Botero - Geboren in Medellin

Der für seine Künstlerbiografien bekannte Peter Schamoni lässt Fernando Botero einen Blick auf sich selbst werfen. Im erinnernden Erzählen des kolumbianischen Künstlers wird die Realität zur Fiktion und damit authentisch.

Botero - Geboren in Medellin

Die Kamera zoomt auf eine mächtige Skulptur im Freien. Bedrohlicher Glockenklang wird abgelöst von einem orchestralen dynamischen Aufbruch, derweil die Skulptur von einem Kran auf einen Lastwagen gehievt und über eine Schnellstraße transportiert wird. Der Anfang von Peter Schamonis Botero – Geboren in Medellin wirkt weniger wie ein Dokumentar- denn wie ein Industriefilm. Während der Künstler im Off die Aufnahmen kommentiert – „Ich komme mit meiner Kunst zu den Menschen“ (dt. Sprecher: Mario Adorf), befingern Kinder seine voluminösen Skulpturen, und Frauen lassen sich vor diesen ablichten. Die Menschen nehmen seine Kunst in Besitz. Fernando Botero sagt, es gefalle ihm, wenn sie die Figuren anfassen, dann nämlich werde das „sinnliche Gefühl“ vermittelt, mit dem er diese gestalte. Städtenamen werden eingeblendet: New York, Chicago, Lissabon, Tokio, Den Haag, Mailand, Berlin etc. Überall muss der Meister Autogramme geben.

Botero - Geboren in Medellin

Endlich ist der Werbeauftakt vorbei, und Botero fängt wirklich an zu erzählen, im Erinnern wird er authentisch. Während die Kamera einfängt, wie seine Hand eine Mandoline zeichnet, erinnert er sich, wie er 1956 in Mexiko solch ein Zupfinstrument mit einem viel zu kleinen Loch gemalt und über die verfremdete Proportion eine „monumentalere und sinnlichere Form“ geschaffen habe. Auf dieses Erlebnis datiert Botero den Beginn seines eigenen Stils.

Dokumentarfilmmaterial aus den Jahren 1969 bis 2004 wird mit aktuellen Aufnahmen aufwändig montiert: Wir sehen Botero mit noch dunklem Haar beim Zeichnen – gerahmt von einer Einstellung im Heute, die den Künstler über die Schulter filmt, ins Bild ragt allein seine Hand, die Bleistiftzeichnungen in einem aufgeschlagenen Buch präsentiert, während er diese ob ihres vielfältigen Ausdruckvermögens als wichtige Vorstufe für die Malerei beschreibt. Über die Montage, die historisches und aktuelles Bildmaterial kaum wahrnehmbar miteinander verwebt, blicken wir mit dem älteren auf den jüngeren, zeichnenden Botero, wir reflektieren zusammen mit Botero ihn selbst, den Zeichner, der er einmal war, die Vergangenheit spiegelt sich in der Gegenwart.

Botero - Geboren in Medellin

Das Auge des Zuschauers wird gelenkt auf Ausschnitte aus Zeichnungen, Gemälden und  Skulpturen Boteros, die in einer spielerischen, facettenreichen Montage den gesamten Arbeiten gegenübergestellt werden wie auch mit anderen Werken in einen Dialog treten. Zeichnungen bezeugen die Entwicklung der Gemälde; farbenprächtige Malerei wird montiert in Schwarzweiß-Dokumentaraufnahmen. Die Kamera zoomt in die Bilder herein wie heraus, fährt auf sie zu wie zurück. Boteros Kunst trifft über die Montage auf eine Realität im Gestern wie Heute und drängt diese in den Hintergrund. Das Leben weicht einer Realität der Fiktion, Realität wird zur Fiktion, Fiktion zur Realität. „Ich will durch die Realität nicht eingeschränkt werden“, betont Botero. Und weiter: „Der einzige Grund für einen Maler zu malen, ist der, seine eigene Welt zu schaffen, die Realität gibt es ja schon. Es geht darum, die geistige Parallelwelt zu malen, die im Kopf des Künstlers entsteht.“

Dieser Haltung versucht Schamoni mittels einer artifiziellen Montage zu entsprechen, doch nicht immer glückt ihm das so wie in der Szene im kolumbianischen Eukalyptuswald, die zugleich den filmischen Entstehungsprozess spiegelt. Botero führt das Kamerateam durch „seinen“ Wald, in dem, wie er uns erzählt, viele Ideen zu seinen Bildern entstanden seien. Plötzlich scheint er seinen Schritt abzubremsen, die Bewegung (des Films) stoppen zu wollen, innezuhalten. Er blickt aus dem Bild, und im scheinbaren Gegenschuss zeigt Schamoni uns ein kleines Männchen, einen Priester, ein rotes Schirmchen über seinen Kopf haltend im grünen Wald – ein Gemälde, das sich gerade ob der figurativen Welten Boteros und der „unsichtbaren“ Montage Schamonis fast unbemerkt in das Dokument über den Künstler einschleicht.

Botero - Geboren in Medellin

Und doch kommt es zu einer Reizüberflutung, müssen die Augen des Zuschauers immer wieder Split Screen, Zeitlupen und -raffer ertragen wie auch Bild-Rahmungen, bestehend etwa aus japanischen Schriftzeichen, oder ein Blitzlichtgewitter aus Einzelbildern untermalt mit Schüssen und Schreien – eine Szene, die ein Massaker in Medellin nachstellen soll, für das eine Vogelskulptur Boteros als Bombenversteck funktioniert hat. Mit diesen stilistischen Mitteln glaubt Schamoni, Boteros Welt und dessen „geistiger Parallelwelt“ (audio-)visuell unentwegt entsprechen zu müssen.

Wenngleich kein Kommentator, sondern der Künstler selbst über sein Werk spricht, so fehlt der dokumentierende Entstehungsprozess vor beziehungsweise für die Kamera. Nur einmal sieht man Botero in schnellen Bewegungen einen Pinsel über die Leinwand führen. Künstlerische Techniken scheinen Schamoni nicht zu interessieren, möglich auch, dass Botero keine Lust (mehr) hatte, darüber zu referieren.

Botero - Geboren in Medellin

Wichtiger für diesen Film war beiden die Außenwirkung, die Erfolgsgeschichte des in der ehemaligen Hochburg des kolumbianischen Drogenkartells aufgewachsenen Künstlers – der Bilder wie seinen Abu-Ghraib-Zyklus und Skulpturen wie auch seine Sammlung an Museen schenkt, der die „kleinen Boteros“ in den Souvenirläden erwähnenswert findet, der unterstreicht, Medellin habe es sich einiges kosten lassen, einen ganzen Häuserblock abzureißen, als er 25 seiner Monumentalfiguren für das Stadtzentrum gestiftet habe. Zweifellos genießt der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Botero die Verehrung, die ihm zuteil wird, vielleicht spiegelt sich für ihn darin (auch) die Dimension von Freundschaft, die, wie er sagt, Kolumbien auszeichne.

„Eine eigene Welt zu schaffen, ist das beste, was mir passieren konnte“, resümiert der inzwischen 76-Jährige. Nur leider ist das dem Zuschauer nicht vergönnt – statt die Löwen aus Boteros Zirkusperiode nur zu zeigen, mischt Schamoni ein Löwenbrüllen unter die Bilder.

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