Boudu – Ein liebenswerter Schnorrer

Nach Michel Simon (Boudu – aus den Wassern gerettet, 1932) und Nick Nolte (Zoff in Beverly Hills, 1986) stellt nun Gérard Depardieu in der jüngsten Verfilmung des Bühnenstoffes als grobschlächtiger Clochard das Leben eines Spießers (Gérard Jugnot) auf den Kopf.

Boudu – Ein liebenswerter Schnorrer

Im sonnigen Aix-en-Provence sind für den Kleingaleristen Christian Lespinglet (Gérard Jugnot) dunkle Wolken am Himmel aufgezogen. Das Leben des Mittfünfzigers verläuft zunehmend unbefriedigend: Das Galerie-Geschäft schreibt rote Zahlen, die psychisch angeknackste Ehefrau (Cathérine Frot) verliert sich in eingebildeten Krankheiten und die Wunschaffäre mit der jungen Assistentin Coralie (Constance Dollé) gestaltet sich schwierig, da sich die 25jährige den amourösen Avancen ihres Arbeitgebers erfolgreich zur Wehr zu setzten weiß. Dass eine ungewollte Abwechslung, in Gestalt des grantigen wie ungepflegten Boudu (Gérard Depardieu), der sich bei den Lespinglets eingenistet hatte, für Christian die Gelegenheit eines Neuanfangs bedeutet, wird dem Galeristen erst bewusst, als der Obdachlose von Dannen zieht.

Der Regisseur und Hauptdarsteller Gérard Jugnot nimmt die Herausforderung an, in der Rolle seines Gegenparts, den vor Kraft und Energie strotzenden Gérard Depardieu zu besetzten. Jugnot scheint der Drahtseilakt gelungen zu sein, an dem sich bereits der Übervater des französischen Kinos, Jean Renoir, die Zähne ausgebissen hat. Renoir überließ in Boudu – aus den Wassern gerettet (Boudu sauvé des eaux, 1932), der erste Verfilmung des gleichnamigen Bühnenstückes von René Fauchois, dem spielwütigen Michel Simon als nuschelnden Clochard über weite Strecken Narrenfreiheit, was nicht wenige Szenen ins Vaudevillehafte ausufern lies. Wenn Jugnot auch nicht Renoirs innovative, visuelle Brillanz erreichen kann, hat er doch in dieser Version des Theaterstoffes seinen Star fest im Griff. Ohne ihn den Film dominieren zu lassen, bedient sich Boudu der kernigen Präsenz Depardieus, wobei insbesondere Cathérine Frot und Jugnot selbst ihm gleichwertig gegenüberstehen.

Boudu – Ein liebenswerter Schnorrer

Das penibel konstruierte Drehbuch legt den Rahmen des Beziehungsgeflechts der vier Hauptfiguren klar fest, in dem sich auch Boudus Part bewegen muss. Jugnot geht jedoch zu sehr auf Nummer sicher, da sich trotz der schlagfertigen Dialoge, von Schauspielern in Bestform wiedergegeben, der Konstruktionscharakter der Erzählung in den Vordergrund drängt. So kommt es bei der Inszenierung nicht selten zu einem seltsam anmutenden Wechselbad aus Statik und Dynamik. Jugnots Film haftet zudem der staubige Geschmack des Altbackenen an. Unter anderem mag dies in der Ausgangssituation, die des traditionellen Lustspiels, begründet sein, dem sich Jugnot mit einem Hauch von Nostalgie verschrieben hat. Der Regisseur kann somit nicht auf Albernheiten und überholte Rollenklischees verzichten, so dass etwa Christians wenig emanzipierte Assistentin bisweilen einem Alt-Herren-Witz entsprungen zu sein scheint.

Zu den unterhaltsameren Momenten der Komödie zählen die Reibungspunkte zwischen dem gesetzten, wie untersetzten Jugnot als Christian und dem Mannsberg Depardieu als Boudu, der auch in dieser Rolle seine lang kultivierte Schnoddrigkeit pflegt, die er als Boudu auf die Spitze treiben kann. Das heraufbeschworene Konfliktpotential der ungleichen Figuren scheint aufzugehen.

Boudu – Ein liebenswerter Schnorrer

Keinesfalls spielt Depardieu dabei den „liebenswerten Schnorrer“, wie es der deutsche Titelzusatz glauben machen möchte. Vielmehr kann der Schauspieler, der eine Ikone des französischen Kinos ist, aus dem Vollen schöpfen und Boudu mit dem dreisten Anarchismus seines Ausgebufften (Les Valseuses, 1974) wie auch mit einer proletarischen Einfachheit ausstatten, die so häufig seinen Filmfiguren anhaftet. Die Rolle des Landstreichers hält zudem einige Überraschungen parat. So wird etwa deutlich, dass unter der plumpen Oberfläche ein radikaler Alt-Linker steckt: „Wer Waffen verkauft, stirbt durch Waffen“ pöbelt Boudu im Streit einen Schießbudenbetreiber an. An anderer Stelle spielt sich durch diese versteckte Facette des Charakters die Drehbuchkonstruktion besonders in den Vordergrund, wenn sich herausstellt, dass die Figuren Christian und Boudu nur vermeintliche Gegenpole bilden, denn auch Christian sieht sich als Alt-Linker, nur hat er, wie auch Boudu, seine Ideale mit den Jahren durch Resignation eingetauscht.

Boudu bleibt dem Original nicht nur in Hinblick des Lustspielcharakters treu, denn auch Fauchois’ satirischen Aspekt greift Jugnot auf und verlagert die Bloßstellung der gutbürgerlichen Moral, ganz zeitgemäß unter dem scheinbar omnipräsenten Damoklesschwert einer drohenden Wirtschaftskrise, auf das Porträt einer bürgerlichen Existenz am Rande des Ruins. Der selbstständige Christian ist pleite und muss sich, wie auch Boudu, zunehmend einem alltäglichen Existenzkampf stellen. Die leichtfüßige Satire wird, wenn auch nur in Ansätzen, zur beißenden Gesellschaftskritik.

Boudu – Ein liebenswerter Schnorrer

Schade, dass Jugnot keinen Weg findet, aus den verschiedenen Ingredienzien seines Komödienkonstrukts ein ausgewogenes Bild zu komponieren. Im wortwörtlichen Sinne misslingt dies auch Christian. In der letzten Einstellung schickt er sich an, es dem Impressionisten Cézanne gleichzutun und den östlich von Aix-en-Provence gelegenen Mont Sainte-Victoire mit dem Pinsel auf einer Leinwand einzufangen. Die zahlreich abgebrochenen Versuche, die in den Ästen eines Baumes hängen, belegen sein Scheitern. Damit gibt sich der verkappte Maler jedoch zufrieden, allein den Versuch scheint er als lebensbejahenden Erfolg zu werten. Mit ironischer Distanz vermag Jugnot am Ende des Films, in einer Quasi-Selbstinszenierung, den für ihn unerfüllbaren Anspruch, als Künstler seinem Vorbild gleichzukommen, auf sein filmisches Schaffen zu übertragen. Gerne nimmt man dem selbstreflektierten Regisseur die Freude am Entstehungsprozess seiner Arbeit ab und es scheint, als weise Jugnot bewusst darauf hin, dass er sich gar nicht mit dem großen Meister, Jean Renoir, messen wolle.

Andere Artikel

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.