Bone Tomahawk

Das wunderschöne Plakat von Bone Tomahawk verspricht vieles – und S. Craig Zahlers Film kann fast alles einlösen. Ein mit viel Liebe gedrehter Western von Kinoliebhabern für Kinoliebhaber, der hierzulande nur leider ausschließlich auf DVD erscheint.

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Die Frontierstadt Bright Hope wirkt fast wie ausgestorben – ihre Cowboys sind gerade mit dem Vieh losgezogen. Doch obwohl sie diesen äußerst verlassenen Eindruck macht, ist sie alles andere als eine Geisterstadt. Bright Hope wird ihrem Namen absolut gerecht, hier ist die Verheißung einer goldenen Zukunft überall spürbar. Es handelt sich um eine zivilisierte Stadt, wie Sheriff Hunt (Kurt Russell) betont. Hier ist es unverschämt sauber, sind die Dächer frisch gestrichen, die Balken der Dielenböden noch nicht verschlissen und die Gardinen sonnendurchflutet. Man kennt sich, pflegt einen respektvollen Umgang miteinander, lässt die Ehegattinnen grüßen. Der örtliche Doc in Zeiten des Viehtriebs ist eine Frau. Nicht nur Samantha (Lili Simmons aus Banshee und True Detective in ihrer ersten größeren Kinorolle) ist unverschämt schön mit dem passenden Garn zu jedem Anlass. Auch die Männer legen gesteigerten Wert auf ihr Äußeres. Der lokale Barbier scheint ein Meister seines Fachs zu sein, so gestriegelt und gezwirbelt sind die Bärte von Hunt und dem arroganten rassistischen Revolverhelden Brooder (Matthew Fox). Letzterer ist ein Augenschmaus in weiß, in perfekter Abstimmung auf seinen Schimmel. Auch der Sheriff könnte als Dressman bestehen, schon im schwarzen Anzug mit Weste, erst recht aber im dezent karierten Nadelstreifenmantel, mit violetter Krawatte und hellbraunem Hut.

Noch einmal Staub fressen

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Als ein unsauberer Fremder (David Arquette) die Idylle stört und wenig später Samantha auf dubiose Weise entführt wird, müssen sich die adretten Männer in ihre Sattel schwingen. Sie müssen ihre Komfortzone verlassen, in den Krieg ziehen, noch einmal Staub fressen, sich dreckig machen, bis ihr Outfit verschlissen, ihre Frisuren ramponiert sind. Und spätestens seit Lady Snowblood (Shurayuki-hime, 1973) wissen wir, dass reinstes Weiß die wunderbarste Komplementärfarbe zu blutigem Rot ist.

Bone Tomahawk ist ein captivity narrative und in diesem Zuge unweigerlich mit The Searchers (Der schwarze Falke, 1956), einem der absoluten Überwestern, verwandt. Doch während dessen Protagonist, der Kriegsheimkehrer Ethan Edwards, nie Teil der vermeintlich errungenen Zivilisation ist und sein wird, kehren die Männer in Bone Tomahawk allen Errungenschaften, allem Halt und aller Zuversicht den Rücken, um noch einmal der fruchtbaren Wildnis des amerikanischen Westens ins Auge zu blicken. Was wie ein Fashion-Western beginnt, entpuppt sich so als sorgfältig arrangierte Spiegelung. Nach einem Prolog nimmt sich Regisseur und Autor S. Craig Zahler Zeit für seine geduldige, unscheinbare Exposition. Auch die Rettungsaktion als Zentrum des Films verläuft entlang zum Teil betörender Aufnahmen und Einstellungen geradezu sachlich, gedrosselt, reduziert. Fast schleichend büßen die Männer ihren glänzenden Look ein, geraten immer tiefer in das Herz der Finsternis. Langfilmdebütant (!) Zahler scheut sich nicht vor den Großen der amerikanischen Populärkultur. Es gelingt ihm aber auf so charmante wie souveräne Weise, ein postmodernes reines Zitatenkino zu vermeiden. Sein Film ist zwar keine Genreneudefinition wie etwa John Hillcoats The Proposition (2005), jedoch integraler Bestandteil eines aktuellen Filmzyklus, der die Revitalisierung des Genres bedeutet.

Mitten in den Westernwochen

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Jane Got a Gun von Gavin O‘ Connor mit Natalie Portman hatte um Sylvester herum beinahe unbemerkt den Auftakt der Westernwochen eingeläutet. Bone Tomahawk wiederum steht und startet zwischen Alejandro González Iñárritus The Revenant und Quentin Tarantinos The Hateful Eight. Allerdings leider nicht im Kino. Das ist in vielerlei Hinsicht bedauerlich, denn Bone Tomahawk ist ein außergewöhnlich liebevoll orchestrierter und arrangierter Film, der auf den unterschiedlichsten Ebenen zu überzeugen weiß. Das beginnt, am offensichtlichsten, mit dem Cast. Zahlers Entleerung des Settings ist ein Kunstgriff, der es seinen Akteuren erlaubt, wie in einem Theaterensemble miteinander zu interagieren. Hier gibt es keine Komparsen, sondern ausschließlich Figuren mit Funktion und Wirkung. So gelingt es beispielsweise Sid Haig und Michael Paré in nur wenigen Momenten ganze Szenen zu tragen und die Handlung voranzutreiben. Auch Sean Young und Kathryn Morris verleihen ihren Figuren in kurzen Szenen Nachhaltigkeit. Die Kamera betrachtet dieses Ensemble gleichberechtigt, hier gibt es keine Personen, die im Anschnitt degradiert werden.

Weg zum Massaker

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Um dieses Figurenuniversum zu etablieren, nimmt Zahler sich viel Zeit. Selbst nach dem Ausritt des Rettungskommandos stellt sich, anders als etwa in The Revenant, auch keine Ereignisdichte ein. Tatsächlich ist der durchaus dialoglastige Bone Tomahawk Tarantinos ebenfalls mit Kurt Russell besetztem The Hateful Eight deutlich näher. Und er baut eine Brücke zum Horrorgenre, die in diesem Jahr auch noch By Way of Helena des Australiers Kieran Darcy-Smith überschreiten wird. Zahler schafft es dabei, sich elegant nicht nur vor John Ford, sondern auch vor Wes Craven zu verneigen. Denn wenn Sheriff Hunt zwischendurch gemahnt: „We’re here for a rescue, not a massacre”, dann ahnt man schon, dass es wohl anders kommen muss. Nicht umsonst intoniert ein entfernt an Scott Walker und Nick Cave erinnernder Männergesang das aus Zahlers eigener Feder stammende „Four Doomed Men Ride Out“ am Ende des Films.

Trailer zu „Bone Tomahawk“


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