Borgman

Ideologiekritische Gartenarbeit.

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Alex Van Warmerdam buddelt. Der niederländische Regisseur ist dafür bekannt, in seinen Filmen gern auch mal selbst eine Nebenrolle zu übernehmen. Und es ist wohl kein Zufall, dass er sich in Borgman ausgerechnet als Baggerfahrer inszeniert, der den Garten einer gut situierten bürgerlichen Familie umgräbt. Aber dazu später mehr. Der von Warmerdam gespielte Ludwig ist Teil eines geheimnisvollen Netzwerks, das zu Beginn des Films noch buchstäblich im Untergrund wirkt. Eine Gruppe von drei Männern, angeführt von einem Pfarrer, marschiert in der ersten Sequenz in einen Wald und stößt mit Stöcken und Äxten brutal in den Boden. Damit wecken sie den titelgebenden Borgman (Jan Bijvoet), einen haarigen kleinen Mann, der in seinem unterirdischen Domizil gerade noch im Bett lag. Borgman kann dem Angriff entkommen, flieht und warnt über sein Handy noch zwei weitere Waldmenschen, die ebenso schnell aus ihren Löchern kriechen und Reißaus nehmen. Worauf diese bizarre Szenerie hinausläuft, das ist hier noch völlig unklar, aber eines wissen wir freilich: Schlafende soll man nicht wecken. Und schon gar nicht, wenn sie vernetzt sind.

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Nachdem Borgman auf seiner Suche nach einer Dusche zunächst schroff abgewiesen wird, landet er schließlich vor dem Haus der anfangs erwähnten Familie. Als Hausherr Richard (Jeroen Perceval) dem vermeintlichen Vagabunden gerade die Tür vor der Nase zuschlagen will, behauptet dieser kurzerhand, er kenne Richards Frau. Es ist die erste von vielen geschickten Manipulationen des verstörend souveränen Borgman – sie endet in einem wütenden körperlichen Angriff des eifersüchtigen Ehemanns, der zu ersten Spannungen in der Ehe mit seiner Frau Marina (Hadewych Minis) führt. Diese entdeckt Borgman bald im Gartenhaus der Familie wieder, und ihre zweite Begegnung mit dem mysteriösen Fremden ist ein klassischer E.T.-Moment: Neugier und Unbehagen, Angst und Faszination halten sich die Waage, und schließlich willigt Marina ein, Borgman heimlich im Gartenhaus wohnen zu lassen. Doch so leicht zu verstecken wie der sympathische Außerirdische ist Borgman nicht – und längst nicht so harmlos.

Denn dass der Marinas Gastfreundschaft dreist ausnutzende Bärtige nicht nur gekommen ist, um zu bleiben, sondern auch um Unheil anzurichten, das ahnen wir schnell. Warmerdam vereint in seiner Borgman-Figur die allmächtige Präsenz des Unerklärlichen mit kaltblütiger Berechnung – und sein Protagonist ist nicht allein. Borgmans Gehilfen sind stets nur eine SMS entfernt und sofort zur Stelle, wenn ein falscher Arzt gebraucht wird oder eine Leiche aus dem Weg geräumt werden muss. Schon bald ist das Haus gänzlich vom Unheimlichen umgeben, und Marina wird von Splatter-Träumen heimgesucht, in denen ihr Ehemann gewalttätig gegen sie vorgeht. Vom mittlerweile rasierten und als neuer Gärtner getarnten Borgman scheint sie dagegen auch sexuell immer stärker angezogen.

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Auf den ersten Blick bricht in Borgman ein nicht fassbares, anonymes „Böses“ in den Alltag einer harmlosen Familie ein. Vor allem im ersten Teil erinnert der Film daher an ähnlich absurd-komische „Devil-On-Earth“-Komödien wie Kevin Smiths Dogma (1999) oder Alex de la Iglesias El día de la bestia (1995). Das Absurde neigt nun häufig dazu, etwas zu laut nach Kult zu schreien, und es stellt sich daher immer die Frage, in wessen Dienst es steht. Während es in den genannten Beispielen meist in einer Logik der Invasion aufgeht, in der es als Gegenpart zum Bösen immer auch das die Menschheit rettende Gute gibt, entfernt sich Warmerdam von derartigen Dualismen. Je tiefer wir eindringen in das nun immer stärker mit der Präsenz der Dämonen erfüllte Familienleben, desto stärker entfernt sich der Film vom Kuriositätenkabinett und entfaltet sein ganzes Potenzial als faszinierende wie verstörende Parabel.

Denn Warmerdam steht viel eher in der Tradition Luis Buñuels und dessen radikaler Kritik bürgerlicher Normalität. Nicht Gut gegen Böse wird hier in Stellung gebracht, sondern höchstens das Bewusste gegen das Unbewusste – und eben auf diese imaginäre Trennung haben es Borgman und seine Kumpanen nun abgesehen. Sie bringen die Familie anders als in Hanekes ähnlich angelegtem Funny Games (1997) nicht mit Zwang unter ihre Kontrolle, sondern fast immer nur indirekt, manipulieren und provozieren Realität und Traum – und bringen so das Verdrängte der bürgerlichen Fassade ans Tageslicht: Sexualität, Gewalt, Ressentiments. Um den Job als Gärtner der Familie zu bekommen, schickt Borgman erst mal drei migrantische Bewerber voraus und entlockt Richard dessen rassistische Vorurteile. „Wir sind nun mal aus dem reichen Westen. Das ist doch nicht unsere Schuld“, verteidigt der sich.

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Und so buddelt Warmerdam in Borgman nicht nur als Nebendarsteller, sondern auch und vor allem als Regisseur. Indem er durch seinen Dämon all das unter den Wald Gekehrte ins Heim wuchern lässt, entblößt Warmerdam die hinter dem diskreten Charme der Idealfamilie liegenden Mikro-Faschismen. Und einmal freigelegt, verschwindet das Verdrängte eben nicht, sondern drängt immer weiter nach vorn – einem radikalen Ende entgegen. Hätte die Gruppe um den Priester zu Beginn des Films Borgman also lieber weiter schlafen lassen? Zumindest hätte sie wissen müssen, dass man den Wald nicht säubern kann, ohne Unordnung in den Vorgarten zu bringen.

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Kommentare


Pinkerneil

Borgman - eine genial-eigenwillige und kafkaeske Interpretation eines alten Science-Fiction-Themas im Hier und Jetzt:

Die Interpretation des Films erschliesst sich wenn man sich dessen Namen ins Bewusstsein ruft: "Borgman": Die Borg - Maschinenmenschen - in Star Trek assimilieren andere Völker ("Widerstand ist zwecklos") und transformieren diese durch Einsetzen von technischen Implantaten in Ihresgleichen. "Borgman" verlegt, simpel aber dafür umso verstörender, diese Science-Fiction-Vision ins Heute, vom Universum in den kleinen idyllischen Garten einer Vorstadtfamilie und bringt den Horror damit dem Zuschauer ganz nahe. Dort dringt das Böse ein und assimiliert die Familie. Nur angedeutet wird das bei Star Trek zentrale Einsetzen der Borg-Implantate, indem in kurzen Sequenzen Skalpelle zu sehen sind und in Alpträumen der Protagonisten Körperteile aufgeschnitten werden. "Die Kinder sind erschöpft von der Technik" sagt eine "Ärztin" in Borgman. Wer ist das Gute, wer das Böse? Sind die Bösen tatsächlich diese Eindringlinge oder retten am Ende die Borg die Menschen vor dem latent Bösen, das ihnen selbst innewohnt?






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