Bombay Beach

Life is nothing but a habit anyway.

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Das Salton-Tal in Südkalifornien, 1905: Durch Hochwasser im Colorado River entsteht mitten in der Wüste ein Salzwassersee. Salton Sea, 1950er Jahre: Ein TV-Spot preist ein neues Urlaubsparadies an. Die Strände des Salzsees sollen zum neuen Anlaufpunkt für Urlauber werden. Es entstehen Gemeinden wie Bombay Beach, wo Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. bald Ferienhäuser besitzen. Bombay Beach, 2010: Niemand schwimmt mehr im Salzsee, an den Stränden liegen keine Touristen, sondern tote Fische, der steigende Salzgehalt des Sees lässt das Ökosystem verwahrlosen. Ebenso verwahrlost erscheint Bombay Beach, das nur noch knapp 300 Einwohner zählt.

Doch Verwahrlosung ist nicht das richtige Wort. Das Motiv des gescheiterten amerikanischen Traums wird schon viel zu häufig bemüht, nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Langfilmdebüt von Alma Har’el. Will man Bombay Beach gerecht werden, dann ist diese abgedroschene Formulierung zu wenig, viel zu wenig. Das Kino ist voll von gescheiterten amerikanischen Träumen, und selten gelingt es uns, in diesem Scheitern mehr zu sehen als das Nicht-Erreichen der uns gewohnten Standards. Har’el fordert uns nun heraus: Sie hat ein Jahr mit den Menschen in Bombay Beach zusammengelebt, sie nicht bemitleidet, sondern ernst genommen. Gescheiterte Existenzen? Vielleicht, aber zunächst einmal Existenzen.

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Was Har’el aus diesem Material macht, ist atemberaubend. Die Israelin hatte sich bislang mit Videokunst und Musikclips einen Namen gemacht, und sie lässt diesen Hintergrund in ihren ersten Film einfließen. So verwebt sie die Schicksale der Bewohner zu einem 80-minütigen Reigen zu den Klängen von Bob Dylan und Beirut, in dem die Grenzen zwischen authentischer Darstellung und Stilisierung verschwimmen. Mal erleben wir einen Abend im Hause der Familie Parrish mit einem verbitterten Vater, der sich vor lauter Schuldgefühlen eine Tracht Prügel wünscht. Hier scheinen wir zufällige Zeugen eines Augenblicks tiefster Wahrheit zu werden, sind ganz im Reich des sozialrealistischen Dokumentarfilms. Doch dann diese fiebertraumartigen Sequenzen vor dem magischen Wüstenlicht: Der kleine Benny darf sich als Feuerwehrmann inszenieren, der alte Red fordert noch einmal zum Walzer auf, und CeeJay und seine Angebetete Angela tanzen ihr eigenes, kleines Happy End. Es ist die Spannung zwischen dem Blick auf das prekäre Leben und diesen kraftvollen Momenten des Glücks, zwischen den „echten“ Szenen und den mutigen Inszenierungen und Choreografien, die Bombay Beach seinen besonderen Reiz verleihen.

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Man mag Har’el nun vorwerfen, sie beute diese Menschen aus, romantisiere das Elend, ästhetisiere die Armut. Doch dahinter lauert auch nur die reaktionäre Vorstellung, dass die Fantasie fehl am Platz ist, sobald es um Armut geht. Dokumentarfilme über Menschen „ganz unten“ haben nüchtern zu sein, objektiv, realistisch. Dabei ist gerade diese Gewohnheit keinerlei Vorstellung von Veränderung verpflichtet, sondern dient der Selbstvergewisserung eines betroffenen Publikums, das ein Begehren nach authentisch harten Schicksalen entwickelt hat, schließt dabei die Menschen in ihrem Elend ein und verweigert ihnen die Imaginierung jeden Ausbruchs. Har’el lässt sich nicht ein auf dieses Diktat des Authentischen, verweigert uns den beruhigenden dokumentarischen Blick, den wir von solchen Themen gewohnt sind. Sie nimmt nicht die Rolle des passiven Beobachters ein und filmt die Bewohner von Bombay Beach ab, sondern verbündet sich mit ihnen, hilft ihnen beim Ausbruch und nicht bei der Integration.

Bombay Beach 04

Natürlich ist hier Vorsicht geboten, und es wäre verfehlt, die in Bombay Beach dargestellten Lebensentwürfe zu romantisieren. Doch ist es erfrischend, einen Film zu sehen, der seinen Kompromiss mit der Realität nicht in einem beschränkten Vertrauen auf dokumentarischen Realismus sucht und dessen Botschaft nicht auf eine moralische Anklage der Gesellschaft hinausläuft. Es geht nicht um Armut und Mitleid, sondern zunächst um das leidenschaftliche und mutig stilisierte Porträt einer Gemeinschaft, die anders funktioniert als unsere. Bombay Beach und seine Menschen bieten uns keine passive Projektionsfläche an, sondern führen uns die brutalen Widerstände eines Lebens an den Rändern ebenso vor wie deren produktive Energie. Wir scheitern, wenn wir hier nur betroffen zusehen.

Trailer zu „Bombay Beach“


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