? Haben dort nur Berlinverblödete gelebt? War der Boxhagener Platz ein spezieller Sammelpunkt von Alkoholikern? Bedeutet "Berliner Kiez" die Dominanz von Primitivität? Oder vielleicht nur in Ostberlin? Warum begleitet ein 14-Jähriger auf Schritt und Tritt seine Oma? Die Figurenzeichnung in diesem Film ist unterirdisch oberflächlich, bestenfalls sind mir ausschließlich Karikaturen begegnet - aber war das Absicht? Oder einfach nur die adäquate Umsetzung pseudokünstlerischer Vorstellungen?
Das Thema des Films ist zu wichtig, um derartig hingerotzt zu werden. Sehr ärgerlich!


Marla

Nachtrag:

"Anders als Good Bye, Lenin! (2003) von Wolfgang Becker oder auch Sonnenallee (1999) von Leander Haußmann huldigt Boxhagener Platz aber nicht der Ostalgie, sondern eher ganz allgemein dem Proletariat" - so heißt es in der Eingangskritik.

Wie bitte? "Good Bye, Lenin" und "Sonnenallee" huldigen der Ostalgie? "Sonnenallee" ist eine erkennbar bewusst überspitzte tragikomische und im Gegensatz zu "Boxhagener Platz" künstlerisch gelungene Darstellung der Konflikte, in denen sich DDR-Bürger aller Altersklassen befanden und die oft nur mit Galgenhumor aushaltbar waren, manchmal aber äußerst traurig aufgelöst wurden. Ähnlich setzt auch "Good Bye, Lenin" dieses Thema um. Beide Filme haben mich betroffen zurückgelassen, das zunächst immer erst einmal befreiende Lachen über die komischen Momente blieb mir angesichts des tragischen Hintergrunds jedesmal im Hals stecken. Das empfand ich als vollkommen stimmig - nichts da von "Ostalgie". Das sind Filme, die ohne Verbissenheit genau das deutlich machen, was in der DDR zwischen "normalem" Leben und unmissverständlicher Diktatur möglich und unmöglich zugleich war. Beide Filme: Satire im besten, weil sowohl in der Tragik als auch im Komischen tief auslotenden und berührenden Sinne - Lachen und Trauern in einem, sich gegenseitig aufhebend und doch jeweils von eigener mitfühlbarer Darstellungskraft. Wer das "Ostalgie" nennt, hat - mit Verlaub - beide Filme nicht verstanden. Im Vergleich dazu ist "Boxhagener Platz" ein unentschlossenes und darum undefinierbares Etwas. Das ist das große Problem dieses Films, in dem die in der Eingangskritik behauptete dem "Proletariat ganz allgemein" zuteil werdende Huldigung, falls überhaupt gewollt, hoffnunglos versickert. Wenn die in "Boxhagener Platz" gezeigten, bestenfalls mitleiderregenden Säufer- und Schlägertypen das "Proletariat ganz allgemein" sein sollen, dann gibt es erheblichen begriffsklärenden Nachholbedarf. Denn: das "Proletariat ganz allgemein" - was soll das denn sein? Zwischen den "Prolls" in "Boxhagener Platz" und (auch in der DDR der 60-er Jahre nur noch historisch bestimmbaren) Proletariern gibt es keinerlei Gemeinsamkeiten.






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